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rheinische ART 06/2018

Archiv 2018

ARCHITEKTUR

Backstein-Zauber


Die "Goldenen Zwanziger" waren in der Baukunst eine Zeit des Aufbruchs. In wenigen Jahren entstanden Gebäude, die geprägt waren von einer ornamentalen, vielfach spitz-kantigen Formensprache und einem eigenwilligen Umgang mit Farbe, Material und Licht.

 

Backstein-Expressionismus Schönheit in Ziegel - die ehemalige Rheinhalle Düsseldorf, heute Tonhalle. Architekt Wilhelm Kreis soll sich beim Entwurf am Projet d´Opéra in Paris von Etienne-Louis Boullée orientiert haben. GESOLEI Rheinhalle (Tonhalle), GESOLEI Rhine Hall (Düsseldorf Concert Hall, Ehrenhof), Düsseldorf. Architekt Wilhelm Kreis, 1925-26. Foto © Niels Lehmann, Fragments of Metropolis Hirmer Verlag 2017

In Europa veränderten nach Ende des Ersten Weltkriegs radikale und tiefgreifende Umbrüche die Gesellschaft. Das hatte Auswirkungen auch auf die Architektur. In zahlreichen Städten der heutigen Agglomeration Rhein-Ruhr konkurrierten Baumeister ab 1918 in einem wahren expressionistischen Bauboom, der das Bild der Kommunen vor allem in den jungen Montanstädten prägen sollte.

 

Oberhausen Kaufhaus Tietz (Bert-Brecht-Haus), Tietz Departement Store (Bert Brecht Building), Langemarkstraße 19-21, Paul-Reusch-Straße, Oberhausen. Architekt Otto Scheib, 1925-28. Foto © Niels Lehmann, Fragments of Metropolis Hirmer Verlag 2017

 

Essen Wasserturm Frillendorf, Frillendorf Water Tower, Ernestinenstraße, Essen, Architekt Edmund Körner, 1925-26. Foto © Niels Lehmann, Fragments of Metropolis Hirmer Verlag 2017

 

Dieser höchst bemerkenswerten Architekturphase der Zwischenkriegsjahre widmet sich das beim Hirmer Verlag erschienene Fachbuch „Fragments of Metropolis Rhein-Ruhr“ des Autorenteams Christoph Rauhut und Niels Lehmann.

     Das ungewöhnliche Architektur-Fotobuch ist bestens dazu geeignet, etwas ins Bewusstsein zu rufen, was droht, im täglichen Bau-Einerlei übersehen, kaum gewürdigt oder gar gänzlich vergessen zu werden. Nämlich die großartige Architektur in Ziegelmauerwerk und Klinkerdekor, die allgemein unter dem Begriff Backstein- und Klinkerexpressionismus geführt wird und für eine Epoche stand, die „von Stolz, Verantwortungsbewusstsein und Hoffnung“ zeugte.


Diese Stilrichtung, die sich quasi zeitgleich zur neu-sachlichen und zweckdienlichen Bauhaus-Architektur (mehr) entwickelte und bis zum Ende der Zwanzigerjahre reichte, setzte zunächst in Norddeutschland markante Akzente. So etwa in Form des monumentalen Chilehauses (1922-1924) in Hamburg.
     Im finanzstarken und prosperierenden rheinisch-westfälischen Industriegebiet erlangte die Backstein- und Klinker-Baukunst die größte und dichteste regionale Verbreitung.

     Was nicht verwundert, denn diese Region hatte in den vorausgehenden Reformbewegungen wie zum Beispiel dem Werkbund-Gedanken (mehr), prominente Ideen- und Impulsgeber, die teils in sehr enger Verbindung zu den Kunst- und Kunstgewerbeschulen in Düsseldorf und Essen standen.


Vor allem im Städtedreieck Duisburg-Dortmund-Köln ist eine große Zahl beachtlicher Beispiele an Gewerbe-, Sakral- und Kulturgebäuden, an repräsentativen Bürgerhäusern, Schulen und Bauten für die kommunalen Verwaltungen aus dieser Zeit erhalten.

     140 davon stellt die Publikation vor. Darunter so prominente Vertreter wie das Gebäudeensemble Ehrenhof, das anlässlich der „Großen Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen“ (GESOLEI) 1926 in Düsseldorf errichtet worden war. Hierzu gehören die heutige Tonhalle (ehemals Rheinhalle), der Ehrenhof (Museum Kunstpalast) und das NRW-Forum - früher Reichsmuseum für Gesellschafts- und Wirtschaftskunde.

 

Gelsenkirchen Hans-Sachs-Haus Ein Paradebeispiel für Klinkerfassaden und ein städtisches Wahrzeichen. Hans-Sachs-Haus, Hans Sachs Building, Ebertstraße 15, Gelsenkirchen, Architekt Alfred Fischer, 1924-27. Foto © Niels Lehmann, Fragments of Metropolis Hirmer Verlag 2017

 

Der Backstein-Expressionismus ist an Rhein und Ruhr mit berühmten Namen verbunden. Der Industriedesigner Peter Behrens (mehr) entwarf für Oberhausen das Hauptlager der Gutehoffnungshütte (1921-1925), ein schnörkelloser, funktionaler wie auch repräsentativer Komplex mit Verblend-Klinker-Fassade. Schon zehn Jahre zuvor hatte Behrens die Berliner AEG-Turbinenhalle im Stil des technisch-orientierten Expressionismus entworfen.

     Von dem Architekten Alfred Fischer stammen vor allem im Ruhrgebiet zahlreiche moderne Bauten. Fischer plante etwa in Gelsenkirchen das multifunktionale Hans-Sachs-Haus, in Bochum die Bogestra-Verwaltungsgebäude und das Polizeipräsidium sowie in Essen den Sitz für den Regionalverband Ruhrgebiet. Ihnen gemein ist der vielfach an den Fassaden verbaute hartgebrannte Klinker, dessen Farbtöne von rot bis violett schimmern und zum regionalen Erkennungszeichen wurden.

     In Düsseldorf lieferte Behrens-Nachfolger Wilhelm Kreis, bis 1926 Direktor der Kunstgewerbeschule Düsseldorf, die Baupläne für die berühmten GESOLEI-Gebäude, allerdings nicht ohne Kritik und Widerstand. Zu sehr, so die öffentlichen Vorwürfe damals, wirke alles restaurativ, massiv und festungsähnlich, zu monumental komme dieser Baustil daher.

 

Köln Hansaring Hochhaus, Hansaring Highrise, Hansaring 97, Köln. Architekt Jacob Koerfer, 1924-25. Foto © Niels Lehmann, Fragments of Metropolis Hirmer Verlag 2017

 

Mönchengladbach St. Kamillus, St. Camillus, Kamillianerstraße 40, Mönchengladbach. Architekt Dominikus Böhm, 1929-31. Foto © Niels Lehmann, Fragments of Metropolis Hirmer Verlag 2017

 

Ausdruck dieser Tendenzen fanden sich schließlich auch im legendären „Hochhauswettbewerb“, den sich Köln und Düsseldorf lieferten. Das Wilhelm-Marx-Haus (1921-1924), ein Hochhaus in Stahlbeton-Konstruktion mit einer Bekleidung aus roten Ziegeln, das von Wilhelm Kreis in Düsseldorf errichtet wurde, titelte kurzzeitig als höchstes Bürogebäude Europas. Nur ein Jahr später beanspruchte das Kölner Hansaring-Hochhaus (1924-1925) von Baumeister Jacob Koerfer dieses Attribut.

     Und als besonders „artenrein“ in Sachen Expressionismus entwickelte sich die relativ kleine Industriestadt Hagen. Protagonist dieser dort sehr bemerkenswerten Baustilpflege bei Wohnhäusern und Industrieanlagen war im Wesentlichen der Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus (1874-1921), dessen „Hagener Impuls“ (mehr) auf die Baumeister ausstrahlte.


Die Stilrichtung fand auch bei Sakralbauten fruchtbaren Boden. Beinahe in jeder Stadt seien Beispiele zu finden, so die Autoren, die „…die herausragende Rolle der Kirche, die eine wesentliche kulturpolitische Macht der Region war, als Bauherr dokumentieren“. Architekten wie Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz waren die Vermittler, die dafür sorgten, dass sich „expressionistische Utopie und christlicher Aufbruch“ im neuen modernen Baustil fanden.

 

Buchcover Foto © Hirmer Verlag GmbH München 2017

 

Das Buch ist eine bemerkenswerte und spannende Architektur-Fundgrube, die, wie es im Vorspann heißt, leicht zu Sentimentalität verführen kann. Es ist eine Art fotografische Inventur der verbliebenen westdeutschen Expressionismus-Bauten. Dabei legen die Autoren den aus der Raumplanung stammenden Terminus Metropolregion Rhein-Ruhr erstaunlich großzügig aus und verarbeiten Münster und Ostwestfalen-Lippe gleich mit. Abgesehen von dieser Lässlichkeit vermerken sie zu Recht, dass viele der abgebildeten Gebäude heute durch Umbauten und Erneuerungen nur noch in Form der Fassaden und Kubatur – und somit als Fragmente – erhalten sind. Und dass es zu jedem Fragment „eine Geschichte von Wertschätzung und Ernüchterung zu erzählen“ gäbe.

     Würden diese Geschichten tatsächlich, wenn auch nur textlich kurz, den erstklassigen Fotodokumenten des Buches zugefügt, hätte die Publikation einen noch höheren Reiz. So bleibt der Leser (oder Betrachter) mit einem Dutzend Seiten Vorspanntext und mit großartigen Architekturfotos, einigen Grund- oder Aufrissen und einem jeweils kleinen Datenpaket, bestehend aus Gebäude- und Architektenname, Adresse und Baujahr, allein – dies allerdings durchgängig in Deutsch und Englisch.
Claus P. Woitschützke

 

Literaturhinweis
Christoph Rauhut & Niels Lehmann:

Fragments of Metropolis Rhein Ruhr; Das expressionistische Erbe an Rhein und Ruhr.

2. überarbeitete Auflage, Deutsch/Englisch, 256 Seiten, 150 Abbildungen in Farbe.

Hirmer Verlag München 2016; ISBN 978-3-7774-2772-0; Preis 29,20 EUR


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