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rheinische ART 12/2022

TILLA DURIEUX
Die Jahrhundertzeugin

 

Ältere Semester werden sich erinnern: In den Sechzigerjahren zeigte die große Mimin Tilla Durieux in dem Einpersonenstück Langusten, einem Klassiker im deutschen TV mit Volkstheatercharakter, noch einmal ihr Können. Da war sie bereits 80 Jahre alt.

 

Franz von Stuck Tilla Durieux als Circe, um 1913 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/ Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland/Jörg P. Anders. Bildquelle © Leopold Museum Wien

 

In dem Drama geht es um die einsame Putzfrau Marie Bornemann, für die Langusten der Inbegriff einer ihr verschlossenen und fremden Welt darstellen. Zu ihrem 60. Geburtstag, für den sie gespart hat, will sie nun einmal im Leben das teure Krustentier essen und erwartet zu diesem Ereignis auch Gäste. Aber alles kommt anders!

     Eine Ausstellung im Wiener Leopold Museum ist dem einst gefeierten Theater- und Filmstar Tilla Durieux gewidmet. Jener Schauspielerin, die die Langusten-Story so genial spielte. Es ist die erste umfassende Schau über diese moderne Frau der 1920er Jahre, die eine schillernde Persönlichkeit war.

      

Eugen Spiro Dame mit Hund (Tilla Durieux), 1905 Privatsammlung Foto: Leopold Museum, Wien © Bildrecht, Wien 2022. Bildquelle © Leopold Museum Wien

 

Tilla Durieux (1880–1971) war nicht nur eine Größe auf der Bühne, sondern auch eine politisch engagierte Zeitgenossin, deren Rollen ebenso vielfältig waren wie die Liste der Künstler und Künstlerinnen, „denen sie Modell saß“, wie das Museum betont.

     Und das waren schon sehr namhafte Kreative wie unter anderen Auguste Renoir, Lovis Corinth, Franz von Stuck, Max Slevogt, Emil Orlik, Oskar Kokoschka, Lotte Jacobi und Mary Duras.

 

Auguste Renoir Porträt Tilla Durieux, 1914 The Metropolitan Museum of Art, Bequest of Stephen C. Clark, 1960, Foto: The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of Stephen C. Clark, 1960. Bildquelle © Leopold Museum Wien. 

 

Anonymer Fotograf Tilla Durieux als Lady Macbeth in Macbeth, 1937 Akademie der Künste, Berlin, Tilla-Durieux-Archiv, Nr. 193_3, Foto: Akademie der Künste, Berlin, Tilla-Durieux-Archiv, Nr. 193_3. Bildquelle © Leopold Museum Wien

 

Der Malerfürst, Jugendstil- und Symbolismus-Vertreter Franz von Stuck stellte Tilla Durieux um 1913 in ihrer Rolle als Zauberin Circe in dem gleichnamigen Theaterstück von Calderón dar (s. oben). Er charakterisierte sie als klassische Femme Fatale, als starken wie auch ein wenig fivol-lasterhaften Frauentypus, dem die Männerwelt zu Füßen lag.

     Dem Impressionisten Auguste Renoir stand die Schauspielerin im Jahre 1914 insgesamt 19 Tage lang täglich vier Stunden Modell für ein Portrait. Auftraggeber war ihr Ehemann, der Kunstsammler Paul Cassirer. Das Ölgemälde zeigt Durieux in einem Sessel sitzend. Sie trägt das Kostüm aus ihrer damaligen Aufführung von George Bernard Shaw´s Pygmalion.


Die Schauspielerin wird in ihrer Geburtsstadt Wien als eine Jahrhundertzeugin präsentiert. Kuratorin Daniela Gregori geht in dieser Ausstellung den unterschiedlichen Rollen, die die Theaterkünstlerin einnahm auf den Grund und zeigt erstmals die Faszination, die Durieux, die spätere Wahlberlinerin, bereits auf ihre Zeitgenossen ausübte.
     Selten wurde eine Person über einen Zeitraum von rund 70 Jahren so häufig und in unterschiedlichsten Medien dargestellt, heißt es im ausstellenden Haus. „Anhand von Tilla Durieux ließe sich gewissermaßen die Geschichte des Porträts der Moderne erzählen.“


Tilla Durieux, geborene Ottilie Helene Angela Godeffroy, kam in Wien als Tochter eines Chemieprofessors und einer Pianistin in einer gutbürgerlichen Familie zur Welt. Von ihrem Elternhaus im noblen Wiener Währinger Cottage hielt sie nicht viel, es galt ihr „als lieb- sowie freudlos“.

     Sie flüchtete früh in eine Fantasiewelt. Nach dem Tod ihres Vaters setzte die 16-Jährige, gegen den Willen ihrer Mutter, eine Schauspielausbildung in Wien durch. Danach schaffte sie es über Stationen in Olmütz 1902 und Breslau 1903 schließlich nach Berlin zu Max Reinhardt an das Deutsche Theater.

     In dem bekannten Ensemble erhielt die junge Aktrice zunächst kleinere Engagements, bis der gefeierte Theaterstar Gertrud Eysoldt (1870–1955) erkrankte, und Durieux für sie einsprang. Es war die Hauptrolle in Oscar Wildes Stück Salome, in der sie brillierte – und mit der sie sich als legendären Bühnenfigur etablierte.

 

Werner-Viktor Toeffling Porträt Tilla Durieux, 1961 Stiftung Stadtmuseum Berlin © Werner-Viktor Toeffling. Bildquelle © Leopold Museum Wien

 

Über die Jahre hinweg spielte Durieux hernach in allen wichtigen Häusern Europas und stellte sich gerne – nicht nur auf der Bühne, sondern ab 1914 auch vereinzelt vor den Kameras der Stummfilm-Ära – herausfordernden Rollen. Ihren Durchbruch als Filmschauspielerin erlebte sie allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

     Am 21. Februar 1971 verstarb Tilla Durieux 90-jährig in Berlin. Neben zahlreichen Bühnenauftritten, Dreharbeiten, Gastspielen, Lesungen und Vorträgen bis ins hohe Alter ordnete sie ihren Nachlass und bestimmte so selbst über das Bild ihrer eigenen, bemerkenswerten Persönlichkeit, wie es sich heute rekonstruieren lässt. Die Ausstellung zeigt rund 233 Werke, darunter 14 Gemälde, 81 Arbeiten auf Papier und 84 Fotografien.
rART/cpw


Die Ausstellung „Tilla Durieux. Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“ ist bis zum 27. Februar 2023 | Ebene -2, geöffnet.
Leopold Museum
MuseumsQuartier Wien

Museumsplatz 1,
1070 Wien
Tel Tel. +43 1 525 70-0
Öffnungszeiten
Täglich (außer Dienstag) 10 – 18 Uhr

 

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