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rheinische ART 10/2018

 

KÖLNER U-BAHN

Hauptsache, abwaschbar!

 

Sowohl faszinierend als auch eindrucksvoll, gelegentlich gar schön, manchmal einfach spektakulär: Kölns U-Bahn-Stationen sind durchaus ein Seh-Erlebnis. Ein Fotoband zeigt den aufregenden Spagat zwischen Kunst und Architektur in den Unterwelt-Haltestellen der Rhein-Metropole.

 

Haltestelle Äußere Kanalstraße (1992) Ein Verkehrsknoten „Unter dem Abwasser“, Linienführung S. 148 Foto © Maurice Cox/ Greven Verlag Köln 2018

Bild oben: Haltestelle Kalk Kapelle (1980) „Spinat mit Ei: fast wie eine Karnevalsgesellschaft“, Linienführung S. 116 Foto © Maurice Cox/ Greven Verlag Köln 2018

 

Die jetzt im Greven Verlag erschienene opulente Fachpublikation „Linienführung. Die Kölner U-Bahn-Stationen“ mit umfangreich recherchierten Texten von Barbara Schock-Werner und „Nacht-Fotografien“ von Maurice Cox stellt die Harmonie dieser Infrastruktur „unter der Erde“ vor. Damit schließt das Autorenteam eine Lücke in der Architekturgeschichte der Domstadt.

     Es ist gut, wenn es in öffentlichen Einrichtungen etwas zu sehen gibt. Womit nicht allein die kommerzielle Werbung gemeint ist. Das wussten schon die frühen Gestalter auch in Köln. Mit den Mitteln ihrer Zeit trugen sie dieser Weisheit Rechnung und setzten auf Kunst und raffinierte Architektur.

 

Buchcover Foto © Greven Verlag Köln 2018

Mehr als ein Dutzend Architekten und ebenso viele Künstler gestalteten in den letzten Jahrzehnten in Köln die Haltestellen im Untergrund.

     Um es gleich klarzustellen: Die U-Bahn, um deren Umsteige- und Haltepunkte es hier geht, ist eigentlich gar keine, würde aber gerne eine sein. Sie ist in Wirklichkeit eine Straßenbahn, die zeitweise in Tunneln verschwindet, dort einige Kilometer fährt und dann wieder auftaucht. Da hat sie etwas mit der Pariser Metro gemein, die fährt nämlich auch nicht nur unterhalb des Straßenniveaus, sondern ab und zu auch oberhalb.

 

Haltestelle Akazienweg (1992) „Das Tor zur Unterwelt“, Linienführung S. 152 Foto © Maurice Cox/ Greven Verlag Köln 2018

 

Haltestelle Hansaring (1974) „Zwei Welten stoßen aufeinander“, Linienführung S. 100 Foto © Maurice Cox/ Greven Verlag Köln 2018

 

Apropos Metro Paris. Viele Untergrund-Bahnhöfe in den Weltstädten sind zu legendären Architektur-Schauplätzen avanciert. In Paris sind Dutzende der 300 Metro-Stationen regelrechte unterirdische Schönheiten, wie die prächtige Haltestelle „Art et Métier“ (Linie 3, 11) oder die elegante „Concorde“ (Linie 1, 8,12).

     Die russische Millionenstadt Sankt Petersburg betreibt die tiefste Metro der Welt. Auf deren roter Linie Nummer 1 kann der Fahrgast gleich eine ganze Perlenkette sehenswerter Haltepunkte bewundern, nicht immer künstlerisch hochwertig, aber wegen ihrer historischen Thematiken höchst interessant.

     Und Athens relativ neue Untergrundbahn verzaubert die Reisenden mit antiken Relikten, die beim Aushub der Strecken gefunden wurden. U-Bahnhöfe wie „Syntagma“, errichtet für die olympischen Spiele 2004, ähneln mehr gutsortierten Museen mit Skulpturen und Vitrinen voller Exponate und lassen vergessen, wo man eigentlich ist.

 

Seit rund hundert Jahren prägt das Transportmittel U-Bahn das öffentliche Verkehrsgeschehen fast aller großen Städte. Und will eine Großstadt nicht nur groß, sondern auch bedeutend sein, wie einmal eine Wochenzeitschrift süffisant bemerkte, dann fängt sie an, groß zu bauen.

     In Sachen U-Bahn ist Köln seit den Sechzigerjahren dabei, also gut ein halbes Jahrhundert, und wird dies auch noch weiterhin sein. Kölns erste Schritte in die Bahntiefe wurde von dem Design-Motto „Hauptsache, abwaschbar“ begleitet. Die robusten Wandfliesen dominierten. Der Fotoband „Linienführung“ verdeutlich jedoch auch, „wie mit viel Sorgfalt, Überlegung und künstlerischem Sinn“ die Gewölbe einst gestaltet wurden.

 

Haltestelle Dom/Hauptbahnhof (1968) Kölns erste U-Bahn-Station mit noch teils originaler, zeittypischer Wandbekleidung in Form hell- und dunkelblauer Kachelriemchen. Linienführung S. 24 Foto © Maurice Cox/ Greven Verlag Köln 2018

 

Bei der Haltestelle Ebertplatz etwa setzten die Planer 1974 dem Zeitgeschmack entsprechend auf ganz starke Farben, „bunt und laut“. Ein leuchtendes Rot und dunkelblaue Zwischenstützen, ergänzt durch eierschalenfarbene Großfliesen prägen bis heute wesentlich das Bild dieser wichtigen unterirdischen Umsteigestation. Andere zeigen Mut zur Op-Art an den Wänden (Haltestelle Florastraße von 1974) oder wirken prächtig und elegant im Stile Pariser oder Moskauer Optik (Haltestelle Severinstraße von 2013).
     Ob nun schön, effektreich, lehrreich oder unterhaltend – überall sind diese Bauwerke zunächst Orte für Bürger, die sie oft, meist täglich, benutzen. Es sind pathetisch formuliert „Kathedralen des Verkehrs“, die Mobilität garantieren, schnell und bequem.

     Da sie in diesem Kontext unbewusst und geradezu schleichend zu Orten werden, die einem vertraut sind, nimmt man sie wahr, „ohne sie wirklich zu sehen“, wie Barbara Schock-Werner in dem Fotoband bemerkt.

 

Haltestelle Rudolfplatz (1987) „Die Klassische“, eine Station in kühler blau-weißer Eleganz. Nur die „knallgelben“ Kunststoffsitze bilden einen optischen Ausreißer. Linienführung S. 88 Foto © Maurice Cox/ Greven Verlag Köln 2018

 

Die brillanten Fotografien in dem Buch, allesamt des Nachts entstanden, lassen bewusst werden, welch interessante Architektur sich unter der Oberfläche der Rheinstadt verbirgt. Selbst wenn es an manchen Stellen trostlos aussieht, an Pflege fehlt und der mühsame Kampf gegen das Sprayer-Unwesen bislang nicht gewonnen werden konnte. „Linienführung“ ist nicht nur ein literarisch-fotografischer Baustein in der Architekturhistorie Kölns, es ist auch eine Verbeugung vor großartigen Design-Leistungen und eine Aufforderung zu einem bewussteren Blick. Auf etwas, was täglich da ist! Der Fahrgast muss es nur tun!
cpw

 

Literaturhinweis
„Linienführung. Die Kölner U-Bahn-Stationen“

Barbara Schock-Werner (Text), Maurice Cox (Fotografien)

192 Seiten inkl. 40 Ausklappseiten

Format 24 x 29 cm, 195 meist farbige Abbildungen.

Gebunden mit Schutzumschlag. Greven Verlag Köln 2018

ISBN 978-3-7743-0690-5, Preis 35 Euro

 

 

 

 

 

 

 

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