rheinische ART
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rheinische ART 12/2012

ARCHIV 2012

Alte Meister: Eine ungewöhnliche Porträtserie

 

Die Craeyvangers

 

 

Willem Craeyvanger gemalt von Paulus Lesire

1651, ©SLM, Privatsammlung New York

 

 

Im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum ist derzeit eine bemerkenswerte Porträtserie mit zehn Einzelbildnissen aus dem 17. Jahrhundert zu besichtigen. Es handelt sich um die holländische Familie Willem Craeyvanger. Ungewöhnlich ist, dass die Familie nicht konventionell als Gruppe portraitiert wurde und bekanntlich drei Künstler zwischen 1651 und 1658 die Serie realisierten: Paulus Lesire, Gerard ter Borch und dessen Assistent Caspar Netscher. Für den Betrachter interessant: Die verschiedenen Herangehensweisen der Künstler an den gleichen Auftrag lassen sich direkt vergleichen.

 

 

 

Zur Geschichte:


WILLEM Craeyvanger, ein Tuchhändler aus Arnheim, ließ sich 1651 porträtieren, als er – wahrscheinlich geschäftlich – in Den Haag weilte, dem Sitz der niederländischen Statthalter. Er entschied sich für Paulus Lesire, einen dort weithin anerkannten Künstler. Es ist bemerkenswert, dass Lesire nur das Porträt des Ehemannes malte, nicht aber das von dessen Gattin. Wahrscheinlich konnte sie zu dieser Zeit nicht so weit reisen, da sie mit ihrem siebten Kind schwanger war.
 

Christine van der Wart gemalt von Caspar Netscher 1655 ©SLM, Privatsammlung New York

   Gleichwohl dürfte ein entsprechendes Pendant geplant gewesen sein, zumindest deutet die Komposition von Willems Porträt darauf hin. Tatsächlich entstand dieses Gegenstück erst vier oder fünf Jahre später. So zeigt es Christine van der Wart mit 35, genau in jenem Alter also, in dem ihr Ehemann sich hatte malen lassen. Allerdings war Lesire schon 1654 gestorben und das Ehepaar musste sich nach einem anderen Künstler umschauen. Sie fanden ihn in Deventer, unweit von ihrer Heimatstadt Arnheim. Dort unterhielt Gerard ter Borch eine florierende Werkstatt. Er war der wohl bei weitem erfolgreichste Maler im Osten der niederländischen Republik.

   Es war jedoch nicht Ter Borch selbst, der das Porträt von Craeyvangers Gattin anfertigte, sondern sein talentierter junger Assistent, der aus Heidelberg stammende Caspar Netscher, der zu dieser Zeit nicht älter als 16 oder 17 war. Zudem gestattete ihm Ter Borch, das Porträt mit dem eigenen Namen zu signieren. Es ist somit das früheste bekannte Gemälde Netschers. Vermutlich war Ter Borch nicht all zu sehr daran interessiert, das Gemälde selbst auszuführen, da er gezwungen gewesen wäre, Stil und Komposition dem bereits existierenden Porträt Willems von Paulus Lesire anzupassen.

   Doch am nächsten Auftrag der Craeyvangers war auch Gerard ter Borch beteiligt. Es ging um die Porträts der acht Kinder, die Geburt und Säuglingsalter überlebt hatten. Die vier ältesten Söhne Jan, Willem, Reijnder und Engel malte Ter Borch selbst. Die Bildnisse der jüngeren Söhne Peter und Gerrit sowie die der jüngeren Schwestern Lijsbeth und Naleke übernahm wiederum Caspar Netscher – kurz bevor dieser Deventer für eine aussichtsreiche Karriere in Den Haag verließ.
   So entstanden vier Pendantpaare, nach Kindesalter arrangiert. Ter Borch legte sein Augenmerk vor allem auf die fein durchgearbeiteten Gesichter und vertraute auf sein herausragendes Gespür für die Texturen unterschiedlicher Stoffe. Netscher hingegen fügte erzählerische Elemente in seine Kompositionen ein, einen Vogelkäfig auf einem Tisch oder Blumen in einer Rockschürze. Nur eines dieser acht Porträts ist mit 1658 datiert, doch man nimmt an, dass alle etwa aus derselben Zeit stammen. Vermutlich reisten die Künstler zur Familie nach Arnheim und fertigten einige Zeichnungen an, die sie dann nach ihrer Rückkehr im Atelier ausarbeiteten.
   1666 wurde Willem Craeyvanger zahlungsunfähig. Die Gläubiger ließen die Gemälde unangetastet. Nach Willem Craeyvangers Tod gelangten sie an seinen zweiten Sohn Willem.

 

Die zehn Gemälde verblieben über 350 Jahre im Besitz der Familie, bis sie schließlich 2009 bei Christie`s (mehr) versteigert wurden. Die Porträtserie wurde zunächst im Museum Mauritshuis in Den Haag der niederländischen Öffentlichkeit präsentiert, reiste dann nach Istanbul und wird jetzt mit der Präsentation in Aachen erstmals einem deutschen Museumspublikum vorgestellt.
SLM/ruwoi

 

Die Ausstellung „Die Craeyvangers – Porträts einer holländischen Familie“ ist bis zum 17. Februar 2013 zu sehen.
Suermond-Ludwig-Museum
Wilhelmstraße 18
52070 Aachen
Tel. 0241 / 47980-0

 

 

 

 

 

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