rheinische ART
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rheinische ART 04/2012

 

ARCHIV 2012

Karl Röhrig: ein sozialkritischer und veristischer Bildhauer

 

 

     Karl Röhrig, Mann mit Sack (Heimkehrer), 1945

Skulpteur

 

im

 

Verborgenen

 

 

Er trat lediglich mit einem guten Dutzend Werken hervor, und dies gegen Ende der 1920er Jahre. Seine Kunst sichert ihm dennoch einen Platz unter den wichtigsten deutschen Bildhauern des frühen 20. Jahrhunderts. Der Thüringer Porzellangestalter, Medailleur und Bildhauer Karl Röhrig gilt als Entdeckung und ist jetzt in einer eigenen Ausstellung im Wuppertaler Von der Heydt-Museum zu sehen.

 

IN Fachkreisen sind Arbeiten von Karl Röhrig (1886-1972) bekannt und durchaus geschätzt, für die breite Öffentlichkeit ist der in Eisfeld an der Werra geborene Künstler jedoch nach wie vor ein Unbekannter. Im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, 1933, schuf Röhrig - damals 47 Jahre alt - sein bedeutendstes Werk, die kleine Holzskulptur „Mann von der Winterhilfe“.

 

Gefährliches Werk

 

Mit der Winterhilfe-Figur gelang es Röhrig, jenen reichen Kriegsgewinnler, braunen Parteigänger und Steigbügelhalter der Nazis zu karikieren, der seine Fahne zur rechten Zeit in den Wind hängt, um selbst noch im Elend seinen Profit zu ziehen. Die Skulptur mit dem brennenden Hakenkreuz als Heiligenschein prangert kompromisslos die herrschenden Zustände an. Das kleine, ausdrucksstarke und symbolisch aber höchst gefährliche Werk verbarg der Bildhauer jahrelang in eine Decke gehüllt in einem Schrank. Röhrigs mutige Arbeiten jener Zeit erinnern mit ihrer militärverachtenden und sozialkritischen Pointierung an Werke zeitgenössische Künstler wie die Weltkrieg-I-Veteranen George Grosz und Otto Dix. Ein eindrucksvolles Beispiel ist hier Röhrigs sarkastische Holzskulptur mit dem Titel „Sonntagsspaziergang“ von 1932, mit der er unverhohlene Kritik an der Spießergesellschaft übt. Röhrig selbst war ebenfalls Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen, durch seine Front-Erlebnisse an zwei Kriegsschauplätzen desillusioniert, radikal antimilitaristisch und sozialistisch eingestellt.

 

Karl Röhrig, Sonntagsspaziergang, 1932

 

Karl Röhrig steht mit seinen Werken aus dieser Schaffensphase außerhalb aller Nazi-Kategorien „und auch weit jenseits dessen, was in der deutschen Bildhauerei der 30er Jahre formal oder inhaltlich erwähnenswert wäre…“ betonen die Ausstellungsmacher des Von der Heydt-Museums. 1943 wird Röhrig mit einem Arbeitsverbot belegt, ein Jahr später muss der überzeugte Pazifist und Sozialist mit 58 Jahren erneut in den Kriegsdienst.

 

Selbstportrait

 

Im Deutschland nach 1945, wo neue abstrakte Kunstrichtungen wie Informel und Pop-Art Raum greifen, sind Röhrigs sozialkritische, gegenständliche Skulpturen nicht mehr gefragt. Der Bildhauer führt mehr ein Schattendasein, lebt am Existenzminimum, seine Arbeiten bleiben im Verborgenen. Als ein wichtiges Nachkriegswerk darf die Figur „Alter Mann mit Sack“, ein Selbstportrait, angesehen werden. Die Skulptur steht für den traumatisierten Kriegsheimkehrer, dargestellt in der für Röhrig typischen stillen Gestik und gedanklichen Versunkenheit. Sie ist auch heute noch eine zeitlose Anklage gegen Krieg und Vertreibung.
    Karl Röhrig absolvierte zunächst eine Ausbildung als Modelleur und Zeichner und arbeitete in mehreren Porzellanmanufakturen in Thüringen. Ab 1909 studierte er an der Dresdner Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule, ab 1913 an der dortigen Königlichen Akademie der Bildenden Künste. Nach dem Ersten Weltkrieg fertigte er erste sozialkritische, expressive Arbeiten in Form von Medaillen, ab 1925 wendete er sich dem Verismus zu.

 

In Ausstellungen wurde Karl Röhrig kaum gewürdigt. 1972 zeigte die Neue Münchener Galerie einige Skulpturen, 1982 arrangierte das Münchener Stadtmuseum die bis dahin einzige Museumsschau. Die aktuelle Wuppertaler Präsentation war ein Jahr zuvor in der Schweinfurter Kunsthalle unter dem Titel „Kleine Leute - Karl Röhrig … und die Avantgarde der Skulptur in Deutschland von Barlach bis Voll“ zu sehen. Beide Expositionen basieren auf der Röhrig-Kollektion des Starnberger Kunstsammlers Joseph Hierling.

K2M

 

Die Ausstellung „Röhrig“ wird bis zum 17. Juni 2012 gezeigt und kann damit parallel zur Schau „Der Sturm – Zentrum der Avantgarde“ besucht werden.

Von-der-Heydt-Museum
Turmhof 8
42103 Wuppertal
Tel. 0202 / 563 6231

Öffnungszeiten:
DI, MI 11-18 Uhr
DO,FR 11-20 Uhr
SA,SO 10-18 Uhr

 

 

©Fotos Von-der-Heydt Museum

 

 

 

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