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rheinische ART 07/2018

MODERNE
A.A. Anni Albers

 

Sie war schon ein Kind ihrer Zeit. Aber – was für eins! Eine retrospektive Ausstellung im k20 der Kunstsammlung NRW widmet sich der Künstlerin, Designerin, Lehrerin und Autorin Anni Albers.

 

Anni Albers Six Prayers, 1965-66, Baumwolle, Leinen, Bast, Metallgarn, 186,1 × 297,2 cm, ©The Jewish Museum, New York, Foto: The Jewish Museum, New York © Kunstsammlung NRW

 

Das Bauhaus machte es möglich. Anni Albers (1899 – 1994), die an dem Weimarer und später Dessauer Kreativpool ihren Mann Josef Albers kennenlernte, hat die ihr gebotenen Möglichkeiten klug genutzt und sich im Laufe der Jahrzehnte den Ruf einer vielseitigen Künstlerin geschaffen.
     Keinesfalls selbstverständlich in einer Zeit - ihr Studium absolvierte sie in den zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts -, in der eine Frau sich den klassischen Rollen zwar nicht verwehrte (sie heiratete 1925), und trotzdem Eigenständigkeit, Akzeptanz und manchmal auch Bewunderung errang. Anni Albers ging dafür nicht streitend auf die Straße. Sie setzte sich an den Webstuhl!

 

Anni Albers Red and Blue Layers, 1954, Baumwolle, 61,6 x 37,8 cm, © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Tim Nighswander/Imaging4Art © Kunstsammlung NRW

 

Dabei war es gar nicht ihr Wunsch gewesen, die Textilwerkstatt am innovativen Staatlichen Bauhaus zu besuchen. Dahin zog es sie nicht. Diese galt trotz aller gewünschten Gleichheit der Geschlechter am Bauhaus - auch seitens ihres Gründungsdirektors Walter Gropius - als „Frauenklasse“. Aber letztendlich musste Albers, die als junge Frau für sich ein unkonventionelles Leben als Künstlerin anstrebte, einsehen, dass Metall- oder Glasverarbeitung keine  „zeitgemäßen“ Alternativen für sie waren und folgte den Ratschlägen ihrer Lehrer.

 

Und die waren namhaft. Paul Klee, den sie verehrte, mag hier beispielhaft genannt sein. Das Bauhaus (mehr), das sich auf dem schmalen Grad zwischen Kunstakademie und Kunstgewerbeschule bewegte und die Betrachtung und Akzeptanz von Design für die Massenproduktion wie für Einzelstücke unter Kunstaspekten in der Öffentlichkeit zu vermitteln suchte, prägte Anni Albers während ihrer Studienjahre. 1930 absolvierte sie ihr Bauhaus Diplom. Da war sie 31 Jahre alt. Eine silberglänzende Wandarbeit aus Baumwolle, Raffia und Chenille war ihre Abschlussarbeit.
     Mit diesem von ihr entwickelten, homogen wirkenden Stoff zeigte sie bereits auf, wo ihre Überzeugung und auch wohl Leidenschaft hinging. Wer die Ausstellung im k20 besucht, darf keine üppigen, opulenten Textilien, keine „Bilder“ mit figurativen Abbildungen in den Geweben erwarten. Die Textiltechnik gab dies alles zwar bereits her, beispielsweise hatte die indische Kaschmirweberei ein Jahrhundert zuvor den Westen erobert und die französische Tuchindustrie lieferte kunstvollste Schmuckstoffe aus Seide und feinster Wolle. Von hauchzart bis samtschwer mit Schwelgen in Farben war alles machbar und auch Gold- und Silberfäden fanden ihren Einsatz.

 

Anni Albers Knot, 1947, Gouache auf Papier, 43,2 x 51 cm, © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Tim Nighswander/Imaging4Art © Kunstsammlung NRW


Dies alles war Anni Albers Sache nicht. Ihre Arbeiten sind weniger dekorativer Schmuck als Kompositionen, die eine große Klarheit in sich tragen. Die prägnanten Linienführungen lassen sich auch als Strukturen eines progressiven Denkens ganz im Sinne der Moderne interpretieren und wurden von ihr meist am Handwebstuhl gefertigt. Sie ließ das eingesetzte Material, das Garn, mit seinen Eigenheiten sprechen. Geflammt, genoppt, geknotet, glatt – alles durfte das Garn sein. Die von ihr verwendeten, sehr unterschiedlichen Bindungsarten – für die textiltechnisch Ahnungslosen: das ist die Art und Weise, wie die senkrechten Kettfäden und die waagerechten Schussfäden miteinander verbunden werden – lassen mit ihrer Optik eine große Lust am handwerklichen Experiment erahnen. Albers gelang hier eine ganz eigene Form der Abstraktion und die „Weberin“ fand oftmals Wege weit über das übliche „mustern“ bei Geweben hinaus.

 

Anni Albers With Verticals, 1946, Baumwolle und Leinen, 154,9 x 118,1 cm, © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Tim Nighswander/Imaging4Art © Kunstsammlung NRW

 

Anni Albers in ihrem Studio im Black Mountain College, 1937, Fotografie von Helen M. Post, Courtesy Western Regional Archives, State Archives of North Carolina, Foto:© Kunstsammlung NRW

 

Mit Farben hielt sich die Künstlerin erstaunlicher Weise zurück. Wer wie bei ihrem Mann Josef Albers die Farbe im Vordergrund erwartet, liegt falsch. Anni Albers bevorzugte bei ihren Werken eher gedeckte Farben wie Grau oder Beige in allen Schattierungen, natürliche Rot- und Blautöne, auch arbeitete sie mit Schwarz und Weiß.
     Ob die von ihr gewählten Farbkombinationen der Inspiration durch lateinamerikanische Textilien und Kunstgegenstände geschuldet sind, ist möglich. Anni und Josef Albers emigrierten nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten 1933 in die USA. Mehrere Reisen führte das Paar nach Mexiko oder Argentinien. Die Kultur, der sie dort begegneten, hat, soviel weiß die Wissenschaft mitzuteilen, bei beiden einen großen Nachhall ausgelöst.
     In ihren späteren Jahren fand Anni Albers an Drucken auf Geweben großen Gefallen. Mit der Technik des Druckens eröffnete sich der Künstlerin auch ein neuer gestalterischer Kosmos, in den sie gerne und tief eintauchte. Als Designerin, die sie ja ebenfalls war, gestaltete sie im Austausch mit Architekten Innenräume. Sie lebte das Grenzspiel zwischen Stoffen zum Schauen und Stoffen zum Gebrauchen nahezu perfekt. In einige Werke hat sie ihre Initialien eingewebt: A.A.


Das k20 präsentiert in der Schau mehr als 300 Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museumssammlungen. Darunter sind Beispiele ihres künstlerischen Schaffens, Zeichnungen und Druckgrafik, Stoffmuster, Textilien für die Manufaktur sowie Dokumente. Die Ausstellung korrespondiert mit der Präsentation von Josef Albers in der Villa Hügel in Essen (mehr).
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „Anni Albers“ kann bis zum 09. September 2018 besucht werden.
K20 Kunstsammlung NRW
Grabbeplatz 5
40213 Düsseldorf
Tel. 0211 / 8381204
Öffnungszeiten
MO – FR 10 – 18 Uhr
SA + SO 11 – 18 Uhr


 

 

 

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