rheinische ART
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rheinische ART 06/2022

BUNDESKUNSTHALLE
Was haben wir im Kopf?

 

Eines der letzten großen Rätsel des menschlichen Körpers scheint das Gehirn zu sein. Eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle widmet sich den vielen ungelösten Fragen zur Schaltzentrale im Kopf.

 

Fasertraktografie 2021 © Institut für Neurowissenschaften und Medizin, Forschungszentrum Jülich, Thema: Wie stelle ich mir die Vorgänge im Gehirn vor? Bildquelle © BKH Bonn 2022

 

Das Besondere: Neben wissenschaftlichen Sichten kommt auch die Kunst ins Spiel! Und das allein ist schon interessant genug.

     Genau genommen ist die Ausstellung mit dem Titel „Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft“ ein faszinierendes Panorama aus Wissenschaft, Kulturgeschichte und Kunst. Ein „interdisziplinärer Dialog“ und ein „gezieltes Experiment, um sich dem Gehirn aus verschiedenen Richtungen anzunähern“, wie die Bundeskunsthalle betont.

 

Schädel des Philosophen René Descartes mit Inschrift, 1650, Knochen © Muséum national d’histoire naturelle – JC Domenech. Thema: Sind ich und mein Körper dasselbe? Bildquelle © BKH Bonn 2022

 

Die Kuratoren der großen Schau nehmen den Besucher mit auf eine Reise durch die Kulturgeschichte und die Erforschung des Denkorgans. Dies ist eine ebenso spannende, überraschende wie anregende Reise.

 

Santiago Ramón y Cajal Eine Purkinjezelle aus dem menschlichen Kleinhirn, 1901 Tinte auf Papier © Instituto Cajal (C.S.I.C.), Madrid. Thema. Was habe ich im Kopf? Bildquelle © BKH Bonn 2022

 

Vassily Kandinsky Grüner Duft Mai 1929 Schablone, gesprühte Aquarellfarbe und Tusche auf Papier Centre Pompidou, Paris © bpk / CNAC-MNAM / Philippe Miegeat. Thema: Wie mache ich mir die Welt? Bildquelle © BKH Bonn 2022

 

Der heimliche Star ist bei all den bekannten Namen aus Wissenschaft und Kultur ein Mann namens Santiago Ramón y Cajal (1852–1934). Der aus einem Pyrenäendorf stammende Spanier wollte eigentlich Künstler werden, stattdessen wurde er Neuroanatom und Begründer der modernen Hirnforschung, wie der SPIEGEL jüngst darlegte.

     Beispiele für Cajals bahnbrechende Zeichnungen des Nervensystems, die ihm 1906 den Medizin-Nobelpreis einbrachten, hängen leicht übersehbar in einem Winkel der Bonner Ausstellung.

     Der allgemein wenig bekannte Mediziner Cajal, so könnte man denken, habe seine kreativen Neigungen in der Erforschung und Abbildung der Feinstruktur von Gehirn und Rückenmark ausgelebt. Er nannte sie poetisch „Schmetterlinge der Seele“.

 

Mit fünf großen, jeweils selbständigen und nicht verflochtenen Fragekomplexen wird das Thema Gehirn aufgearbeitet. Um es gleich vorwegzunehmen: Man muss alle Sinne beisammenhaben um die beträchtliche Exponatenkollektion zu verarbeiten und zu verstehen.
     Die nur scheinbar simple erste Frage lautet, „Was habe ich im Kopf?“ und geht der Anatomie des Gehirns auf den Grund.

     Die zweite Frage, „Wie stelle ich mir die Vorgänge im Gehirn vor?“, widmet sich kognitiven Funktionen und aktiven Prozessen im Gehirn.

     Philosophisch wird es bei Frage drei: „Sind ich und mein Körper dasselbe?“. Die dualistische Idee der eigenen Seele als vom Körper losgelöster Einheit hält sich hartnäckig. Die moderne Hirnforschung spricht stattdessen lieber vom „Bewusstsein“ und hält geistige Prozesse für untrennbar verbunden mit physischen Vorgängen.

     Die vierte Frage lautet daher: „Wie mache ich mir die Welt?“. Wie kommt also alles in unseren Kopf und wie verlässlich sind unsere Wahrnehmungen und unser Gedächtnis?

     Die fünfte Expositionsfrage ist überaus aktuell: „Soll ich mein Gehirn optimieren?“ Schon heute helfen technische Implantate im Gehirn dabei, Krankheitssymptome zu lindern. Doch wie sieht der Mensch der Zukunft aus? Was kommt da mit denkenden Robotern, der KI (Künstliche Intelligenz) und anderen Dingen auf uns zu? Ein neue schöne Welt mit realistisch wirkenden und halbwegs denkenden und selbstlernenden Robotermenschen?

 

Ausstellungsansicht Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft, Foto: P. P. Weiler, 2022 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Künstlerische Visionen zu dieser Frage speisen sich oft aus der neuesten Forschung. Vieles, so heißt es in Bonn, bleibe reine Fantasie, die aber zu interessanten Gedankenspielen anrege. Denn der Frage, was aus dem Menschen werden könnte, geht eine viel grundlegendere, ethische Überlegung voraus: Was macht uns Menschen im Kern aus?

 

Thomas Zipp Godmachine 2016 Permanentmarker und Lack auf Photodruck © Thomas Zipp, Foto: Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.)/ Jens Ziehe. Thema: Soll ich mein Gehirn optimieren? Bildquelle © BKH Bonn 2022

 

Mirco Erbe Thinking Cap 2012 Diverse Materialien © Smirk Masks/Mirco Erbe, Berlin. Thema: Soll ich mein Gehirn optimieren? Bildquelle © BKH Bonn 2022

 

Zu dieser überaus reichen wie auch anstrengenden Schau könnte man viel schreiben. Man liefe aber Gefahr, dass der Leser kopfschüttelnd den quantitativ aus dem Ruder gelaufenen Text mit dem viel verwendeten Satz „Ticken die noch richtig?“ abschaltet. Das hat schließlich auch mit dem "Oberstübchen" zu tun. Daher sei angeraten: Hingehen und ansehen, es lohnt sich!

     Die Ausstellung bietet rund 300 Werke und Objekte aus Kunst, Kulturgeschichte und Wissenschaft. Das erscheint auf den ersten Blick überschaubar. Aber die Qualität und der Anspruch der Exponate, darunter zum Beispiel auch Preziosen der Wissenschaftshistorie wie René Descartes Schädel (siehe oben) oder Korbinian Brodmanns Zeichnungen zur Kartierung des Gehirns, sind anspruchsvoll.

 

Die Liste der Künstler ist lang und im Zusammenhang mit der Thematik Gehirn eine seltene Kombination.

     Zu den Werken aus Kunstgeschichte und zeitgenössischer Kunst zählen unter anderem Arbeiten von Ernst Barlach, Isa Genzken, Douglas Gordon, Wilhelm Lehmbruck, André Masson, Sigmar Polke, Rembrandt Harmensz. van Rijn, Oskar Schlemmer und Rosemarie Trockel.

     Weitere vertretene Kreative mit rheinischen Verwurzelungen sind unter anderen Max Ernst, Willi Baumeister, Joseph Beuys, Gerhard Hoehme und Anton Räderscheidt.
K2M

 

Im Zusammenhang mit der modernen Neurowissenschaft und der Vorstellung, dass das Gehirn aus Zellen besteht, sei an den rheinischen Anatom und Physiologen Theodor Ambrose Hubert Schwann (1810 -1882) aus Neuss erinnert (mehr). Er entdeckte 1836 das Magenferment Pepsin und entwickelte bereits 1839 mit dem Hamburger Botaniker Matthias Jacob Schleiden die Zelltheorie.

 

Die Ausstellung Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft kann bis zum 26. Juni 2022 besucht werden.
Kunst- und Ausstellungshalle
der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Tel. 0228 / 9171–0
Öffnungszeiten
DI + MI 10 – 21 Uhr
DO - SO 10 – 19 Uhr

 

 Lesetipp:
DER SPIEGEL Nr. 18/2022 „Wie ein Zeichner zum Begründer der modernen Hirnforschung wurde“ von Johann Grolle.

 

Die Ausstellung auf YouTube hier

 

 


 

 

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