rheinische ART
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rheinische ART 11/2012

 

ARCHIV 2012

Highlights im Ausstellungsjahr 2012: Neuss - Essen - Köln

 

Reisen zu den Wilden

 

 

Junge französische Maler, so gut wie alle unter dreißig Jahre alt, wandten sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit ihren Bildern gegen die offiziell geförderte Akademie- und Salonkunst. Sie erschreckten Fachleute und Publikum mit greller Farbigkeit, kräftigen Linien und deformierten Figuren: Rote Bäume, gelbe Wiesen, blaue Tiere. Die „Fauves“, die Wilden, wurden sie genannt; zunächst verspottet und verschmäht markierte ihre Kunst den Beginn der klassischen Moderne und damit einer neuen Epoche.

 

Neuss: Gustave Moreau, Rückkehr der Argonauten, undatiert, Aquarell auf Papier, 33,7 x 22,1 cm, Musée Gustave Moreau, Paris, Foto: bpk / RMN – Grand Palais / René-Gabriel Ojéda

WAS ALS Revolution der Farben in Frankreich begann, war eine neue europäische Stilrichtung, die Jahre später in einer ebenso innovativen wie revolutionären Ausstellung in der Domstadt Köln endgültig Maßstäbe für die Zukunft setzte. Derzeit ist der einmalige Umstand festzuhalten, dass gleich drei Mal im rheinischen Raum Werke dieser berühmten und spannenden Phase der europäischen Avantgarde-Malerei zu bewundern sind. In einer selten günstigen Konstellation wird der Weg in die Moderne der Malerei nachgezeichnet. Keine der Ausstellungen befasst sich ausschließlich mit dem Fauvismus, alle zeigen sie jedoch einzigartige Werke ihrer Vertreter.

 

Drei Museen – drei Sichtweisen

 

Wer nach den Wurzeln, den Vätern der klassischen Moderne sucht, sollte seinen Visitenreigen in Neuss beginnen. Das Clemens-Sels-Museum zeigt unter dem Titel „Sehnsucht nach Farbe - Moreau, Matisse & Co.“ (mehr) Werke des ´Vaters des Symbolismus´, Gustave Moreau, und seiner berühmt gewordenen Schüler. Moreau, von dem das Neusser Haus als einziges deutsches Museum vier Werke im Bestand hat, lehrte von 1891 bis 1899 an der École des Beaux-Arts in Paris. Seine Bemerkung gegenüber seinen Schülern „Ich bin die Brücke, über die einige von ihnen gehen werden“, erlangte Berühmtheit. Zu den Schülern Moreaus gehörten die späteren Fauvisten Henri Matisse und Georges Rouault, wobei Matisse als der Motor der neuen Bewegung galt und zeitlebens nicht von ihr abwich. Schließlich waren er es und sein Malerkollege André Derain, die 1905 als Erste im beschaulichen südfranzösischen Fischerort Collioure mit spektakulären Farben und Formen ihre Gefühle auf die Leinwand brachten. Die Neusser Exposition verdeutlicht den Einfluss Moreaus auf seine Eleven, insbesondere anhand zahlreicher Skizzen, Bildentwürfe und Aquarelle. Es sind überwiegend Leihgaben berühmter Pariser Häuser wie etwa dem Pariser Moreau-Museum, dem Musée d´Orsay und dem Centre Pompidou.

Essen, Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen unter Japanschirm, um 1909
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © Foto: Walter Klein, Düsseldorf

   Die Ausstellung in Neuss kann als Prolog für den anschließenden Besuch des Essener Folkwang Museum verstanden werden. Dort stellen die Kuratoren unter dem Titel „Im Farbenrausch – Munch, Matisse und die Expressionisten“ die französische Kunst der „Fauves“-Vertreter Matisse, Derain und de Vlaminck den deutschen und russischen Expressionisten wie etwa Kirchner, Heckel, von Jawlensky und Kandisky sowie dem Norweger Edvard Munch gegenüber. Nach eigener Aussage ist es die „bunteste Ausstellung des Jahres“. Die rund 150 präsentierten Gemälde stammen aus dem eigenen Bestand und verdeutlichen die geistige Verwandtschaft der Künstler. Mit der Schau führt das Folkwang die Arbeit seines Gründers Karl Ernst Osthaus fort, der ab 1906 Werke der Fauves, der Expressionisten und Edvard Munch zeigte und für die eigene Sammlung erwarb. Anhand mehrerer Schlüsselwerke wird die besondere Rolle der Fauvisten aufgezeigt. Die Ausstellungen in Essen und Neuss können bis Mitte Januar 2013 besucht werden.

Köln: Paul Gauguin, Tisch mit drei fressenden Hündchen, Öl auf Holz,
1888, The Museum of Modern Art, New York

   Die dritte und einzigartige Schau ist in Köln, und nur dort, zu sehen. Das Wallraf-Richartz-Museum bietet mit „1912 – Mission Moderne“ ein einmaliges Remake der legendären vierten Kölner „Sonderbundschau“ (mehr). Sie war vor genau 100 Jahren ohne Zweifel die wichtigste Gesamtschau europäischer Moderne vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland. Mitorganisatoren waren seinerzeit so prominente Kunstkenner wie Karl Ernst Osthaus (mehr) und der Kunsthändler Alfred Flechtheim (mehr). Das Museum hat immerhin rund 120 hochkarätige Arbeiten, also rund ein Fünftel der damals über 600 Arbeiten umfassenden Originalausstellung, aus der ganzen Welt zusammengetragen. Einzelne jetzt gezeigte Meisterwerke sind seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich ausgestellt worden. Allein unter diesem Gesichtspunkt bietet das Wallraf einen Höhepunkt im laufenden Ausstellungsjahr im Rheinland. Die Erinnerungsschau ist bis zum 30. Dezember zu sehen. Sie lässt zudem heute erkennen, dass sich die künstlerischen Zielsetzungen der französischen „Fauves“ und der deutschen Brücke- und Blaue Reiter-Künstler stärker glichen als zu ihrer aktiven Zeit zu vermuten war.

 

Farbe

 

Woher stammt die ursprünglich abschätzig aufgenommene aber nicht zwingend so gemeinte Titulierung „Fauves“, was ist das Besondere an dieser Malerei? Die Fauves-Maler nutzten bewusst ein völlig neues System bildnerischen Ausdrucks: Ihre Malweise stand der zeitgenössischen extrem konträr gegenüber, war nicht akademisch-realistisch; ihre Impulsgeber waren jene Maler, die farblich konstruierte Bilder schufen wie van Gogh, Gauguin und Cézanne. Wahrlich revolutionär sind die allbestimmend leuchtend kräftigen, reinen und gesättigten Farben, flächig aufgebracht und häufig in nicht harmonischen Kompositionen, dennoch in einer heiteren und lebhaften Grundstimmung. Die Farbe spielt die Hauptrolle. Sie hilft nicht nur, ein Objekt abzubilden, sondern erfasst nun den ganz eigenen Eindruck, die Stimmung eines Sujets.

 

Kühne Neuerer

 

Es war eine kleine Gruppe französische Avantgarde-Maler, die 1905 auf dem Dritten Salon d‘Automne im Pariser Grand Palais erstmals die neuen, farbmächtigen Werke öffentlich zeigte. Die Kunstwelt war konsterniert und geschockt. Die Kritik an den kühnen neuen Farbenrausch-Bildern war vernichtend. Von einem Farbkübel, der „…über den Kopf des Publikums ausgeschüttet worden“ sei, sprach ein Kritiker der konservativen Tagezeitung Le Figaro. Andere sahen in ihnen lediglich infantile primitiv-naive Farbkastenspielereien, Farbkleckserein oder das bunten Spektakel wild gewordener Maler, eben der „Fauves“, der „wilden Bestien“.

   Damit war der griffige Titel einer neuen Stilrichtung geboren. Die Bezeichnung Fauvismus war somit eher ein Zufallsprodukt, ihren Vertretern übergestülpt wie eine Mütze, weder von ihnen geprägt, noch gewollt, noch von ihnen durchgängig benutzt. Es gab aber auch andere Reaktionen. Der junge französische Kunsthistoriker und Essayist Élie Faure (1873 – 1937) ahnte die neuen Dimensionen und bemerkte im Vorwort zum Ausstellungskatalog weitsichtig: „Wir müssen die Vorurteilslosigkeit und die Bereitschaft zeigen, eine völlig neue Sprache zu verstehen.“ Die Hauptvertreter dieser neuen Bildsprache waren Henri Matisse (1869-1954), André Derain (1880-1954) und Maurice de Vlaminck (1876-1958). Zeitweise der Fauves-Gruppe zugehörig, jedoch an verschiedenen Orten arbeitend, waren Henri Manguin, Albert Marquet, Orthon Friesz, Jean Puy, Louis Valtat, Raoul Dufy, Charles Camoin, Georges Rouault und Kees van Dongen.

Um 1907 waren die fauvistischen Jahre in Frankreich bereits wieder vorbei. Die Künstler gingen eigene Wege, allein Matisse blieb in seinem schöpferischen Leben der Stilrichtung am längsten treu. In Frankreich löst der Kubismus den Fauvismus ab. In Deutschland wirken sich die „Wilden“, vor allem die Werke von Matisse, auf die expressionistischen Maler des Blauen Reiter aus. Bei Wassily Kandisky und Alexej von Jawlensky zeigen sich verspätet Einflüsse der französischen Richtung. Stilistische Anregungen durch die Fauvisten fanden ebenfalls Eingang bei den Mitgliedern der Dresdner Künstlergruppe Brücke, der sich 1909 der französisch-niederländische Fauvist Kees van Dongen anschloss.

bra/K2M


Ausstellungen:

Neuss
Sehnsucht nach Farbe – Moreau, Matisse & Co.
Clemens-Sels- Museum
Am Obertor
41460 Neuss
Tel. 02131 / 904 141
DI - SA 11 – 17 Uhr
SO 11 – 18 Uhr
23. September 2012 bis 13. Januar 2013

Essen
Im Farbenrausch. Munch, Matisse und die Expressionisten
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel. 0201 / 8845 000
DI - SO 10 – 18 Uhr
FR 10 – 22.30 Uhr
29. September 2012 bis 13. Januar 2013 (verlängert bis 20. Januar 2013)

Köln
1912 – Mission Moderne
Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Carboud
Obermarspforten
50667 Köln
Tel. 0221 / 2212 1119
DI - MI, FR - SO 10.00 – 18.00 Uhr
DO 10.00 – 21.00 Uhr
31. August 2012 bis 30. Dezember 2012

 

 

 

 

 

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