rheinische ART
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rheinische ART 09/2018

JOHN CHAMBERLAIN

 Star an der Schrottpresse

 

Eine Skulptur, so meinte der Künstler einst, sei etwas, das zerbräche, wenn es einem auf die Füße falle. Das kann mit seinen Kunstwerken wohl kaum passieren.

 

John Chamberlain TU MAMUSE, 2006, bemalter und verchromter Stahl, 30,5 x 33 x 33 cm, © Privatsammlung Schweiz, Foto: Marcus Vetter, Ludwig Museum Koblenz 2018

 

Wer so widerborstiges Material wie Kotflügel, Motorhauben, A-und B-Säulen, Stoßstangen, Schweller, Auspuffrohre oder sonstiges Metall- und Motorenzeugs von Autowracks wie ausrangierten Cadillacs zu sperriger, farbiger Kunst verknäulen, verbiegen und zusammenschweißen, pressen und verschrauben konnte, brauchte sich um Zertrümmerung nicht zu scheren.

 

John Chamberlain CHROMO DOMO, 2006, bemalter und verchromter Stahl, 158 x 197 x 144 cm, © Galerie Terminus, Foto: Marcus Vetter, Ludwig Museum Koblenz 2018

John Chamberlain (1927–2011) war mit seiner teils kolossalen Blechbiege-Kunst in den Fünfzigerjahren in den Olymp des Nouveau Réalisme aufgestiegen und bereitete der Pop-Art auf seine Weise einen Weg.
     Dabei war er immer wieder erstaunt, was die Betrachter in seinen meterhohen Junk-Art-Gebilden zu sehen glaubten: lebende Körper, Vögel, Bäume, Schiffe oder Blumen. Alles Mögliche war möglich, der Interpretation waren keine Grenzen gesetzt.

     Chamberlain beteiligte sich prinzipiell nicht an den Deutungen. Er kritisierte vielmehr die Kunstwelt: „Jeder will immer wissen, was es bedeutet“, zitierte ihn die „Times“ einmal. Lakonisch führte er weiter aus, selbst wenn er es wüsste: „Ich wüsste nur, was ich denke, dass es bedeutet.“


Im Ludwig Museum in Koblenz ist er nun zu sehen und dem Besucher bleibt viel Interpretationsraum, genau genommen: viel „gebogener Raum“, erhalten. Denn „Bending Spaces“ ist der Name der Ausstellung, die 80 Fotoarbeiten, Skulpturen und Farbdrucke des Bildhauers versammelt. Es ist, wie das Museum hervorhebt, die erste Museumsausstellung in Deutschland seit Chamberlains Tod im Jahre 2011. 84 Jahre war der experimentierfreudige Künstler alt geworden.

 

John Chamberlain Ohne Titel, 1995, Fotografie, 50,8 x 61 cm, © Galerie Karsten Greve AG, St. Moritz, Foto: Saša Fuis, Ludwig Museum Koblenz 2018

 

Über sechs Jahrzehnte schuf er große und kleine Kunst, malte, fotografierte, und formte aus dem Statussymbol Nummer Eins seiner Zeit, dem Fetisch Automobil, Skulpturen von nie gekannter Ausstrahlung. Es gab Zeitgenossen, die in seinen Werken gar abstrakte Interpretationen von Rodin-Figuren sahen.

     Wobei sich der gelernte Friseur offenbar selbst nicht sicher war, was er da vor sich hatte. Daher gab er seinen Arbeiten mysteriöse (Nonsens)-Namen wie „Flywheelsonata“, „Fullfilldorifice“, „Schizoverbia“ oder „Anything Goethe“, auch ein „Memo to Mozart“ war dabei.

 

John Chamberlain MADONNA JUANA, 2006, bemalter und verchromter Stahl, 125 x 89 x 131 cm, © Galerie Terminus, Foto: Marcus Vetter, Ludwig Museum Koblenz 2018

 

John Chamberlain Ohne Titel, 1970, Urethanschaum und Schnur, 22,86 x 33,02 x 35,56 cm, © Sammlung Daniel Buchholz & Christopher Müller, Köln, Foto: Lothar Schnepf, Ludwig Museum Koblenz 2018

 

Wie auch immer man diese Kreativität des Metallkünstlers bewerten mag, sie revolutionierte die Kunstwelt. Mit der unter Einsatz von Schrottpressen erzeugten Umwidmung von Pkw-Karosserieteilen, den industriell vorgefertigten Materialien aus Chrom, Blech und Stahl, setzte John Chamberlain „neue Prozesse künstlerischer Formen und einer am Konsum orientierten Ästhetik frei“, wie die Kuratoren in Koblenz herausstellen.

     Und Chamberlain blieb schließlich nicht stehen. Vom Nouveau Réalisme nahm seine Arbeit Züge des Abstrakten Realismus an, wurde später zur Minimal Art gerechnet und behauptete sich letztlich mit großer Eigenständigkeit in Form und Ausdruck.

     Ebenso wichtig, so heißt es in Koblenz, war dem US-Amerikaner das Zusammenspiel der Farben, „in denen seine Arbeiten schillern und diese teilweise in eine gewisse Nähe zur farb-fröhlichen Pop-Art“ rückten.

 

Trotz eines breiten schöpferischen Repertoires waren es immer wieder die farbigen Autobleche, alte als auch fabrikneue, die er faltete, verbog, quetschte und knautschte und die er so seinem Veränderungswillen unterwarf. Das Ergebnis dieser robusten Werktätigkeit waren meist leicht wirkende, teils sogar humorige Werke.

     Mit seinen ab dem Jahr 2000 entworfenen „Foiles“ schuf er schließlich eine Serie an Skulpturen, die an geknülltes, poppig-buntes Staniolpapier aus der Bonbonherstellung erinnern. Die Dimensionen verschob Chamberlain dabei mühelos: das am Schreibtisch entstandene, geknäulte Miniaturwerk (oft nicht höher als 10 cm) erschuf er final in monumentaler Größe, was zugleich die Spannung und die Überraschung auf Seiten des Betrachters provozierte.

cpw


John Chamberlain gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Bildhauer der Nachkriegszeit. Er wurde durch seine Kombinationen von Metallen und industriellen Medien bekannt. Chamberlain wuchs in Chicago auf und war von 1943 bis 1946 bei der amerikanischen Marine. Von 1951 bis 1952 besuchte er das Art Institute of Chicago und begann hier seine geschweißten Skulpturen zu erstellen. Inspiriert hatten ihn eigenen Aussagen zufolge Werke des Bildhauers David Smith (1906–1965), der für seine Stahlskulpturen berühmt war. 1955 ging der 28-Jährige an das Black Mountain College in North Carolina, an dem zuvor noch der deutsche Maler und Kunsttheoretiker Josef Albers (mehr) wirkte. Dort studierte Chamberlain zwei Jahre und übte später eine Tätigkeit als Dozent am College aus.


Die Ausstellung „John Chamberlain. Bending Spaces“ wird bis zum 21. Oktober 2018 gezeigt.
Städtische Museen Koblenz
Ludwig Museum im Deutschherrenhaus

Danziger Freiheit 1
56068 Koblenz
Tel. 0261 / 304040
Öffnungszeiten
DI – SA 10.30 – 17 Uhr
SO 11 – 18 Uhr

 

 

 

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