rheinische ART
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rheinische ART 03/2019

SURREALISMUS
Dorothea Tanning
 

Die gesellschaftlichen Konventionen und die Wahl des Ehepartners vermochten in den Vierzigern die Kunst-Ambitionen einer Frau schnell einzuschränken. Auch der vierten Frau von Max Ernst, der US-Künstlerin Dorothea Tanning, ging es zeitweise so.

  

Dorothea Tanning Maternity 1946-1947 Private Collection Fotoquelle © Tate Modern 2019
 

Zwar gelang es ihr als Autodidaktin, ihren eigenen Stil und ihre Kreativität zu entfalten. Aber sie blieb doch rund drei Jahrzehnte lang im Schatten des berühmten Ehemanns und Dada-Mitbegründers (mehr). In ihrer Biografie bekannte sie, die Reaktion von Besuchern beim Anblick ihrer Werke lautete oft: „Stellen Sie sich vor, sie malt auch!“


Dreißig Jahre waren der Brühler Maler mit dem französischen Pass und die 19 Jahre jüngere Künstlerin ehelich verbunden. Zwar hatte Tanning als Mittzwanzigerin in den 1940er Jahren erste Erfolge mit surrealistischen Gemälden. Bis zum Tod ihres Ehemannes 1976 gab es gleichwohl nur wenige Ausstellungen mit ihren Werken.

     1959 nahm sie an der documente II in Kassel teil und 15 Jahre später richtete das Centre National d´Art Contemporain – das später Centre Pompidou – eine Retrospektive aus.

 

Nach Madrid zeigt nun die Londoner Tate den größten Rückblick auf Dorothea Tanning seit 25 Jahren. Rund 100 Exponate aus 70 Schaffensjahren sind zusammengestellt worden, darunter Gemälde mit traumartigen Szenerien wie auch die weichen Skulpturen.

     Tanning hatte sich mit symbolischen Werken wie „Maternity“ (1946) schon früh einen Ruf geschaffen, kreierte darüber hinaus unter anderem Ballett-Designs und zeichnete Illustrationen. Ihr Einstieg in die Kunst und in die verwirrende Welt des Surrealismus hatte ein festes Datum: Es war ihr Besuch der New Yorker Ausstellung „Fantastic Art, Dada, Surrealism“ im MoMA im Winter 1936/1937 – für sie eine Offenbarung!

 

Dorothea Tanning Birthday,1942, oil on canvas. Philadephia Museum of Arts. 125th Anniversary. Acquisition purchased with funds contributed by C. K. Williams, II, 1999 Fotoquelle © Tate Modern 2019

 

Auf einer Party 1942 lernte sie Max Ernst kennen, als dieser auf der Suche nach surrealistischen Malerinnen war. Es war ihr kraftvolles Selbstportrait „Birthday“ aus demselben Jahr, das die Aufmerksamkeit des im Exil lebenden Künstlerkollegen erregte.

     Ernst agierte im Auftrag seiner damaligen Ehefrau, der Mäzenin Peggy Guggenheim, die eine Ausstellung in ihrer neuen Galerie ausschließlich mit surrealistischen Künstlerinnen plante.

     Dorothea Tanning schuf in jener Zeit mehrere meisterhafte Gemälde des Genres. Als eines dieser bekanntesten Frühwerke gilt unter anderen "Eine Kleine Nachtmusik" (1943). Es zeigt einen Hotelflur mit nummerierten Türen, von denen die vom Betrachter weitest entfernte etwas geöffnet ist, um einen Blick auf Glühlampenlicht zu gewähren. Auf dem Flur liegen eine riesige Sonnenblume und Teile eines zerrissenen Stammes.

 

Dorothea Tanning Eine Kleine Nachtmusik, 1943, Tate. Fotoquelle © Tate Modern 2019 © DACS, 2019

 

Die Begegnung der jungen Tanning mit dem etablierten Kunststar hatte Folgen.Denn es war nicht nur das Kunstwerk, das bei dem gebürtigen Rheinländer Interesse weckte, sondern auch die Person der Künstlerin.

     Die Eheleute Guggenheim und Ernst entfremdeten sich daraufhin. Max Ernst und Dorothea Tanning wurden ein Paar und heirateten 1946. So außergewöhnlich wie die Beziehung begann, war auch die Hochzeit. Im Rahmen einer Doppelzeremonie gaben sich gleichzeitig der Fotograf Man Ray (mehr) und dessen Lebensgefährtin Juliet Browner das Ja-Wort.

 

Dorothea Tanning Endgame, 1944, oil on canvas, 17 x 17 in.,Harold (†) and Gertrud Parker Collection © DACS, London Fotoquelle © Tate Modern 2019

 

Es folgten kreative Jahre in den USA. Tanning und Ernst lebten zuerst in New York, wechselten jedoch bald in den abgelegenen Wüstenweiler Sedona in Arizona. Dort kauften sie Land und bauten ein kleines Holzhaus, das Tanning „Capricorn Hill“ nannte.

     Aus Sedona wurde mit der Zeit ein prosperierendes künstlerisches Zentrum. In dem Holzhaus trafen sich viele Besucher aus der Kunstwelt, darunter Henri Cartier-Bresson (mehr), Lee Miller (mehr), Roland Penrose und Dylan Thomas.

     In den 1950er Jahren zog das Paar nach Paris, später in die Provence. Dort wurden die Bilder von Tanning abstrakter und im folgenden Jahrzehnt begann sie, wegweisende Skulpturen aus weichem Stoff herzustellen, die sie auf einer alten Singer-Nähmaschine ausarbeitete.

     Ein Highlight der Londoner Ausstellung ist die große Installation "Hôtel du Pavot, Chambre 202" (Poppy Hotel, Room 202) von 1970–1973. Sie zeigt eine surreale Welt mit amorphen Skulpturen, die an den Wänden eines imaginären Hotelzimmers wachsen.


Dorothea Tanning erreichte das biblische Alter von 101 Jahren. Sie hinterließ ein facettenreiches Lebenswerk mit Gemälden, Papierarbeiten, Bühnenbildern, Kostümentwürfen und Skulpturen, darunter zahlreiche Stoffplastiken. Ihr späteres schriftstellerisches Werk umfasste Gedichte und Erzählungen. Darunter die poetische Autobiografie „Birthday“. Ihre letzte Gedichtssammlung ,Coming to That´, erschien 2012, im Jahr ihres Todes.
bra


Ein anrührendes Zeugnis der langen ehelichen Verbindung findet sich im Max Ernst Museum des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) in Brühl. Dort ist ein Raum den „D-Paintings“ gewidmet, jenen „wunderbare[n] Schöpfungen um den Buchstaben D“ (Max Ernst Gesellschaft) in Form von Bildern, Collagen, Frottagen, die der Künstler seiner Dorothea jährlich zum Geburtstag schenkte.

 

Die Ausstellung „Dorothea Tanning“ wird bis zum 09. Juni 2019 gezeigt.
Tate Modern
Millbank
London SW1P 4RG
Öffnungszeiten
MO – SO 10 – 18 Uhr

 

 

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