rheinische ART
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rheinische ART 04/2012

ARCHIV 2012
Tragik eines Galeristen-Stars

 

Wer war Walden?

 

 

Oskar Kokoschka und Herwarth Walden im Grafikzimmer der Zeitschrift Der Sturm (1916)

 

Zeitschrift Der Sturm

 

William Wauer, Büste Herwarth Walden, 1917

 

 

Die große Avantgarde-Schau „Der Sturm“ (mehr) im Wuppertaler Von der Heydt-Museum hat das Medieninteresse auf eine schillernde Figur der Kunstwelt der 1920er Jahren gelenkt: Herwarth Walden. Der vom Expressionismus besessene Händler gründete vor 100 Jahren die legendäre Sturm-Galerie und prägte die deutsche Kunstszene entscheidend. Er war es, der Avantgardisten wie etwa Marc Chagall, Wassily Kandinsky oder Paul Klee auf dem Markt positionierte und vermutlich Millionen mit ihren Bildern verdiente.

 

DER EIN wenig in den Hintergrund geratene Mann gilt heute als Prototyp des visionären, gewieften Galeristen, ein Ausstellungsmacher mit vielen Gesichtern. Herwarth Walden (1878-1941), der gebürtig Georg Lewin hieß und aus einer wohlhabenden jüdischen Arztfamilie in Berlin stammte, studierte Komposition und Klavier in Berlin und Florenz, trat als Pianist auf, verfasste später Lyrik und Prosa und machte sich einen Namen als Literaturkritiker und Kunst- und Musikexperte. Mit 25 Jahren gründete der Multitalentierte 1903 den „Verein für Kunst“ mit dem Ziel, junge unbekannte Autoren zu fördern. Zu seinen Mitarbeitern gehörten Schriftsteller von späterem Weltrang, wie die Gebrüder Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke, Alfred Döblin oder Gottfried Benn.

 

Frühe Jahre

 

Ein Mitglied des Vereins war die exzentrische Wuppertaler Dichterin Else Lasker-Schüler, die Walden im November 1903 heiratete. Für die neun Jahre ältere Rheinländerin war es die zweite, für den Berliner die erste Ehe. In den Jahren ihrer Partnerschaft - sie wurden 1912 geschieden - wurden die Weichen für Waldens legendäre Karriere gelegt. Else Lasker-Schüler wird zugeschrieben, ihrem Mann das Pseudonym Herwarth Walden vorgeschlagen zu haben. Walden gab im Selbstverlag Schriften heraus - unter anderem mit Karl Kraus - und etablierte sich mit der ästhetisch künstlerischen Expressionismus-Zeitschrift „Der Sturm“, die ab 1910 erschien.

   Die Autoren dieser Publikation waren namhaft. Im Sturm veröffentlichten unter anderen Max Brod, Anatole France, der umstrittene norwegische Literaturnobelpreisträger Knut Hamsum, Selma Lagerlöf, Adolf Loos und der Maler Oskar Kokoschka, der jahrelang engster Weggefährte Waldens wurde. Ab 1912 trat Walden mit seiner „Sturm-Galerie“, die er in der Berliner Tiergartenstraße 18 in der Gilka-Villa einrichtete, als Kunstvermarkter und -vermittler in der deutschen Avantgardeszene auf. Auch die Namensgebung „Sturm“ wird Else Lasker-Schüler zugeschrieben. Waldens Verbindung zur Heimat seiner Frau war in jenen Jahren durchaus eng, denn in den vermögenden Industriekreisen des rheinisch-bergischen Raums war das Sammeln umstrittener neuer Werke der Moderne bereits längst populär. Walden fand hier finanzielle Unterstützung und baute Kontakte zu noch unbekannten jungen Künstlern auf.

 

Zeit der Millionen

 

Nach Finanzproblemen gelang es Walden schließlich 1913, nunmehr mit der schwedischen Musikerin und Malerin Nell Roslund verheiratet, auch als Galerist und Ausstellungsorganisator Fuß zu fassen. Den Auftakt bildete die am 20. September 1913 in Berlin eröffnete, berühmte, aber alles andere als erfolgreiche Kunstschau „Erster Deutscher Herbstsalon“. Sie wurde unweit der Sturm-Galerieräume auf rund 1200 Quadratmetern in einem Abrissbau der Potsdamer Straße 75 gezeigt und von der Kunstkritik verrissen.

 

Herwarth Walden mit seiner zweiten Frau Nell (1916)

 

Waldens wahrer Geschäftserfolg setzte mit Bildern des Blauen Reiters ein, vor allem mit Werken der russischen Maler Chagall und Kandinsky, die er in genialer Manier vermarktete – aber ebenso, zumindest im Fall Marc Chagall, schamlos hinterging. Mit seiner Galerie und seinem sicheren Blick für Kunst und Künstler seiner Zeit entwickelte sich Herwarth Walden zum wohl wichtigsten Förderer der deutschen Avantgarde. Er prägte mit seinem Konkurrenten, dem großen Berliner Galeristen Paul Cassirer, und dem rheinischen Kunstsammler Alfred Flechtheim (mehr) nicht nur die deutsche sondern auch die europäische Kunstszene. Denn Internationalität war ein Markenzeichen des Berliners. Er stellte hochrangige französische, belgische, russische und ungarische Konstruktivisten aus, bot italienischen Futuristen wie auch Prager Kubisten ein Forum.


Gewonnen - zerronnen

 

Während des Ersten Weltkriegs boomte der Sturm-Galeriebetrieb. Auch verwandte Kunst-Institutionen (Bühne, Kunstschule, Verlag) unter Waldens Ägide, die er in frappierend schneller Folge gründete, wurden populär. Und vermutlich liefen über ein als Nachrichtenstelle deklariertes Büro, in dem der Galerist offiziell mit seiner Ehefrau Übersetzungen aus dem Niederländischen und Schwedischen für das Deutsche Reich fertigte, auch staatlich außerordentlich hoch dotierte Spionagetätigkeiten. Ein Kapitel in Waldens Vita, das bis heute zahlreiche Fragen offen lässt.

   Nach 1918 büßte Herwarth Walden zunehmend Fortune ein. Weltwirtschaftskrise und Inflation dezimierten das Vermögen des Avantgarde-Sammlers und Händlers. Zahlreiche etablierte Künstler standen ihm ablehnend gegenüber, zumal er ab 1919 als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) geführt wurde und als bekennender Kommunist auftrat. Seine Ehe mit Roslund wurde 1924 geschieden. Ausstellungen bespielte Walden mangels Geld immer seltener, 1932 war der einst agile und begüterte Wegbereiter des Expressionismus bankrott. Herwarth Walden heiratete im selben Jahr ein drittes Mal, wurde auf Druck der Gestapo aber bald darauf wieder geschieden; er verließ Deutschland umgehend und emigrierte nach Russland.

   In Moskau arbeitete er als Sprachlehrer und Verleger, weckte aber durch seine Vorliebe für den Expressionismus schnell Ressentiments bei der russischen Regierung. Am 13. März 1941 wurde Herwarth Walden vom russischen Geheimdienst unter Spionageverdacht verhaftet und, wie viele andere Emigranten vor ihm, inhaftiert. Er stirbt im Oktober des Jahres nach mehrmonatiger Dunkelhaft in einem Straflager nahe Saratow an der Wolga. Eine offizielle Todesbestätigung und Rehabilitierung gab es erst 25 Jahre später.

 

Else Lasker-Schüler (mehr) flüchtete 1933 in die Schweiz und verstarb 1945 verarmt in Jerusalem. Die Malerin, Musikerin und Schriftstellerin Nell(y) Anna Charlotta Roslund (1887-1975) lebte ab 1933 ebenfalls in der Schweiz und starb 88-jährig in Bern.

Das Pseudonym Herwarth Walden geht zurück auf den Titel des 1854 erschienenen Kult-Roman für alternative Lebensformen „Walden; or Life in the Woods“ (Walden oder Leben in den Wäldern) des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau (1817-1862). Es ist eine geografische Bezeichnung, die sich auf den glazialen „Walden-See“ bei Concord/Massachusetts bezieht. An diesem See hatte Thoreau in einer Holzhütte jahrelang ein Leben im Einklang mit der Natur geführt.

Claus P. Woitschützke


 

 


 

 

 

FRANK BAUER 

Die Gelassenheit

der Dinge

(Foto: Ausschnitte

Öl auf Leinwand, 2017)

 

17.11.2017 - 13.01.2018

GALERIE VOSS

 


 

 

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