rheinische ART
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rheinische ART 12/2015

Archiv 2015

RAUM UND BEWEGUNG

Dessau Dancing


"Bauhaus war keine dogmatische Stilschule, sondern ein kreativer Abenteuerspielplatz für Erwachsene.“ So handfest klar umschreibt Torsten Blume von der Stiftung Bauhaus Dessau die weltweit bekannte Schule der Moderne für Architektur, Kunst und Design. Dass es dort einst eine „Bauhausbühne“ gab, auf der getanzt und Theaterarbeit geleistet wurde, ist allgemein weniger geläufig.

 

Xanti Schawinsky „I furfanti“  Figurinenentwurf für „Die beiden Veroneser“, Räuberballett von William Shakespeare, 1925, Tempera, Bleistift und Tusche auf Papier, 33,3 x 45 cm, Foto © Nachlass Xanti Schawinsky Zürich © Stiftung Bauhaus Dessau 2015

 

Dieses eher verborgen gebliebene Juwel künstlerischer Schaffenskraft beleuchtet jetzt die Ausstellung Das Bauhaus tanzt. Die Bühne als Raumapparat im Erholungshaus von „Bayer Kultur“ in Leverkusen.

 

Xanti Schawinsky „Stepptänzer versus Steppmaschine“, 1926, Tempera und Bleistift auf Papier, 45,6 x 37,8 cm. Foto © Nachlass Xanti Schawinsky, Zürich © Stiftung Bauhaus Dessau 2015

 

Walter Gropius, der Architekt und Bauhaus-Gründer, installierte 1921 die Bühne mit dem Ziel, die Verbindung Mensch und Technik neu zu betrachten und den „mechanischen und organischen Körper“ im Kontext von Raum, Bewegung, Form, Farbe, Licht und Ton zu untersuchen.

     Zunächst leitete der Dramaturg Lothar Schreyer die Bühnenklasse, 1923 übernahm Oskar Schlemmer offiziell seinen Platz und prägte die Bauhausbühne in Dessau nachhaltig.

     Schlemmer thematisierte vorrangig die Stellung der menschlichen Figur im Raum und verfolgte auf eine Art "amerikanischem Weg" das Ziel, die Bühnenarbeit stärker zu mechanisieren und zu standardisieren. Die Bauhausbühne arbeitete daher an Fragen der Maschinisierung und Rationalisierung, entwickelte Bewegungsstudien, baute und erprobte Theaterapparaturen und Atmosphärenmaschinen.

 

Humor Die technische Tüftelei ließ auch amüsante Blüten sprießen. 1922 führte Schlemmer als Parodie auf die allgemeine Fortschritts- und Technikgläubigkeit sein "Figurales Kabinett" auf, eine Show in Form eines mechanischen Balletts, bei der bunte Scheibenfiguren auf Rollbändern groteske Bewegungen vollführten. Das Figurengemisch charakterisierte er selbst als "...halb Schießbude - halb Metaphysikum abstractum".

 

Blick in die Ausstellung: Oskar Schlemmer "Das Figurale Kabinett" in einer Studien-Rekonstruktion (2. Fassung 1927) für die Ausstellung „Mensch, Raum, Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus“, 2013 bis 2015 in Dessau, Oslo, Seoul. Foto © rART 2015

 

Die Ausstellung Das Bauhaus tanzt ist eine Kooperation von "Bayer Kultur" und dem Dessauer Bauhaus. Sie lässt, wie Bayer-Kulturreferentin Andrea Peters betont, die bahnbrechende moderne Bauhausbühne aus den Zwanzigern wieder lebendig werden.

     Die Stiftung Bauhaus Dessau habe, wie Peters weiter erklärt, dafür mehr als 150 Werke bereit gestellt, im Wesentlichen Fotografien, Skizzen, Zeichnungen, Videos, Bühnen- und Kostümentwürfe sowie Rekonstruktionen von Kostümen.

     Die Exponate belegen, wie von 1921 bis 1929 in Weimar und Dessau die diversen Kunstsparten am Bauhaus zusammenwirkten. Ein hochkreativer Kreis von Bühnenbildnern, Malern und Fotografen, wie unter anderem der Schweizer Alexander (Xanti) Schawinsky, nutzte die Bühne als experimentelles Medium. Was die „Bauhäusler“ schließlich auf ihrer Probier-Bühne machten, war schlichtweg tänzerisch-pantomimisches Erkunden und Entwerfen von Formen, Materialien und Räumen.

 

Oskar Schlemmer Kostüme des „Triadischen Balletts" in der Revue „Wieder Metropol“ im Metropol-Theater Berlin, 1926, Foto © Ernst Schneider, Stiftung Bauhaus Dessau 2015


Mythos Bauhaus Das 1919 in Weimar gegründete und 1926 in Dessau als „Hochschule für Gestaltung“ wiedereröffnete Bauhaus gilt als Inbegriff der Moderne, eine legendäre mehrspartige Kulturinstitution, berühmt sowohl für „Neues Bauen“ als auch für Klassiker des Produktdesigns. Ein Kreativ-Pool, an dem weltbekannte Künstler wie Josef Albers, Marcel Breuer, Marianne Brandt, Lyonel Feininger, Wassily Kandisky und andere wirkten.

     Und es war ein Ort, an dem - wie am Beispiel der Bauhausbühne deutlich wird - alle Künste zusammenwirkten: Tanz, Bewegung und Schauspiel wurden als gleichberechtigte Gestaltungsformen aufgefasst. Das Ziel dieser Experimental-Bühne war stets, den modernen Menschen im Spannungsfeld von Industrialisierung, Mechanisierung und Typisierung einerseits und Emanzipation und Individualität andererseits zu untersuchen.

 

Xanti Schawinsky „Entwurf zu einer konstruktiven Raumbühne“, 1926, Tempera, Tusche und Bleistift auf Karton, 54 x 48,9 cm. Foto © Nachlass Xanti Schawinsky Zürich, © Stiftung Bauhaus Dessau 2015

 

Die Bauhausbühne sprach damit Themen an, denen andernorts Kreative ebenfalls Aufmerksamkeit gewidmet hatten. Wie etwa der Architekt und Gestalter Peter Behrens (mehr), bei dem Walter Gropius Assistenzjahre verbracht hatte, oder Henry van de Velde (mehr). Und 1914 fanden Kunst-Technik-Fragen im weiteren Sinne ihren Niederschlag auch in der zukunftsweisenden Exposition der Kölner Werkbundausstellung (mehr).

     Überhaupt gab es ähnliches Gedankengut - wenn auch meist politischer - bei anderen avantgardistischen Kunstbewegungen wie den Futuristen, den Dadaisten - erinnert sei hier an die Kölner Dadagruppe "W/3" mit Hans Arp und Max Ernst (mehr) - und den russischen Konstruktivisten. Aber erst das Bauhaus habe die Gestaltungsarbeit mit der Architektur als Raumkunst verbunden, eigene Bühnenbilder, Maskenspiele und Kostümtanz-Projekte entwickelt und damit Handwerk und Kunst, Technik, Architektur und Performance, Tanz und Schauspiel zu einem Experimentierfeld der Darstellungsformen verknüpft, so Kurator Torsten Blume.

     Die Bühnenwerkstatt war kein öffentlicher Schauplatz sondern eine Experimentalplattform. Ihr Leiter Oskar Schlemmer (1888-1943) lebte dort seine Visionen einer neuen Welt aus und versuchte mit seinen Studierenden, Bilder eines neuen, modernen Menschen zu erfinden. Die beiden anderen Protagonisten, der ungarische Maler, Fotograf und Bühnenbildner László Moholy-Nagy und Bauhaus-Gründer Walter Gropius, arbeiteten daran, ein „Totaltheater“ beziehungsweise ein „Theater der Totalität“ zu etablieren.

 

Xanti Schawinsky „Bauhaus-Versuchscomedia“ mit T. Lux Feininger (nach einem Selbstporträt als Charlie Chaplin), Hermann Clemens Röseler, Oskar Schlemmer, Andor Weininger, Xanti Schawinsky und eine unbekannten Person im Vordergrund, 1928, Fotocollage, Buntstift, Tusche und Bleistift auf Papier, 39,6 x 52,6 cm. Foto © Nachlass Xanti Schawinsky Zürich © Stiftung Bauhaus Dessau 2015

 

In Gänze war die Dessauer Schule also wesentlich mehr als eine Design-Schmiede für alltägliche Gegenstände. Es war ein komplexes, vielschichtiges „Labor der Moderne“, das wie kaum eine andere Institution „…den Aufbruch in ein neues, modernes Zeitalter und ein neues, freier gestaltetes Leben verhieß – für neue, moderne Menschen“, wie es im Katalog zur Exposition heißt. Und dieser neue Mensch, da schließt sich der Kreis zur Bauhausbühne, „sollte tanzen können, ein ´Tänzermensch` …sein“, wie es Schlemmer formulierte. Und getanzt wurde heftig! Es waren - durchaus vergnügliche - neue Tanzexperimente, die unter der Ägide von Schlemmer als „Formentanz“, „Tanz im Glas“, „Tanz in Metall“, „Stäbetanz“ oder „Raumtanz“ über das Bühnenparkett gingen.

 

Formentanz Oskar Schlemmer und Bühnenwerkstatt (Entwurf, Inszenierung), mit Oskar Schlemmer, Werner Siedhoff und Walter Kaminsky (Tänzer), 1927. Foto © Stiftung Bauhaus Dessau

 

Oskar Schlemmer war die zentrale Künstlerpersönlichkeit der Abteilung Bühne. Ein Multitalent und ein Pionier der Klassischen Moderne, ein Maler und Bildhauer, der aber auch ein begnadeter Kreativer in Sachen Tanz und Bühnenbild war. Sein "Triadisches Ballett", ein visionäres Tanzstück für drei Personen, das 1922 im Württembergischen Landestheater Stuttgart uraufgeführt wurde, wirkt noch heute ungeheuer modern. Schlemmer kontrastierte in diesem Meisterwerk der Bühnenkunst die Klarheit des Bauhaus-Stils mit der Exzentrik und dem Humor der Zwanzigerjahre.

 

Blick in die Ausstellung: Figurinen des "Triadischen Balletts" in einer Studien-Rekonstruktion des Senac-Universitäts-Zentrum Sao Paulo/Brasilien Foto © rART 2015

 

Kunstfiguren: Ausschnitt aus einer Bühnen-Stellwand Foto © rART 2015

 

In der Ausstellung in Leverkusen, die auf zwei Etagen präsentiert wird, begegnet der Besucher Kostümen dieses experimentellen Balletts in einer Gruppe von Schlemmer-Figurinen im Untergeschoss. Die bunte Truppe ist ein optisches und konstruktionstechnisches Highlight. Die starren, wattierten und schweren Requisiten, nach originalen Skizzen und Plänen rekonstruiert, stehen für das Zusammentreffen von Mensch und Technik.

     Die Schau ist in fünf Kapitel gegliedert: Bauhaustänze, Kunstfiguren, Bühnenmaschinen, Raumapparate und Raumgemeinschaften. Im Obergeschoss werden am Bauhaus entwickelten Apparate und Maschinen präsentiert. Die Nachbauten dienen teils zur Vorführung, wie die „reflektorischen Lichtspiele“ von Ludwig Hirschfeld-Mack, die wechselnde Lichtwirkungen erzeugen.

Claus P. Woitschützke


Die Ausstellung „Das Bauhaus tanzt. Die Bühne als Raumapparat“ ist bis zum 3. Januar 2016 zu sehen.
Erholungshaus Bayer Kultur

Nobelstraße 37

50373 Leverkusen

Tel. 0214 – 30-41283/ -41284

Öffnungszeiten

SA, SO und Feiertage 11-17 Uhr

 

Das "Triadische Ballett" wird am 11. Dezember 2015 vom Bayerischen Staatsballett II in Leverkusen aufgeführt.


"Bayer Kultur" hat die Exposition pädagogisch unterfüttert und schreibt das Thema „Mitmachen“ ganz groß. Es gibt einen Herbstferienworkshop für Jugendliche und zur Selbsterfahrung in Sachen Körper, Bewegung, Licht und Raum als Epilog der Ausstellung ein „play bauhaus – bühnenlabor". Alle Besucher können bei Führungen, Workshops sowie beim Programm zur „Leverkusener Kunstnacht“ (23.10.2015 19 bis 24 Uhr) Bühnenrequisiten des Bauhaus ausprobieren.


Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein präsentiert ab 26.09.2015 mit „Das Bauhaus #allesistdesign“ eine umfangreiche Design-Schau. Darin wird auch das Thema Raum aufgegriffen und gezeigt, wie verschiedene Gestalter - darunter auch Bühnenkünstler - an der Formulierung des Designverständnisses am Bauhaus beteiligt waren und Farbgestaltungen und Raummodelle entwickelten. Diese Ausstellung wird ab Frühjahr 2016 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen sein.

 

 

 

 

 


  

LOST

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ACKERMANN

 

24.03. - 06.05.2017
 

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