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rheinische ART 09/2022

EXPRESSIONISTEN
Der Zeit voraus


Ein großes Jubiläumsjahr verträgt auch zwei große Ausstellungen. Nach der brillanten Impressionisten-Schau im Frühjahr (mehr) zeigt das Essener Folkwang Museum zum 100. Geburtstag nun die Expressionisten. Das hat einen triftigen Grund!

 

Franz Marc Liegender Stier, 1913 Tempera auf Papier, 40 x 46 cm Foto © Museum Folkwang, Essen

 

Denn der Expressionismus ist äußerst eng mit der Historie des Museums verbunden. Und dies wird in der Schau mit dem Titel „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ überaus deutlich. Mit fast 250 Meisterwerken dieser, in seinen Anfängen höchst umstrittenen Kunstrichtung, wird das Sammlungs- und Ausstellungsgeschehen im Folkwang vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute beleuchtet.

 

Ernst Ludwig Kirchner Doris mit Halskrause, um 1906 Öl auf Leinwand
Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid © Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid. Bildquelle Museum Folkwang

 

Die expressionistische Kunst war eine Kunst der Rebellion! Sie war gegen die alten Traditionen gerichtet, gegen die erstarrte Malerei, gegen das Akademische in der Kunst und gegen alles Festgefahrene und Herkömmliche im Kulturbereich.

     Rote Pferde, orangene Kühe, grüne Häuser mit blauen Dächern und gelben Simsen, flammende Bäume. Dahingeworfen, unfertig wirkend, verwischt, geschmiert, gekleckst – das sollte Kunst sein?

 

Es war nicht erstaunlich, dass bereits vor dem Nationalsozialismus, nämlich 1913, im Berliner Reichstag die Malerei von Franz Marc als „krankhafte Kunst“ beschimpft wurde, als „Entartung“ und Ausgeburt einer „krankhaften Zeit“.

     Mehr oder weniger herrschte der Geist einer deutsch-völkischen Kunstauffassung vor. Da brauchte es schon eine besondere Standhaftigkeit, eine Weitsicht gepaart mit Pioniergeist und viel Mut, um eine Ausstellung mit Vertretern dieser Rebellenrichtung zu bespielen. Dies alles verkörperte der Gründer des Museum Folkwang, der Hagener Karl Ernst Osthaus (mehr).


Und so ist man dann bei den Anfängen des Expressionismus in Deutschland. Karl Ernst Osthaus entdeckt Anfang des 20. Jahrhunderts diese revolutionäre Kunstrichtung für sich, würdigte ihre wichtigsten Vertreter in frühen Ausstellungen und erwarb expressionistische Arbeiten für seine Sammlung.

 

Karl Schmidt-Rottluff Fischerkähne auf dem Haff, 1913 Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn, 2022. Bildquelle Museum Folkwang, Essen

 

Mit seinem frühen Engagement für den Expressionismus nahm auch das Museum Folkwang eine Vorreiterrolle ein. Franz Marc beschrieb es für die Künstlergruppe Der Blaue Reiter 1912 als „ein Museum, das in seiner Art ein Vorbild unseres Gedankenganges ist“. Im selben Jahr war Der Blaue Reiter im Museum Folkwang zu Gast und die geschockten Besucher konnten sich unter anderem mit Werken von August Macke, Franz Marc, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter auseinandersetzen.

     Als 1922 – vor genau 100 Jahren also, wie die Essener Kuratoren betonen – die Osthaus-Sammlung nach Essen verkauft wurde und die Hagener Sammlung im neuen Museum Folkwang aufging, spielte bei Ausstellungen und Ankäufen auch für den damaligen Essener Museumsdirektor Ernst Gosebruch der Expressionismus bereits eine wichtige Rolle.

     Gosebruch war zu dem Zeitpunkt einer der fortschrittlichsten Museumsleiter und sein Haus durch die umfangreichen Hagener Osthaus-Zugänge zum Expressionisten-Mekka der Zeit expandiert. Das gefiel jedoch längst nicht allen in der Ruhrmetropole und Gosebruch sah sich vielfacher scharfer Kritik und zahlreichen Widersachern ausgesetzt.

 

Ernst Ludwig Kirchner Farbentanz I, 1932 Öl auf Leinwand, 100 x 90 cm, © Museum Folkwang, Essen

 

Franz Marc Reitschule (nach Ridinger), 1913 Holzschnitt, © Museum Folkwang, Essen

 

Die wahre Zäsur hingegen brachte ab 1933 der Nationalsozialismus. Der Expressionismus wurde in ganz Deutschland offiziell als „entartet“ verfemt, die expressionistischen Werke im Museum Folkwang beschlagnahmt und verkauft.

     Spätestens mit der Eröffnung der Münchener NS-Propagandaschau „Entartete Kunst“ im Sommer 1937 war der öffentlichkeitswirksame Teil der Jagd auf alle Andersdenkenden und die Zerstörung der Moderne durch das „braune Regime“ eingeläutet.

     Der Präsident der „Reichskammer der bildenden Künste“ Adolf Ziegler, ein ehemaliger Maler, erklärte bei der Eröffnung der Femeschau: „Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnens und der Entartung.“

 

Die Essener Folkwang-Ausstellung erzählt aber auch, wie es weiterging. Sie berichtet vom Neuaufbau der Expressionismus-Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg, von den vielfältigen Ausstellungsaktivitäten ab 1948, in denen die Kunstrichtung rehabilitiert und als wichtigste künstlerische Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts gefeiert wurde.

     Die Jubiläumsschau präsentiert mehrere Arbeiten, die bei der Gruppenausstellung 1912, aber auch bei einer Soloschau Franz Marcs bereits 1911 im Museum Folkwang zu Gast waren.

     Bemerkenswert: Für die Dauer der Ausstellung werden die von Osthaus persönlich erworbenen und heute verstreuten Gemälde Ernst Ludwig Kirchners erstmals wieder zusammengebracht. Durch die Gegenüberstellung mit anderen Kirchner-Werken verdeutlichen die Kuratoren die langjährige Verbindung zwischen dem Künstler und dem Museum, die sich etwa auch in Entwürfen und Gemälden der 1920er Jahre für den Festsaal im Museum Folkwang manifestieren.

 

Christian Rohlfs Amazone, 1912 Tempera auf Leinwand, Museum Folkwang, Essen © Foto: Museum Folkwang, Jens Nober

 

Egon Schiele Selbstbildnis mit gesenktem Kopf, 1912 Öl auf Holz, © Leopold Museum, Wien. Bildquelle Museum Folkwang, Essen

 

Ein weiterer Fokus der Essener Schau liegt auf der richtungweisenden Beziehung des Museum Folkwang zu Oskar Kokoschka und Egon Schiele. Karl Ernst Osthaus erwarb als erster Museumsdirektor Werke der beiden Wiener Künstler. Von Schiele besaß er mit einem Gemälde und 14 Aquarellen die damals größte Sammlung. Einige dieser Werke kommen als Leihgaben erstmals seit 85 Jahren wieder ins Museum Folkwang, wie das Haus betont.

 

Ein eigenes Ausstellungskapitel ist Paula Modersohn-Becker (1876–1907, mehr) gewidmet. Das Museum Folkwang spielte für die Verbreitung ihrer Arbeiten eine zentrale Rolle. Posthum wurde das Schaffen der Malerin, die jung mit 31 Jahren verstarb, sechs Jahre nach ihrem Tod im Folkwang in einer großen Retrospektive gezeigt.

     Bei dieser Gelegenheit erwarb Osthaus ihr berühmtes Selbstbildnis mit Kamelienzweig (1906/1907). Insgesamt zwölf Werke aus der Retrospektive von 1913 werden aktuell im Folkwang wiedervereinigt, darunter fünf Selbstporträts. In einer gemeinsamen Präsentation werden ferner die Bildhauer Wilhelm Lehmbruck und Ernst Barlach gewürdigt.

     Die Verknüpfung der eigenen Museumshistorie mit der Geschichte des Expressionismus ist eine gelungene, spannende Darstellung. Sie zeugt von der Kraft und dem Mut von Museumspionieren, die einer jungen dynamischen Künstlerszene eine Chance bot. Modersohn-Becker schrieb in einem Brief 1905 an ihre Schwester begeistert über Osthaus: „Der hat die neueste Kunst um sich versammelt.“
rART/ruwoi

 


Die Ausstellung Expressionisten am Folkwang Entdeckt – Verfemt – Gefeiert ist bis zum 8. Januar 2023 geöffnet.

Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel. 0201 / 8845-444
Öffnungszeiten
DI, MI + SO 10 – 18 Uhr
DO + FR 10 – 20 Uhr


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