rheinische ART
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rheinische ART 11/2022

UMWELT
Müll und Trümmer im Trend

 

Abfallbeseitigung ist eine hochgradig automatisierte Industrie, soviel ist klar. Und sie wird immer dringlicher. Erstaunlich viele Kunstschaffende machen das Abfallproblem zum Gegenstand ihrer Kunst.

 

Hira Nabi All That Perishes at the Edge of Land, 2019 (Filmstill); Film, Farbe, Ton, 30 min; Courtesy the artist © Hira Nabi

 

Joseph Beuys hat es getan, sein Wegbegleiter Daniel Spoerri, Universalkünstler und Erfinder der Eat-Art (mehr), auch. Ihnen ging es in der Kunst nicht um eine realistische Abbildung der Wirklichkeit, sie erklärten Dinge des Alltags, zum Beispiel Müll, Kehricht, Essenabfall, zu ihrem Medium der Kunst.

     Und wenn man 60 Jahre zurückblickt, gab es noch weitere Künstler, die auf Schrottplätzen, Müllhalden und bei Abfalleimern Inspirationen suchten und kreativen Umgang mit diesen Restbeständen der Konsumkultur praktizierten.

 

Agnes Denes Wheatfield A Confrontation: Battery Park Landfill, Downtown Manhatten – With Statue of Liberty, 1982. Farbabzug; 40,6 x 50,8 cm. Courtesy Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New York © Agnes Denes courtesy Leslie Tonkonow Artworks + Projects Foto Agnes Denes


Im Jahre 1960, daran sei hier erinnert, begründete Spoerri mit einigen Künstlerkollegen, darunter Yves Klein, Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Arman, bürgerlich Armand Pierre Fernandez, die Kunstrichtung Nouveau Réalisme und die Junk Art. Sie alle sahen im Müll und Gerümpel auch Kunst. Oder erhoben den Abfall erstmals zu Kunst. Letztlich ist der Begriff der Junk Art jedoch noch ein paar Jahre älter und stammte von dem britischen Kunstkritiker und Kurator Lawrence Alloway, vermutlich aus den Fünfzigerjahren.

 

 

Nicolás Garcia Uriburu und Joseph Beuys, Rhein Water Polluted, 1981. Glasflasche, gefärbtes Rheinwasser, Etikett, Schraubverschluss mit Ölfarbe (Braunkreuz), Kunsthalle zu Kiel, © 2022 ProLitteris, Zürich; Foto © Kunsthalle zu Kiel, Sönke Ehlert

 

Unvergessen in Sachen Müll und Kunst: Joseph Beuys´ kontaminiertes Rheinwasser, das in Flaschen abgefüllt als Edition angeboten wurde!

     Aber Beuys war es auch, der Abfall nicht nur als Material für seine Kunst einsetzte, sondern damit auf die Umweltbelastungen hinwies. Ein früher Grüner? Selbstverständlich (mehr).Letztlich gehörte der Mann vom Niederrhein bis zu seinem Tode der Partei Bündnis 90/ Die Grünen an.


Derzeit zeigt das Baseler Kunstmuseum Tinguely die Ausstellung „Territories of Waste“. Das Museum liegt direkt am Rhein in Wurfweite des Chemie- und Pharmakonzerns Roche AG, der in Basel Kaiseraugst einer der großen Arbeitgeber ist. Die Schau setzt sich mit dem globalen Abfall, der Wegwerfgesellschaft und deren Wandlungen auseinander und lenkt die Blicke auf die „Abfallgebiete“ der Industrieländer Europas, aber auch auf die in Amerika, Indien oder Pakistan.

 

Mierle Laderman Ukeles, Washing 7 Tracks / Maintenances: Outside, 22. Juli 1973. Teil der Maintenance Art performance Series, 1973-1974. Performance am Wadsworth Athenaeum, Hartford, CT. Private collection, Ronald Feldman Gallery, New York. © Mierle Laderman, Ukeles, Foto: courtesy the artist und Ronald Feldman Gallery, New York.

 

Eine immer stärkere und oft maßlose Konsummentalität führte ab den Sechzigerjahren zu Auswüchsen, die heute kaum noch vorstellbar sind. Einer der negativen Höhepunkte war 1967 der Werbeslogan „ex und hopp“, der anlässlich des Starts der neuen 33-cl-Einwegbierflaschen in die Welt gesetzt wurde. „Austrinken und dann hopp!" – „Kein Pfand, kein Herumstehen leerer Flaschen, kein Zurücktragen."

     Während die Abfallberge der überquellenden Deponien und der achtlos in der Natur entsorgte Müll damals überall sichtbar wurden, ist er heute in den westlichen Teilen der globalisierten Welt im Wesentlichen unsichtbar.       Eine ausdifferenzierte Abfallwirtschaft entlastet die Bürger von Unrat und Schmutz ebenso wie von den Überresten eines übermäßigen Konsums. Sortiert, abtransportiert, verbrannt, geklärt, kompostiert, recycelt, in Bergwerken deponiert und exportiert, sei das Ausgesonderte zwar nicht weg, aber immerhin fort.

     

Das trifft in der Tat zu. Die globale Omnipräsenz jeglicher Form von Abfall in Luft, Erde, Wasser, Eis und Lebewesen – und das auch in von Menschen kaum betretenen Gebieten – hat nachhaltig die Vorstellung von Natur revidiert.

     Gegenwärtig widmen sich Künstler verstärkt der territorialen Verschiebungen von Waste entlang kolonialer Geografien. Zusammen mit den globalen werden die geologischen Aspekte in den Vordergrund gerückt. Zentral für diese „geosphärische“ Bedeutung ist die Reflexion über die ökologischen Dimensionen von Rohstoffgewinnung insbesondere im Bergbau, betonen die Basler Kuratoren.

     Es ist auffällig, dass ökologische Fragestellungen in Kunstausstellungen in jüngster Zeit Hochkonjunktur haben. Darin manifestiert sich eine neue Dringlichkeit, mit der Grenzen des Wachstums, des Ressourcenverbrauchs und der Nachhaltigkeit kritisch verhandelt werden. Dabei spielen Künstler eine wichtige Rolle: als Seismographen, als unabhängige „Tiefenforscher“ – wie es in Basel heißt – und als Generalisten und Generalistinnen, die disziplinenübergreifende Synthesen wagen.

 

 

Anca Benera & Arnold Estefán, The Last Particles, 2018 (Detail), Installation mit verschiedenen Materialien (HD-Video, Farbe, Ton, 8:45 min; Fotografien; Sand; Aluminiumgestell; Mikroskop; Laborschrank; etc.) Ton: Simina Oprescu Sammlung Frac des Pays de la Loire © Anca Benera & Arnold Estefán; Foto: © FRAC, courtesy Frac des Pays de la Loire; Fanny Trichet

 

Die Schau bietet rund 25 künstlerische Positionen – unter anderen Julien Creuzet, Agnes Denes, Hira Nabi, Barbara Klemm –, die sich mit den Auswirkungen der Güter- und Müllproduktion befassen, die sich unserem Blick entziehen.

     Mit Installationen, Videos, Skulpturen, Fotografien und Performances reichlich bestückt, geht die Ausstellung von der Gegenwart aus, während eine Reihe historische Arbeiten zeigen, dass sich Künstler schon früher mit Waste, mit Verschmutzung und Umweltbelastungen, etwa beim Rohstoffabbau, beschäftigten. Allein die Komplexität des Waste wäre, wie die Neue Zürcher Zeitung resümiert, „genug für mehrere Ausstellungen“.
rART/cpw

 

Die Ausstellung Territories of Waste Über die Wiederkehr des Verdrängten kann bis zum 8. Januar 2023 besucht werden.
Museum Tinguely
Paul Sacher- Anlage 2
CH 4002 Basel, Schweiz
Tel +41 61681 9320
Öffnungszeiten
DI – SO 11.00 – 18.00 Uhr
DO 11.00 – 21.00 Uhr

 

Zitierquelle: NZZ vom 19.11.2022. Maria Becker: „Wo andere Müll sehen, sehen sie Kunst“.

 

 

 

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