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rheinische ART 02/2018

Archiv 2018

KULTUREXPORT
Es ist Baumkuchentag. In Japan!

 

Und das verdankt der Inselstaat im Fernen Osten dem Rheinländer Carl Wilhelm Juchheim. Vor fast 110 Jahren gründete er in Kobe eine bis heute existierende Bäckerei und Konditorei.

 

Favorit in Japans Cafés und im Lebensmittelhandel: Baumkuchen in der Geschmacksrichtung „Grüntee“. Abbildung Dark Tea Baumkuchen mit der lyrischen Produktbezeichnung "Tee des Mondes". Foto © The Asakusa Tourism Federation 2018

 

Jedes Jahr am 4. März feiert Japan den Geburtstag des „King of German Cake“ und unterstreicht damit seine erstaunliche Liebelei zu diesem runden Backwerk mit den rindenähnlichen Schichten, das vor offenem Feuer gebacken wird.
     Nach deutscher Rezeptur und Backart hergestellter Baumkuchen, in japanischer Schrift バウムクーヘン und in etwa als „Baumukuuhen“ gesprochen, ist ein fester Terminus in der japanischen Esskultur, als Konditorware landesweit die Nummer 1, omnipäsent, und nahezu überall zu erstehen - ob im Fachhandel oder im Convenience Store.

     Zahlreiche Sorten offeriert zum Beispiel die große Supermarktkette 7-Eleven in ihren 13.000 Filialen. Andere Anbieter wie die 24-Stunden-Kombiniläden Lawson, FamilyMart, Daily Yamazaki oder Seico Mart stehen nicht nach und der stets auf Trends setzende Kaufhauskonzern Muji bietet seit eh und je Baumkuchen in exotischen Geschmacksvarianten wie Matcha - dem japanischen Grüntee - Kürbis, Zitrone, Banane oder Mango an.

 

Japanischer Verkaufsrenner Baumkuchen in der Geschmacksrichtung Banane, Handelsverpackung der Lifestylekette Muji. Foto © youtube.com

 

Die Liebe der Japaner zu dem Kult-Kuchen spiegelt sich in den Umsätzen der Handelsketten: Über 350 Millionen Euro spülen die teils auf den japanischen Geschmack gerichteten Baumkuchen-Variationen jährlich in die Kassen. Größten Wert legen die fernöstlichen Konsumenten auf Qualität und Zertifizierung, natürlich aus dem Heimatland der süßen Ware.

 

Baumkuchenwerbung mit DLG-Prämierung Foto (Auszug) © Juchheim Group Kobe 2018

 

 

18 Schichten gestylt: Matcha-Baumkuchen (Grüntee), Produzent Otabe, Rakuten Global Market Kyoto Foto © Japan National Tourism Organization 2018

 

Gerne stellen sich daher die Hersteller Wettbewerben in Deutschland und versehen bei Erfolg ihr Produkt mit dem verkaufsfördernden DLG-Gütesiegel (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft).

     Dass das runde Modegebäck so erfolgreich ist, mag auch mit der symbolischen Bedeutung des Kreises in Japan zu tun haben. Die klare und perfekte Form sowie die Ästhetik entsprechen den japanischen Ansprüchen und Normen und machen den geringten Kuchen zu einem geschätzten Geschenk bei fast allen Gelegenheiten. 


Das Rezept des traditionsreichen Naschwerks ist mit den Zutaten Eier, Butter, Zucker, Salz, Mehl, etwas Vanille oder Zitrone vordergründig einfach, verlangt jedoch meisterhafte Kenntnisse, die japanische Baumkuchenbäcker nicht selten in Deutschland erwerben.

     Schließlich sind in der klassischen Form bis zu 18 zarte, hauchdünne Teigschichten einzeln auf einer erhitzten, rotierenden Walze am offenen Feuer auszubacken und anschließend traditionell mit einer Schoko- oder Vanilleglasur einzuhüllen. Abwandlungen in Form, Farbe und Geschmack sind der Phantasie der Hersteller überlassen. Verkaufsrenner sind derzeit Schoko, Matcha und Banane. Im Gegensatz zu deutschen Erzeugnissen aber alles überwiegend ohne Glasur und Verzierung.


Berühmtester und exquisitester Konditorbetrieb in Japan ist die Juchheim Group mit Verwaltungssitz in Kobe. Sie ist Marktführer im oberen Baumkuchen-Segment und bei anderen Feingebäcken „Made in Germany“ und betreibt nach Firmenangabe 351 Back-Filialen zwischen Sapporo und Kagoshima. Seit Jahren gibt es auch Niederlassungen in Singapur, Shanghai und Hongkong, jeweils in besten Geschäftslagen.
     Die Firmenchronik des Unternehmens lässt erahnen, wie ungewöhnlich, ja geradezu abenteuerlich und tragisch der Weg der rheinischen Gründerfamilie Juchheim in Ostasien war, die den seit Jahrzehnten beliebten Rundkuchen nach Japan brachte.

 

Blick in die Prinz-Heinrich-Straße in Tsingtau um 1914. Die deutschen Kolonisten richteten sich in der Stadt wie zu Hause ein. Dass als „deutsches Hongkong“ geplante Tsingtau heißt heute Qingdao und ist eine Metropole mit fast acht Millionen Einwohnern. Fotoquelle: Bundesarchiv Bild 137-003362 Foto o.Ang. 1897-1914

 

Alles begann in China. Im Jahre 1909 erhielt der 22jährige Carl Juchheim (1886-1945), geboren nahe dem mittelrheinischen Kaub, die Chance, als Konditor im Café des Kaufhauses Sietas, Plambeck & Co. in Tsingtau (heute Qingdao), der damaligen Hauptstadt des sogenannten „Deutschen Schutzgebiets Kiautschou“, zu arbeiten. Er beherrschte das Backen von Baumkuchen, der auch in der deutschen Kolonie im fernen Ostchina zu den gefragten Spezialitäten aus der Heimat zählte.

     Ende 1913 kündigte Juchheim und plante, sich selbstständig zu machen. Noch im selben Jahr reiste er mit der Bahn über Russland kurzzeitig nach Deutschland zurück, um sich auf „Brautschau“ zu begeben. Bei der Suche nach dem Glück des Lebens war ihm ein Berufskollege aus dem niederrheinischen Moers behilflich. Dessen Nichte namens Elise Ahrendorf, damals 22 Jahre alt, wurde die „Auserkorene“ und war dem Abenteuer China nicht abgeneigt. Im Juli 1914 wurde in Tsingtau geheiratet und in der Prinz-Heinrich-Straße 14 ein Laden eröffnet.

 

 

Das Ehepaar Carl und Elise Juchheim. Foto © Juchheim Group Kobe 2018

 

Historische Fotografie des Cafés und der Bäckerei/Konditorei Jucheim´s in Kobe in den Dreißigerjahren. Foto © Juchheim Group Kobe 2018

 

Der Beginn des Ersten Weltkriegs änderte jedoch wenig später dramatisch das Leben des Ehepaares, es war der Auftakt zu einer wahren Odyssee. Japanische und britische Truppen belagerten das deutsche Kolonialgebiet, das im November 1914 kapitulierte. Juchheim, der kein Soldat, wohl aber Landsturmmann in der Etappe gewesen war, wurde ein Jahr später als Kriegsgefangener nach Japan deportiert und war zuletzt im Internierungslager Ninoshima Island.

     Der Überlieferung nach buk Juchheim am 4. März 1919 erstmals Baumkuchen in Japan, und zwar auf der Handelsausstellung „Hiroshima Prefectural Commercial Exhibition“, die Waren aus den Gefangenenlagern präsentierte. Die Premiere für diesen Kuchen, der zunächst noch „Pyramide-Cake“ hieß, wurde ein großer Erfolg.

     Juchheim entschloss sich daraufhin, im Land zu bleiben und holte 1920 Frau und Sohn aus Tsingtau nach Tokio. Der Traum vom eigenen Geschäft in Japan erfüllte sich 1921. In der Hafenstadt Yokohama richteten die Juchheims ein Backwarengeschäft ein.

     Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit ihnen. Zwei Jahre später zerstörte das apokalyptische „Große Kantō-Erdbeben“ Yokohama und große Teile Tokios. Auch Juchheims Geschäft fiel dem Beben zum Opfer. Die obdachlose Familie verschlug es nach Kobe. Dort eröffneten die Eheleute, nun zum dritten Mal, mit geliehenem Geld erneut eine Bäckerei und offerierten erfolgreich ihren Baumkuchen. Das Café und die „Konditorei Juchheims“ - wie sie nun hieß - prosperierten. Von 1923 bis 1944, also über 20 Jahre, bestand die Konditorei in Kobe. Sie ging, literarisch verarbeitet, in mehrere japanische Romane ein. Der Kuchen selber wurde in Japan zum Inbegriff einer Backspezialität nach deutscher Art, genau genommen in der Tradition der aus der Hansestadt Salzwedel stammenden Variante.

     Im Zweiten Weltkrieg wurde Kobe von US-Bombern zerstört, auch die Juchheim-Konditorei. Es war der dritte wirtschaftliche Schicksalsschlag für die Back- und Kuchenunternehmer. Der fast 60jährige Firmengründer Carl Juchheim starb am Tage des Kriegsendes in Japan, am 15. August 1945, an einem Infarkt. Seine Ehefrau Elise wurde 1947 auf Anordnung der US-Militärverwaltung nach Deutschland repatriiert.

 

 

Verkaufsshop für Juchheim-Produkte in der Kaufhauskette K.K. Takashimaya, Tokio, Times Square. Foto © Takashimaya 2017

 

Die Leistung und das Leben der in Japan legendären Juchheims geriet jedoch nicht in Vergessenheit. Zwei ehemalige Mitarbeiter gründeten die Konditorei in Kobe 1947 mit Zustimmung von Elise Juchheim neu - unter dem bewährten und traditionsreichen deutschen Familiennamen.   

     Im Zuge der geschäftlich rasanten Nachkriegsentwicklung der nun rein japanischen Bäckerei trug man der Ex-Chefin im März 1953 die Position des Generaldirektors an, die sie annahm. Der japanische Kaiser verlieht Elise Juchheim im Mai 1966 den Orden des heiligen Schatzes. Nach ihrem Tode 1971 wurde sie wie ihr Mann in Ashiya/ Japan begraben.
     Als die Unternehmung Juchheim Co. Ltd. 2009 das 100jährige Firmenjubiläum feierte, hatte sie sich zu einer Großbäckerei mit über 500 Mitarbeitern entwickelt.
Claus P. Woitschützke

 

 

Weitere Informationen:
www.juchheim.co.jp/english/policy/p_baumkuchen/

 

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