rheinische ART
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rheinische ART 03/2019

SAKRALE ARCHITEKTUR

Der Monolith von Zumthor

 

Hell, sandfarbig, streng in der Form thront das Bauwerk auf einer leichten Anhöhe. Sein Anblick aus der Ferne macht einen unsicher. Ist es ein historisches Kastell, ein alter Bergfried, ein Getreidesilo oder schlicht ein Gucker in die Landschaft?

 

Am Pilgerweg Köln-Trier und weithin sichtbar: die Bruder-Klaus-Feldkapelle im Mechernicher Ortsteil Wachendorf. Eine Architekturattraktion, ein Anziehungspunkt für Wallfahrer, Wanderer und Freunde moderner Baukunst. Foto © rheinische ART. 2019

 

Von all dem nichts. Es ist das wohl ungewöhnlichste sakrale Gebäude weit und breit. Eine Feldkapelle, nahe Wachendorf in der Nordeifel, gewidmet dem Schweizer Nationalheiligen Nikolaus von Flüe - genannt Bruder Klaus –, privat gestiftet und erbaut.

 

 

Darstellung Bruder Klaus in der Grabkapelle/ Sachseln Fotoquelle picswiss, ch; Fotograf/ Zeichner R. Zumbühl, Arlesheim

 

Vor 370 Jahren, 1649, erteilte Papst Inozenz X. die Erlaubnis zur Verehrung von Nikolaus von Flüe (1417–1487), was einer Seligsprechung gleichkam.

     Von Flüe war einer der letzten großen Mystiker des Mittelalters, ein einflussreicher Bergbauer und Friedensstifter. Im Alter von 50 Jahren verließ er seine Familie und verschrieb sich einem asketischen und strengen Leben als Einsiedler in einer Felsschlucht im Kanton Obwalden.

     Seither wird er als Pater Patriae, als Vater des Heimatlandes in der Schweiz und darüber hinaus verehrt. Bis heute ist seine Einsiedelei ein Pilgerort.

 

Die seinen Namen tragende Kapelle in der Eifel ist ein Ort der Stille, Besinnung, Meditation und des Gebets. Und es ist ein Meisterwerk des Stararchitekten Peter Zumthor (* 1943). In Form- und Farbgebung wirkt der 12 Meter hohe minimalistische Turm fast wie ein übergroßer gelblich-weißer - auch mal rötlich - schimmernder Fels, der anziehend und erhaben in der idyllischen Eifel steht.
     Als 2007 dieses archaische und doch so moderne Gotteshaus eingeweiht wurde, überschlugen sich Feuilletonisten und Baufachleute mit Superlativen zu dem imposanten Stampfbetonklotz und seinem Erbauer.

     Die New York Times nannte Peter Zumthor einen „Mystiker des Architektur“, für den Spiegel war der preisgekrönte Schweizer Baumeister so klar und gleichzeitig rätselhaft wie seine Architektur. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) sah in dem scharfkantigen, fünfeckigen Monolithen eine Symbiose aus Trutzburg und Höhle - gleichsam eine moderne Einsiedelei im Sinne Bruder Klaus´.
     In diesem Jahr 2019 geht das Gebäude mit dem spektakulären Inneren ins zwölfte Jahr seiner Existenz, und ein Nachlassen des Interesses an ihm mit seiner fast unglaublichen Historie ist nicht zu beobachten. Die Wachendorfer Kapelle hat sich zu einem internationalen Architektur-Schaustück entwickelt.

 

Ausweis baukünstlerischer Meisterschaft: die ruhige Ausstrahlung der Kapelle. Gebaut "zum Lobe Gottes und der Erde, eingesegnet im Mai 2007, gewidmet dem heiligen Bruder Klaus, 1417-1487, Friedensstifter, Mystiker und Einsiedler in den Schweizer Bergen" (Stifterplakette am Bauwerk). Foto © rheinische ART. 2019

 

Entstehung Als der Baseler Peter Zumthor an seinem Projekt Kolumba, dem grandiosen Diözesanmuseum in Köln, arbeitete, schrieb ihm das Landwirte-Ehepaar Hermann-Josef und Trudel Scheidtweiler aus Wachendorf einen Brief. Sie beabsichtigen, so die Stifter in spe, aus „Dankbarkeit für ein gutes Leben“ auf ihrem Boden eine Kapelle zu errichten. Sie baten freundlichst um einen Entwurf („ein Plänchen“) und betonten, das Bauwerk Bruder Klaus widmen zu wollen, also Nikolaus von Flüe, der 1947 heiliggesprochen worden war.

     Der fromme Mann, so die Eifeler, sei nicht nur Schutzpatron der Eidgenossen, sondern auch der Katholischen Landjugendbewegung, und die sei den Scheidtweilers lebenslang wichtig gewesen. Der Architekt bekundete, dass der Eremit ein Lieblingsheiliger seiner Mutter gewesen sei und ihm daher wohl vertraut.

     Die Antwort war zwar im Grunde ablehnend, das Argument ein monetäres („Sie können mich nicht bezahlen.“), doch signalisierte sie auch verhaltenes Interesse. Nach mehreren Gesprächen gab es ein Arrangement: Der international renommierte Baumeister bekam architektonisch freie Hand, beließ es dafür beim Kostenersatz und verzichtete auf ein Honorar.

 

 

Moderne Formensprache kombiniert mit alter Bautechnik: Eine Außenwand aus traditionellem Stampfbeton in erdiger Färbung, eine Tür aus Chromstahl und ein schlichtes, kleines Eisenkreuz über der Türspitze. Die Wände beziehen ihre Ästhetik aus der Ablesbarkeit der Bauschichten. Foto © rheinische ART. 2019

 

Die innere Schalungsstruktur wird bestimmt durch die Negativrundungen der Baumstämme. Die eingefügten Glaspfropfen nehmen das Außenlicht auf, brechen es und wirken wie Leuchtpunkte. Foto © rheinische ART. 2019

 

Material und Bautechnik Zumthor sah, anders als seine Auftraggeber, eine zeitgenössische Architektur vor. Und die war so genial wie mutig. 

     Die Pläne zeugen von der Ehrfurcht des Baumeisters vor Material und seinem sensiblen Umgang mit der Charakteristik der Örtlichkeit. Denn alles sollte in traditioneller Bautechnik mit Rohstoffen der Umgebung geschaffen werden.

     Konkret bedeutete dies: zwei unterschiedliche Schalungsmethoden für den Aufbau sowie Kies und Sand aus der Region für den Stampfbeton, einem alten und bewährten Baumaterial. Gestampft – also verdichtet – wurde der Baubeton in kräftezehrender Gemeinschaftsarbeit, an der der Bauherr, der Architekt und zahlreiche freiwillige Helfer mitwirkten.

     Innen wurde eine zeltförmige vertikale Schalung aus 112 Fichtenstämmen mit einer Öffnung oben errichtet. In die Außenverschalung wurden über Wochen täglich jeweils rund 50 cm Stampfbeton verarbeitet.

     Das innere Schalungsholz wurde schließlich durch ein zweiwöchiges Köhlerfeuer heraus gebrannt ohne den Beton zu schädigen. Das Resultat war jene charakteristisch rußig-schwarz glänzende Struktur im höhlenartigen Inneren. In die Öffnungen der Bau-Stege wurden 300 Halbglas-Steine eingelassen, die als Lichtpunkte den fensterlosen Raum strukturieren und eine zauberhafte Atmosphäre schaffen.

 

Reduktion à la Zumthor auch im grottenartigen Inneren: nur eine Bank, Kerzen, und eine Stele mit dem Bronzekopf des Eremiten Bruder Klaus vom Schweizer Bildhauer Hans Josephson. Foto © rheinische ART. 2019

 

Gebet und Askese Der Zugang zum Andachtsraum führt durch eine dreieckige Stahltür und über einen leicht gewundenen Gang. Der tropfenförmige Raum mit dem geschwärzten Betongerippe ist spärlich ausgestattet: 1,04 m Sitzfläche, ein Kerzenständer, eine Nikolaus-Figur und über Kopfhöhe wandseitig ein Messingguss-Rad mit sechs Speichen, ein Meditationszeichen, das Symbol des Bruder Klaus.

     So, das mag der Besucher denken, sahen früher die Einsiedeleien aus, die Orte des Gebets, der Geborgenheit und der Askese. Der Blick geht unwillkürlich nach oben den „Lichtschacht“ zur Öffnung entlang, durch die das Sonnenlicht fällt, genauso wie Regenwasser oder Schnee. Alles sammelt sich auf dem bleiernen Boden in einer der Dachöffnungsform ähnelnden Wasserlache. Der metallene Boden ist eine Reminiszenz an den Bleibergbau, der jahrhundertelang das Wirtschaftsleben in diesem Landstrich bestimmte.


Vita Der Architekt Peter Zumthor ist gelernter Möbelschreiner. Für sein Lebenswerk erhielt er 2009 den Pritzker-Preis (mehr), den „Nobelpreis“ der Architekten.

     Der Schweizer hat den Ruf, ein Schrecken der Bauherren zu sein, ein unerbittlicher Perfektionist, versessen im Detail und stur. Er pflegt eine eher langsame Arbeitsweise, was im Ergebnis leicht zu deutlichen Mehrkosten führen kann. Dass mangelnde Budgettreue Konsequenzen haben kann, musste Zumthor bei seinem Rohbau des NS-Dokumentationszentrums "Topografie des Terrors" 1995 in Berlin erfahren. Das Prestigeprojekt war finanziell und zeitlich weit überzogen, der Berliner Senat löste den Kontrakt.

 

Ausweis baukünstlerischer Meisterschaft: die ruhige Ausstrahlung der Feldkapelle. Nur von Ferne wirkt der Turm monolithisch glatt. Foto © rheinische ART. 2019

 

Zumthor sah im Rückblick kein eigenes Verschulden, eher eine gewisse Art von fataler Gutgläubigkeit, wie er in einem Interview betonte. Zumthors Gesamtwerk ist überschaubar. Für seine Werke gab es viel Anerkennung und internationale Ehrungen.

     Er baute unter anderem neben der Bruder-Klaus-Kapelle eine weitere in der Südostschweiz, das Bregenzer Kunsthaus, das Kolumba-Museum in Köln, einen Pavillon für die Weltausstellung in Hannover, einige Wohnhäuser und Nutzbauten. Weltberühmt ist seine denkmalgeschützte Felsentherme mit Schwimmbad im Graubündener Bergdorf Vals.

2013 wurde Peter Zumthor vom Royal Institute of British Architects (RIBA) mit der Royal Gold Medal ausgezeichnet. Sie unterstreicht Zumthors unzweifelhaften Status eines Welt-Architekten, denn er steht damit in einer langen Reihe klangvoller Namen: Seit 1948 ehrte das RIBA unter anderem David Chipperfield, Alvaro Siza (mehr), Jean Nouvel (mehr), Rem Koolhaas, Toyo Ito, Ludwig Mies van der Rohe (mehr), Le Corbusier, Walter Gropius und Frank Lloyd Wright.
Claus P. Woitschützke

Standort des Besucherparkplatzes:
Iversheimer Straße
53894 Mechernich-Wachendorf
Öffnungszeiten
Während der Sommerzeit: 10 - 17 Uhr
Während der Winterzeit: 10 - 16 Uhr
Montags bleibt die Kapelle geschlossen - außer an kirchlichen Feiertagen

 


 

 

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