rheinische ART
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rheinische ART 04/2012

 

ARCHIV 2012

Fotografie


Der Mensch und seine Objekte

 

 

Max Burchartz, Lotte (Auge), 1928


Anhand einer Auswahl aus seiner Fotografischen Sammlung unternimmt das Museum Folkwang einen Parcours durch die Geschichte der Fotografie vom 19. Jahrhundert bis zur unmittelbaren Gegenwart. Mit über 200 Werken ist es die bislang umfangreichste Schau aus dem Bestand der Fotografischen Sammlung. Damit gewährt sie Einblicke in die Breite und den Schwerpunkt der Sammlung und gibt einen Überblick über die Geschichte der Fotografie.


ZUGLEICH ist die Schau die letzte große Ausstellung der langjährigen Leiterin der Fotografischen Sammlung - Ute Eskildsen. Unter Ihrer Ägide verhalf diese Sammlung der Fotografie zur Anerkennung als künstlerisches Medium. Denn bis weit in die 70´er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein galt die Fotografie - außerhalb des Schnappschusses im privaten Gebrauch - in der allgemeinen Wahrnehmung als Gebrauchskunst für Werbung. Den Grundstock und die Initiative zur Fotografischen Sammlung am Museum gab die Sammlungstätigkeit des Fotografen Otto Steinerts, der ab 1959 an der Folkwangschule für Gestaltung lehrte.

Gisela Bulacher, Luftballon (hellblau, rosa), 1998

 

Patrick Tosani, Cuillère H, 1988

   Die Ausstellung kann auf Arbeiten von William Henry Fox Talbot, Hugo Erfurt, August Sander, Robert Frank, Diana Arbus, Helmut Newton, Bernd und Hilla Becher, Nan Goldin, Candida Höfer oder auch Thomas Ruff bis zu Tobias Zilony zurückgreifen, ohne dabei dem Ehrgeiz einer reinen Leistungsschau zu verfallen. Sie greift auf die Werke dieser Künstler zurück um entlang der zwei Pole, Mensch und Objekt, einen Überblick über die Geschichte der Fotografie zu geben.


Die Fotografie als Medium der Moderne


Das Entstehungsdatum beider, des Porträts und das der Objektfotografie, fällt in die Zeit des mittleren 19. Jahrhunderts. Eine Epoche, in der die westliche Welt im Umbruch ist. Nicht nur das Medium Fotografie ist modern. Die moderne Zeit sorgt für radikale Veränderungen in allen Lebensbereichen. Eisenbahn, Auto, Telefon, Kino, Flugverkehr und vieles mehr verändern die Welt und ihren Bewohner, den Menschen. Diesem Wandel ist auch das Bild unterworfen. Ihr Dokumentarist und zugleich entscheidender Katalysator ist das neue Medium der Fotografie.


Porträt- und Objektfotografie


Erstes großes Sujet der Fotografie, die zunächst überwiegend als Malerei mit anderen Mitteln verstanden wurde, sind die Porträts. Weit entfernt vom Schnappschuss, sind sie zunächst Plattform inszenierter Selbstbildnisse. Diese Fotografien sind vor allem Dokumente der damaligen Konventionen. Auf ihnen ist eine vergangene Welt von Lebensweisen und sozialen Distinktionen zu entdecken.
    Im Zuge der Industrialisierung wird dann das Neue - das Moderne, die Technik, später die Warenwelt - zum Motiv der Kamera. Aus der Objektfotografie entwickelt sich die Gebrauchskunst für die Werbung.


Die Fotografie verändert die Wahrnehmung


Die Fotografie entsteht als Reaktion auf einen ästhetischen Reiz. So gelangt auch schnell das ursprünglich nicht Abbildungswürdige - das Hässliche, der Abfall - zum Motiv, unter anderem in Germaine Krulls „Rue de Rivoli“, deren Nachlass das Folkwang Museum betreut. Darstellungsgegenstand ist hier das auf dem Kopfsteinpflaster liegende Obst.
   Bei dem Reportage-Fotograf Wolfgang Webers „Was ich wochenlang in Zentralafrika neben mir liegen hatte“ aus dem Jahr 1934 dokumentiert und inszeniert sich der Fotograf anhand der von ihm verwendeten Objekte selber. Dargestellt sind auf dem Fahrersitz eines Autos neben Taschenlampe und Pistole eine Kamera mit Blitz. Auf diesem Bild ist die Fotografie als Werkzeug des Menschen dargestellt. Der Mensch blickt auf die Welt durch die Kamera. Durch das Foto werden die Dinge zu Motiven. Die Kamera erschließt nicht nur die Welt, sie modifiziert sie auch. Und der Mensch selbst verwandelt sich als Motiv zum Objekt vor der Kamera. Doch der erweiterte Zugriff auf die Wirklichkeit hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten und Grenzen.

 

Wolfgang Weber, Was ich wochenlang in Zentralafrika neben mir liegen hatte, 1933, Aus der Reihe: Ein Nashorn greift mein Auto an, 1934


Die Fotografie erzwingt einen neuen Kontext und einen neuen Blickwinkel auf den Menschen und der von ihm geschaffenen Objektwelt. Manches Motiv erweist sich fragmentiert, vergrößert und in neuem Kontext als uns eigentlich fremd. Dadurch wird sichtbar, was vorher nicht zu sehen war, wie die Poren der menschlichen Gesichtshaut in der Großaufnahme oder Gebrauchsspuren auf der Rückseite eines großformatigen Löffelkopfs, Patrick Tosani „Löffel „D“ “.

 

Die Fotografie als Medium der Erkenntnis

 

Hellen van Meene, Untitled, 2000

Das schließt auch das eigene Selbstbildnis mit ein. Bei August Sander, Martin Kippenberger, Arnulf Rainer und den Rollenspielen Cindy Shermans versucht der Mensch, sich im Medium der Fotografie zu begreifen. Dabei kommt er nicht umhin, die Gesetzmäßigkeiten der Fotografie selbst zu reflektieren. Die Fotografie hält Bilder aus der flüchtigen Wirklichkeit während eines ganz bestimmten Momentes fest - und die Zeit damit an.
   Durch das Einfrieren des Moments statuiert der Fotograf neue Bilder; Sinn-, Gesellschafts- und Erkenntnisbilder. So zeigt Barbara Klemm dem Betrachter in „Deutsche Hochschule für Körperkultur“ den Körper eines jungen Turners, der an Ringen hängt. Ein festgehaltener Moment, der Bestandsaufnahme und Kommentar der realen Lebenswirklichkeit in der Deutschen Demokratischen Republik der 70´er Jahre ist.
   Lynn Goldsmith gelingt mit der Rückenansicht des Rolling Stone Frontsängers vor einer jubelnden ihm hörigen Masse in „Mick Jaggers Back“, 1987 ein Sinnbild für die Magie und Verführungskraft der Idolatrie.


Ausblick auf digitale Bilderwelten

 

Adrian Sauer, Laptop/ Screensaver, Still aus/ from HD-Video, 2011


Adrian Sauers digitales Bild eines halb geöffneten Laptops steht als Ausblick am Ende der Ausstellung. Er zeigt das Medium eines digital erzeugten Bildes auf einem Display. Dabei sind lediglich die Reflektionen des Bildschirmschoners auf der Tastatur des Computers zu sehen. Das Produkt verweist auf sein eigenes Medium. Darin folgt, bei allem Wandel, die digitale Revolution der Fotografie.
    Neben solchen Erkenntnismöglichkeiten liefert das Museum Folkwang mit „Der Mensch und seine Objekte“ in einem imposanten Bilderaufgebot eine eindrucksvolle Demonstration der Bedeutung seiner Fotografischen Sammlung.

Martin Korbmacher

 

Die Ausstellung „Der Mensch und seine Objekte“ ist bis zum 29. April 2012 zu sehen.
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel. 0201 / 8845 000
Öffnungszeiten:
DI - SO 10 – 18 Uhr
FR bis 22.30 Uhr
Mehr Informationen sowie das die Ausstellung begleitende Programm unter

www.museum-folkwang.de

 

 

©Fotos Folkwang Museum

©rheinische ART.

 

 

 

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