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rheinische ART 01/2019

KRIEGSFOTOGRAFIE
Lee Miller: Hinter der Frontlinie


Die US-amerikanische Fotografin und Bildjournalistin Lee Miller ist eine viel gezeigte, viel besprochene und verlegte Fotokünstlerin. Sie gehört darüber hinaus zu den wenigen Kriegsfotografinnen im Zweiten Weltkrieg.


 

Aachen Lee Miller am Verwaltungsgebäude neben dem Rathaus. Foto © Lee Miller Archives, England 2018. All rights reserved. www.leemiller.co.uk

 

Einzigartige Bilddokumente von ihr aus dem Frühjahr 1945 werfen ein Schlaglicht auf den Tiefpunkt der deutschen Geschichte. „Dies ist Deutschland, und es ist Frühling“, schrieb das ehemalige Fotomodel für ihren Auftraggeber, die amerikanische Zeitschrift Vogue, als sie im März 1945 mit den vorrückenden US-Truppen ins Rheinland kam.

 

Buchcover Das Foto zeigt Frauen mit einem Handkarren in Leipzig Foto © Greven Verlag Köln 2018

 

Der Kölner Greven Verlag hat nun in einem zweiten Bildband rund 160 schwarz-weiße Bilder der Starfotografin herausgebracht, die jene Wochen des Einmarsches zeigen; „Lee Miller Deutschland 1945“ titelt das Werk.

     Auf 21 Seiten wird den teils spektakulären Fotografien eine überaus sachkundige Analyse und Schilderung des historischen Kontextes beigefügt, die der renommierte angloamerikanische Historiker Richard Bessel, ein ausgewiesener Kenner der NS-Zeit, verfasst hat.

     Dies ist auch erforderlich, denn die Sicht der Korrespondentin war angesichts der unbeschreiblichen Gräueltaten und den Bergen von Leichen, mit denen sie vor allem in Buchenwald und Dachau konfrontiert wurde, verständlicherweise einseitig und getrübt.

 

Das Buch bietet, das wird schnell klar, einen durchaus „neuen, gleichermaßen fesselnden wie schockierenden Blick“ auf die drei Monate vor der Kapitulation, wie der Verlag betont. Es sind die Monate März, April und Mai 1945, in denen sich Miller in den verwüsteten rheinischen Städte Aachen und Köln, Bonn und Remagen aufhielt, mit GIs in Frankfurt am Main einzog, und dann nach Leipzig, Weimar und Buchwald gelangte. In Hitlers Privatwohnung in München am Prinzregentenplatz ließ sie sich von ihrem Kollegen David E. Scherman in der Badewanne des „Führers“ fotografieren. Ein Foto übrigens, das sie weltberühmt machte.

 

Bonn Straßenszene mit Litfaßsäule und Volkssturm-Plakat vor der Kreuzung Gangolfstraße und Gerhard-von-Are-Straße. Foto © Lee Miller Archives, England 2018. All rights reserved. www.leemiller.co.uk

 

Aber: Mit jedem Tag in dem zerstörten, demoralisierten und paralysierten Deutschland schienen ihre Antipathie, ihr Hass und ihre Verachtung gegenüber den Besiegten – oder Befreiten, je nach Sicht – zu steigen. Die Amerikanerin in der US-Armee-Uniform hatte wenig Zeit für Deutsche übrig, auch nicht für jene, die sich als NS-Opfer sahen. Bildern von Zerstörung, Selbstmord, ausgemergelten KZ-Gefangenen oder Kriminalität stellte die Meisterfotografin für Vogue kontrastreich intakte Landschaften, kriegsverschonte Dörfer oder Städte oder spielende deutsche Kinder gegenüber.
     Über Aachen schrieb sie im März 1945: „Die ´Stadt der Kathedralen und Könige´ war zu einer armseligen Trostlosigkeit mit Einwohnern ohne Stolz heruntergekommen, die selbstsüchtig Vorräte anlegten…“.

     Feindselig und ablehnend auch Millers Kommentare über Köln: „Die ersten Tage in Köln waren voll widerwärtigen und entsetzlichen Begegnungen. Angeblich lebten hunderttausende Menschen in den Kellergewölben dieser Hülle einer Stadt. Sehr wenige kamen jeweils zum Vorschein, und die waren dann abstoßend in ihrer Unterwürfigkeit und ihrer geheuchelten Liebenswürdigkeit.“

 

Interessant an dieser Dokumentation ist, dass Lee Millers Fotografien keine Kriegshandlungen zeigen. Vielmehr hat sie das Leben in den direkten Nachkriegstagen hinter der Front festgehalten und damit deutlich werden lassen, wie „Deutschland und die Deutschen auf Amerikaner wirkten“, wie es im Text von Richard Bessel heißt. Neben den zum Teil noch nicht veröffentlichen Fotografien vom Alltag in deutschen Trümmerwüsten sind es die erschreckenden Bilddokumente, die Miller in den Konzentrationslagern von Buchenwald und Dachau unmittelbar nach der Befreiung anfertigte. Ihre Aufnahmen spiegeln die Neugierde, den Schock und den Hass der Amerikaner angesichts der vorgefundenen Gräuel wider.

 

David E. Scherman United States Army Signal Corps, Lee Miller 1944, Foto U.S.Military, Fotoquelle Wikipedia (gemeinfrei)

 

Elizabeth Miller Eloui (1907–1977), als Lee Miller zu Ruhm gelangt, war eine hochattraktive wie schillernde Persönlichkeit. Die nahe New York geborene Schönheit arbeitete mit Zwanzig als gefragtes Fotomodel für die Zeitschrift Vogue und den bekannten Fotografen Edward Steichen (mehr).

     In Paris lebte sie ab 1929 mit dem surrealistischen Maler und Fotografen Man Ray (mehr) zusammen und gehörte zum Kreis der Pariser Avantgarde um Jean Cocteau (mehr). 1934 heiratete sie den ägyptischen Geschäftsmann Aziz Eloui Bey und zog mit ihm nach Kairo.

     Nach dem Scheitern der Ehe ging sie erneut nach Paris und hatte Kontakt zu Picasso, der sechs Portraits von ihr schuf. Im Dezember 1942 wurde Miller von der US-Armee als Korrespondentin akkreditiert und arbeitete eng mit dem Time-Life Fotografen David E. Scherman zusammen, der zeitweise ihr Lebensgefährte war. Nach dem Krieg heiratete sie in zweiter Ehe den englischen Künstler und Kunsthistoriker Roland Penrose und zog sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück.
cpw


Literaturhinweis Richard Bessel: Lee Miller Deutschland 1945. Greven Verlag Köln 2018, 140 Seiten, ISBN 978-3-7743-0698-1 Preis 25 Euro


Bereits 2013 brachte der Greven Verlag einen Bildband über das Kriegsende in Köln heraus. Lee Miller Köln im März 1945. Mit Beiträgen von Kerstin Stremmel und Walter Filz, Greven Verlag, 120 Seiten, ISBN 978-3-7743-0618-9, Preis 24,90 Euro


► Der neue Fotoband findet eine konträre, bemerkenswerte Textergänzung in den erstaunlich freimütigen Berichten und Beobachtungen des australischen Kriegsreporters Osmar White. Die nicht sehr bekannte, brillante Reportage „Die Straße des Siegers – Eine Reportage aus Deutschland 1945“, die zeitgleich zu Millers Fotos entstand, wurde aus politischen Gründen lange nicht publiziert. Erst fünfzig Jahre nach der Niederschrift wurde sie veröffentlicht. White beobachtete präzise, kühl und meist abseits der offiziellen Linie das Vorrücken von US-General Patton nach Deutschland. Er beschreibt die Befreiung des KZ Buchenwald, die Kapitulation der Wehrmacht und Übergriffe der Sieger gegen die geschlagenen Deutschen. Osmar White: „Die Straße des Siegers – Eine Reportage aus Deutschland 1945“; Deutsche Ausgabe Piper Verlag München 2005. ISBN 3-492-04711-4


► Der Düsseldorfer Kunstpalast zeigt ab 8. März die Ausstellung „Fotografinnen an der Front – Von Lee Miller bis Anja Niedringhausen“.

 

 

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