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rheinische ART 06/2022

WIRTSCHAFTSHISTORIE

Süßes Rheinland

 

Schokolade war, ist und bleibt eine Verführung und ist heute ein Nahrungs- und Genussmittel für Jedermann und Jederfrau. Das war nicht immer so! Als Getränk, Tafel, Pulver oder in allerlei geformten Kreationen war sie einst ein mythenschweres Luxusprodukt.

 

Werbeflyer für „Novesia Goldnuss“, um 1965. Markante Details des Neusser Produkts waren die Goldkordel und das Sichtfenster aus Cellophan – „man sieht wie lecker sie schmeckt!“ Bildquelle © Stadtarchiv Neuss 2022

 

Noch bis in das 19. Jahrhundert galt Schokolade in Europa als knapp und teuer. Sie war Ehrengeschenk und Edelgetränk, Aphrodisiakum, Zahlungsmittel und in ihrer aztekischen Ursprungsregion auch Opfergabe.

 

Buchcover mit einer Werbeanzeige der P.F. Feldhaus KG zum 25-jährigen Jubiläum der „Novesia Fensternuß“ im Jahre 1952. Foto © rheinische ART 2022

 

Die preußische Rheinprovinz, insbesondere entlang des Stroms zwischen Emmerich und Koblenz, war eine der deutschen Zentren der Schokoladenindustrie.

     Mehrere Hundert Manufakturen und Fabriken importierten den Rohstoff Kakaobohne, die „Speise der Götter“, und stellten zunächst die bittere und mächtige Trink- und später die süße Tafelschokolade als Massenprodukte her.

     Einer der führenden Hersteller war die Neusser Schokoladenfabrik P.F. Feldhaus. Ihr Produkt trug „den Namen der Stadt ihrer Herkunft“ – „Novesia“, wie es in einer neuen wirtschaftshistorischen Publikation heißt.

     „Schokolade aus Neuss“ des Autors Klaus Lerch reflektiert eingehend die Geschichte und Geschicke des einst renommierten Unternehmens, das Schokolade zwischen 1815 und 1979 nahezu ununterbrochen herstellte.

 

Briefkopf der P.F. Feldhaus KG, um 1920. Die Darstellung von Fabrikansichten mit rauchenden Schloten auf Geschäftspapieren war weit verbreitet. Sie sollte Industrialisierung und Wirtschaftserfolg symbolisieren. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss 2022


Es ist eine interessante Studie über ökonomisches Engagement, über „familiale Strukturen als Risiko und Chance“ und letztlich auch über einen wichtigen Gewerbezweig der modernen Wirtschaftshistorie in den Rheinlanden.

     Denn in der Unternehmensgeschichte von P.F. Feldhaus zeigten sich „geradezu exemplarisch die Wechselwirkungen zwischen globalem Handel mit Rohstoffen, den landwirtschaftlichen Produkten des Hinterlandes und den regionalen Absatzmärkten“, wie im Vorwort vermerkt wird.
     Die in Neuss hergestellte Vollmilch-Schokolade „mit ganzen Nüssen“ ist unter Markennamen wie etwa „Novesia Goldnuss“ oder „Novesia Fensternuss“ eine bis heute unvergessene Süßware.

 

Portrait von Peter Ferdinand Feldhaus um 1860. Der kunstaffine Apotheker und spätere Firmeninhaber spielte eine wichtige Rolle in der Stadtgesellschaft (mehr). 1850 trat er dem „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ bei. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss 2022 und Nachlass Mathilde Werner, Privatbesitz Abt Andreas Werner

 

Wie fast alle namhaften deutschen Schokoladenhersteller war auch P.F. Feldhaus ein Familienunternehmen. Über vier Generationen hinweg wurde die Firma von ihrem Gründer und Namensgeber Peter Ferdinand Feldhaus (1821-1889) und dessen Nachkommen geführt. Fremder Einfluss auf die Geschäftstätigkeit war so gut wie ausgeschlossen.

     Die meisten rheinischen Schokoladenpioniere waren in der vorindustriellen Zeit zunächst Apotheker, so auch der Vater des Gründers, Ferdinand Jonathan Feldhaus (1786–1833), der ab 1815 das Kakaoprodukt als Medizin verkaufte.

     Übrigens: Auch der Apotheker Leonhard Monheim aus Aachen erkannte die Bedeutung des neuen Genussmittels und produziert ab 1857 mit Hilfe eines italienischen Chocolatiers Gesundheitsschokolade unter dem Namen „Trumpf“. Kunstinteressierte wissen: dies war der Grundstein für die spätere Ludwig Schokolade GmbH & Co. KG Aachen, und damit auch des Mäzenatentums für die weltweiten Ludwig Museen (mehr).

     Andere Entrepreneure stammten aus dem Süßwaren- und Konditoreigewerbe, wie Johann Werner Lampertz in Aachen und Franz Stollwerk in Köln. Später kamen auf Kolonialwaren spezialisierte Kaufleute hinzu, wie Georg Neugebaur, der mit seinem Schwager Hugo Lohmann ab 1852 in Emmerich produzierte.


Die Publikation
ist eine familienunternehmerische Betrachtung, aber längst keine enge Firmenchronik. Vielmehr werden die Entwicklungsphasen, die von den Generationen eingegangenen Risiken und genutzten marktwirtschaftlichen Chancen, die Erfolge, Erbstreitereien und Strategiefehler, anschaulich dargelegt und eingebettet in die jeweils herrschenden Wirtschafts-, Sozial-, Konsum- und Politikbedingungen. Dabei bedient sich der Autor eines betriebswirtschaftlichen Vokabulars, das diese Monografie wohltuend von ähnlichen Werken abhebt.

 

Werbeplakat der P.F. Feldhaus Dampf-Chocoladen und Zuckerwaaren-Fabrik, um 1900. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss 2022

 

In den 1850er Jahren kam es zu entscheidenden technisch bedingten Veränderungen in fast allen Schokoladenfabriken. Der handwerkliche Nebenerwerb mit den süßen Sachen wandelte sich durch Mechanisierung und Dampfmaschineneinsatz in eine industrielle Fertigung. Feldhaus warb daraufhin gezielt mit dem Titel „Dampf-Chocoladen-Fabrik“. Der Nachfrageboom bei Schokolade, den die nun industrialiserte Branche anfachte, brach erst 1929 mit der Weltwirtschaftskrise zusammen.

     Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Unternehmen als Kommanditgesellschaft nur langsam wieder die Geschäfte auf. Im Sommer 1947 erteilte das Landesernährungsamt in Bonn der „Novesia-Fabrik“ den Auftrag zur Herstellung von 100 Tonnen Nährstangen für Schulspeisungen. Die firmenintern „Desertstange“ genannte Zusatzmahlzeit für Kinder war ein Gemisch unter anderem aus Zucker, Weizenschrot, Fett, Fruchtpulver und Mehl „mit schokoladenart. Überzug“. Angelehnt war deren Herstellung an die vom US-Militär verteilten populären Schokoriegel in der Besatzungszeit.

 

Anfang der Fünfzigerjahre hatte sich das Unternehmen erholt, war technologisch auf dem neuesten Stand und profitierte von den anbrechenden Wirtschaftswunderjahren.

     Die Nachfrage nach Schokowaren stieg ungebrochen. Erfolgreichstes Produkt der P.F. Feldhaus KG war die „Novesia-Fensternuss“, die ein Vierteljahrhundert zuvor entwickelt worden war.

     Bundesweit bekannt wurde die Marke „Novesia-Goldnuss“ durch pfiffige Werbekampagnen und die raffinierte Garantie, „dass das Produkt mindestens 27 ganze Nüsse“ pro Tafel enthalten müsse. Bemängelte der Konsument weniger Schalenfrüchte, konnte er die erworbene Tafel einsenden und bekam zwei Tafeln zurück. Später erhöhte Firmeninhaber Richard Feldhaus die Garantie auf 32 Haselnüsse pro Tafel.

     Kreatives Marketing dieser Art war auch erforderlich, denn die Wettbewerber vermarkteten ebenfalls mit viel Fantasie ihre Süßwaren. Der starke Schweizer Produzent Suchard hatte zum Beispiel seine Milka-Vollmilch schon seit 1901 unverwechselbar in lila Papier verpackt und die Markenfarbe 1964 offiziell schützen lassen. Die „Lila Kuh“ als Werbefigur kam zehn Jahre später. Die prosperierende P.F. Feldhaus KG feierte 1960 – mit Höchstzahlen bei der Produktion – ihr 100-jähriges Bestehen. Für diesen Anlass verfasste der renommierte Kunsthistoriker und Ministerialrat Mathias T. Engels (mehr) eine Firmenchronik.

 

Kakaodose von Feldhaus um 1890. Novesia als Firmen- und Produktname spielt auf die römische Ortsbezeichnung Novaesium an, die spätere Stadt Neuss. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss 2022

 

Die Firmendichte der Süßwaren- und Schokoladenproduzenten entlang des Rheins blieb bis in die Siebzigerjahre hoch und ihre Betriebe waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Region hatte als entscheidende Standortgunst die Wasserstraßenanbindung, daher kurze Wege zu den niederländisch-belgischen Seehäfen und somit zum globalen Roffstoffhandel.
     Bis heute sind die Namen der damaligen Marktführer, zu denen auch Feldhaus gerechnet wurde, unvergessen. Zur ersten Liga gehörten unter anderen der benachbarte Kölner Produzent Stollwerk, ferner Sprengel in Hannover, Sarotti Berlin, Suchard in der Schweiz und die Chocolaterie Jacques in Verviers/Belgien. Hingegen sind viele Klein- und Mittelbetriebe längst vom Markt verschwunden.

     Ursache war neben der Globalisierung und der internationalen Konkurrenz ferner die Aufhebung der Preisbindung 1970. Die Folge waren Fusionierungen oder Liquidierungen.

     Dieses Schicksal traf auch Feldhaus und dessen Paradeprodukt „Novesia“. 1980 gab der Familienbetriebe auf. Die Verpackungsinnovation „Fensternuss-Tafel“ wird nach wie vor  imitiert und das einstige Erfolgsprodukt „Novesia-Goldnuss“ unter der Dachmarke „Trumpf“ weiterhin als Nischenfüller in einigen Supermärkten angeboten. Irgendwann, so des Autors Fazit, wird allerdings auch die „Goldnuss“ vom Markt verschwinden.
cpw

 

Eine große Rolle für die Etablierung namhafter Süßwarenfirmen am Niederrhein spielte der Anbau der neu gezüchteten Zuckerrübe ab 1850. Sie ersetzte den teuren  Import von Rohrzucker, Bestandteil bei der Schokoadenerzeugung, aus den Subtropen. Neben der Kakaoverarbeitung und Schokoladenfertigung wurden Zuckerwaren wie Bonbons, Dragées, Fondantkonfekt, Lakritzen, Lutscher und anderes hergestellt.

 

Literaturhinweis
Lerch, Klaus: Schokolade aus Neuss. Die Geschichte des Neusser Familienunternehmens P.F. Feldhaus (1815-1979). Schriftenreihe des Stadtarchiv Neuss, Band 23. 271 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Neuss 2022. ISBN 978-3-922980-26-1


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