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rheinische ART 11/2019

BERLINER REALISMUS
Rinnsteinkunst

 

Es war unüberhörbar und unübersehbar: Deutschlands Kaiser Wilhelm II. mochte die moderne Berliner Kunst seiner Zeit nicht. Die Berliner Secession, eine von Max Liebermann 1898 begründete Künstlervereinigung, war ihm regelrecht zuwider!

 

George Grosz Im Café, 1922, Aquarell, Feder, Tusche auf Papier, Galerie Brockstedt, Berlin © Estate of George Grosz, Princeton N.J. / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

 

Die Werke, die in und um diese Gruppe herum entstanden, belegte er 1901 bei der Einweihung der Siegessäule mit dem wenig schmeichelhaften Titel „Rinnsteinkunst“. Wilhelm II sah nämlich den Auftrag des Künstlers darin, dass er das Volk an Idealen emporzuheben habe und nicht „in den Rinnstein“ niedersteigen solle um „das Elend noch scheußlicher hinzustellen“ als es schon sei.

     Was war es für eine Kunst, die den Potentaten so furchtbar störte? Es war eine Kunst, rau, ruppig und politisch unbequem. Eine Kunst mit Sprengkraft. Denn die Berliner Maler und Bildhauer widmeten sich um 1900 dezidiert sozialen Themen und begründeten damit die spezifische Berliner Tradition des sozialkritischen Realismus, die in der Kunst der Weimarer Republik ihre konsequente Fortsetzung fand.

 

Heinrich Zille Ringkampf in der Schaubude, 1903, schwarze Kreide und Aquarell © Privatsammlung Berlin

 

Mit der Ausstellung „Berliner Realismus – Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ präsentiert das Käthe Kollwitz Museum in Köln mehr als 120 Werke – von Ölmalerei, Zeichnung und Druckgraphik über Plakatkunst und Fotographie bis hin zum Film – und spannt gleichzeitig einen Zeitbogen von den 1890 bis in die 1930er Jahre.

 

Arthur von Kampf Wählt kommunistisch, 1918, Öl auf Leinwand © Berlinische Galerie –
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur

 

Bruno Voigt Arbeitsamt I, 1929, Pastellkreide u. schwarze Tusche © Galerie Brockstedt, Berlin

 

 

Käthe Kollwitz Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück, 1929, Lithographie © Käthe Kollwitz Museum Köln

 

Wie ein roter Faden zieht sich die Auseinandersetzung mit den sozialen Missständen in Deutschland durch die Berliner Kunst, betont das ausstellende Haus. Unabhängig von den zahlreichen Stilrichtungen der Moderne sind Krieg, Revolution, Kapitalismuskritik, soziale Ungleichheit und Prostitution immer wiederkehrende Motive.
     Die prekären Lebensverhältnisse der mit der boomenden Industrialisierung stark angewachsenen Arbeiterschaft sind zentrale Themen unter anderen bei Heinrich Zille, Käthe Kollwitz und Hans Baluschek. Ihre Werke beleuchten in der äußerlich glanzvollen Kaiserzeit die Armut, den Hunger und das soziale Elend im „Milieu“.

 

Eine Zäsur bedeutet dann der Erste Weltkrieg (mehr). Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts stürzte junge Maler und Graphiker wie Willy Jaeckel, Otto Dix oder George Grosz in existenzielle Erfahrungen, die sie anschließend in ihren Werken künstlerisch verarbeiteten.

     Diese „zweite Generation“ der Berliner Realisten – darunter auch Otto Nagel, Conrad Felixmüller und Werner Scholz – ergriff in der Weimarer Republik schließlich nicht mehr nur Partei für den oft zitierten „kleinen Mann“, sondern kritisierte mit zunehmend politischer Intention die gesellschaftlichen Zustände. Künstler wie John Heartfield (mehr) veröffentlichten in neuen Medien wie der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung eindringliche Fotomontagen und Collagen aus Text und Bild, um politische Entwicklungen zu kommentieren.

 

Die Ausstellung präsentiert auch fotographische Positionen: Werke etwa von August Sander, Friedrich Seidenstücker und Ernst Thormann. Sie zeigen, wie es der jungen Arbeiterfotographie gelang, die Lebensumstände der unteren Gesellschaftsschichten aus einer selbst gewählten Perspektive zu dokumentieren.

cpw

 

Ergänzend werden zwei Hauptwerke des proletarischen Films gezeigt: der Stummfilm „Mutter Krausen´s Fahrt ins Glück“ (1929), für den Käthe Kollwitz ein Plakat in einem außergewöhnlich großen Format schuf, sowie „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ (1932) mit Texten von Bertolt Brecht und Musik von Hans Eisler. Der Streifen gilt als Musterbeispiel für Agitprop und als Klassiker der modernen Filmkunst.

 

Die Ausstellung BERLINER REALISMUS Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix schließt am 5. Januar 2020.

Käthe Kollwitz Museum Köln
Neumarkt 18-24
50667 Köln
Tel. 0221 / 227-2899/-2602
Öffnungszeiten
DI – FR 10 – 18 Uhr
SA, SO 11 – 18 Uh
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