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rheinische ART 09/2018

Archiv 2018

BALTHUS IN BASEL
Dandy der Moderne


Der polnisch-deutsch-französische Maler Balthasar Kłossowski de Rola, berühmt unter dem Künstlernamen Balthus, ist ein Klassiker des 20. Jahrhunderts, zugleich einer der exzentrischsten seiner Zunft und ein Provokateur. Dass er auffällig gern junge Mädchen in vermeintlich unzüglichen Posen malte, ist hinlänglich bekannt.

 

Meisterwerk und ein anderer Balthus. Balthus Passage du commerce Saint-André 1952–1954, Öl auf Leinwand, 294 x 330 cm, Privatsammlung © Balthus Foto: Mark Niedermann

 

Balthus, soviel ist klar, ist für Ausstellungen immer gut, wirkt immer anziehend und ist derzeit durchaus auch gewagt. Denn einiges aus dem Atelier des „Mädchenmalers“ gilt aktuell als übergossen, und zwar „mit der toxischen Flüssigkeit der Moralkritik“, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) jüngst bemerkte.

 

Umstritten Balthus Thérèse rêvant, 1938. Oil on canvas, 149,9 x 129,5 cm. © Jacques and Natasha Gelman Collection, 1998. The Metropolitan Museum of Art, New York. © 2018 Artists Rights Society (ARS) New York

 

Das delikateste Objekt ist seit Jahren vor allem das Balthus-Gemälde „Thérèse rêvant“ von 1938; ein hintergründig erotisches Werk, das im New Yorker Metropolitan Museum (Met) beheimatet ist und in Richtung pädophile Ausbeutung geschoben wurde.

     Es brachte dem größten Universalmuseum der Welt vor einem Jahr im Rahmen der #MeToo-Debatte einen Shitstorm ein, als es Balthus´ träumende Therese an die Wand hängte und nach Protesten wieder von dort entfernen sollte. Das als sexistisch und anstößig kritisierte Gemälde wurde aber nicht abgehängt, die kontroverse Diskussion um Freiheit in der Kunst blieb.

 

Unstrittig Balthus Thérèse, 1938. Öl auf Karton auf Holz, 100.3 x 81.3 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Vermächtnis Mr. und Mrs. Allan D. Emil, zu Ehren von William S. Lieberman, 1987 © Balthus, Foto: The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz

 

Eleganter Dandy mit 27 Jahren. Balthus Selbstbildnis “Le roi des chats”, 1935. Öl auf Leinwand 78 x 49,7 cm, Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Schenkung der Fondation Balthus Klossowski de Rola 2016. © Balthus, Foto: Etienne Malapert, Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne

 

Der Vorwurf in einer Online-Petition, die von mehr als 10.000 Menschen seinerzeit unterzeichnet worden war: Das Bild verkläre „den Voyeurismus und die Sexualisierung von Kindern".

     „Der Spiegel“ fragte, ob das Kunst sei oder der größte Reiz bei solchen Bildern „im jungen Alter der Modelle“ liege?

     Sind solche Malereien des französischen Künstlers gar, wie die FAS in den Raum stellte, „ein Fall für das Jugendamt“? Die Wellen schlagen zeitweise hoch, die Meinungen gehen auseinander. Gibt es also einen bösen Balthus und einen guten?


Jetzt zeigt die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel mutig und unbeeinflusst den umstrittenen wie legendären Maler Balthus (1908–2001) in einer retrospektiv angelegten Ausstellung.

     Darunter gleich zwei Mal eine „Thérèse“ aus einer „weit zurückliegenden Zeit“ (FAS). Die eine als besagtes, träumendes Mädchen in scheinbar anstößiger Pose, die andere Kindfrau zeigt außer Bein nichts.


Ein Shitstorm wie in New York ist in der Schweiz wohl nicht zu befürchten. Auch gab es vor der Ausstellung keinen Druck durch Kulturdezernenten und Jugendamt wie in Essen 2014, was das dortige Museum Folkwang veranlasste, eine geplante Polaroid-Schau mit Balthus-Arbeiten abzusagen.

     Es ist die erste Exposition zu dem Meister in einem Schweizer Museum seit zehn Jahren und ferner die erste umfangreiche Präsentation seines Schaffens in der deutschsprachigen Schweiz überhaupt, wie die Fondation Beyeler verlauten lässt.

 

Den Ausgangspunkt für diese Ausstellung markiert Balthus monumentales Meisterwerk Passage du Commerce Saint-André von 1952–1954, das sich seit längerer Zeit als Dauerleihgabe bei Beyeler befindet. In diesem rätselhaften Gemälde verdichtet sich, wie es heißt, in besonderem Maße Balthus intensive Beschäftigung mit räumlichen wie zeitlichen Dimensionen im Bild und deren Verhältnis zu Figur und Objekt.

 

Balthus La Rue, 1933, Öl auf Leinwand, 195 x 240 cm, The Museum of Modern Art, New York, Vermächtnis James Thrall Soby, © Balthus, Foto: © 2018. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florenz


Ausgehend von diesem Aspekt, zeigt die Schau rund 40 zentrale Gemälde des Künstlers aus sämtlichen Schaffensphasen, einige davon sind selten präsentierte Arbeiten aus Privatsammlungen. Die Kuratoren beleuchten auch Balthusʼ teilweise provokante Strategien der bildlichen Inszenierung und damit nicht zuletzt die Ironie und Abgründigkeit seiner Kunst.

     So treffen, wie es in der Beyeler-Schau heißt, in seinen ebenso ruhevollen wie spannungsreichen Werken Gegensätze aufeinander, indem sich Wirklichkeit und Traum, Erotik und Unschuld, Sachlichkeit und Rätselhaftigkeit sowie Vertrautes und Unheimliches auf einzigartige Weise verbinden.

 

Balthus,1948. Foto: Irving Penn, © The Irving Penn Foundation

 

Balthus wird zu den Großen der Kunst des letzten Jahrhunderts gerechnet und erweist sich dabei als einer der singulären. In seinem vielschichtigen und facettenreichen Schaffen, das ebenso Verehrung wie jüngst deutlich Ablehnung erfährt, beschritt der Maler, wie die Fondation Beyeler betont, einen künstlerischen Weg, der alternativ, „ja geradezu entgegengesetzt zu den Strömungen der modernen Avantgarden verlief“.

     In dieser Abkehr beziehe sich der Exzentriker auf eine Vielzahl kunsthistorischer Traditionen und Vorläufer. In seiner beinahe als „postmodern“ zu beschreibenden Distanzierung von der Moderne, wie die Ausstellungsmacher es interpretieren, entwickelte er zugleich seine ganz eigene Form von Avantgarde, die heute umso aktueller erscheine.
rART


Der erster Förderer von Balthasar Kłossowski war sein Patenonkel, der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926), der Liebhaber seiner Mutter. Auf ihn geht der Name Balthus zurück. Schon die erste Einzelausstellung von Balthus, der stets provozierte und auffallen wollte, löste in Paris 1934 wegen der freizügigen Werke einen Skandal aus. 1977 ließ sich Balthus mit seiner zweiten Ehefrau Setsuko Ideta im Grand Chalet in Rossinière in der Schweiz nieder, wo er 2001 verstarb.


► Das Lebenswerk des Malers ist mit rund 280 Werken überschaubar. Straßenszenen sind ein oft wiederkehrendes Motiv, die einen anderen Balthus zeigen. Dem breiten Publikum ist der Maler jedoch vor allem durch seine Mädchen-Darstellungen mit ihrer hintergründigen Erotik bekannt. Sie brachten ihm den Ruf eines „Dandys der Moderne“ ein.


Die Ausstellung „Balthus“ wird bis zum 1. Januar 2019 gezeigt.
Fondation Beyeler
Baselstrasse 101
CH-4125 Riehen/Basel
Tel +41/ 61 645 97 00
Öffnungszeiten
MO-SO 10-18 Uhr
MI bis 20 Uhr

 

Zitierquelle: Welche Blicke sind richtig? Von Kolja Reichert in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), Nr. 35 vom 2. September 2018 S. 46

 

 

                     

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