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rheinische ART 01/2018

EGON EIERMANN

Sitzfreuden eines Architekten

 

Zeit seines Lebens soll er auf der Suche nach dem „Stuhl des Lebens“ gewesen sein. Für fast jedes Bauprojekt ersann er eine andere, neue, ergonomisch bessere Kreation. Der große Baumeister Egon Eiermann war auch ein großer Möbeldesigner.

 

Korbsessel E 10 Die Urform dieses Sessels aus Bondootrohr natur oder lackiertem Peddigrohr stammt aus dem Jahr 1949, im Laufe der Zeit sind jedoch vielerlei Varianten entstanden. Foto © Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai), Karlsruhe

 

Dies zeigt aktuell eine Ausstellung zu Mobilarentwürfen des wegweisenden Architekten.

     Das Kölner Ungers Archiv für Architekturwissenschaften (UAA) eröffnet sein Jahresprogramm 2018 mit einer Präsentation über eine der markantesten Gestalter-Persönlichkeiten der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Die Schau titelt „Der Stuhl des Architekten – Sitzmöbel von Egon Eiermann“.

 

Egon Eiermann (1904-1970) Architekt, Designer und Hochschullehrer. Fotoquelle Pamono GmbH 2018

Egon Eiermann (1904–1970), ein Fachmann für Gewerbegebäude und Stahlskelettbauweise, gilt wie kein zweiter als der Baumeister der frühen Bundesrepublik Deutschland.

     Mit Beginn der 1950er Jahre machte er sich durch eine Reihe von Wohnhäusern und Industriebauten im Stil der sognannten Nachkriegsmoderne einen Namen.

     Im Rhein-Ruhr-Raum stammen die Verwaltungsgebäude der Krefelder Vereinigten Seidenwebereien „Verseidag“ (1950), der Kölner Volkshilfe (1955) und der Steinkohlenbergwerke Essen (1956) sowie das ehemalige Abgeordnetenhochaus „Langer Eugen“ in Bonn (1965) - heute UNESCO International Center - aus seinem Planungsbüro. Mit dem Bau von eleganten Konzernzentralen für Neckermann, Hochtief, Olivetti oder IBM erlangte er auch internationale Bekanntheit.

 

Berlin Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche auf dem Breitscheidplatz, Foto © Bundesarchiv B145 Bild-P06040, Fotograf unbekannt

 

Für sein schließlich großes internationales Renommee sorgte vor allem der gemeinsam mit dem Münchner Architekten Franz Joseph (Sep) Ruf errichtete deutsche Pavillon auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel.

     Egon Eiermann entwarf für diesen Anlass nicht nur verschiedene Möbel - wie zum Beispiel den legendären Korbsessel E10 - sondern auch kleine Gegenstände wie Majolika-Vasen, Majolika-Aschenbecher, Trinkgläser oder Windlichter. Nach der Brüsseler Weltausstellung erhielt Eiermann zahlreiche prestigeträchtige Planungsaufträge. So wurde er unter anderem mit der Errichtung des Kanzleigebäudes der Deutschen Botschaft in Washington betraut und entwarf für die kriegszerstörte Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin am Breitscheidplatz ein modernes Gebäudeensemble, das zu einem Wahrzeichen der Stadt wurde.

 

Fotografie der Ausstellung „Wie Wohnen?“ mit Möbel von Egon Eiermann, 1949/1950, Stuttgart/Karlsruhe, kombinierter Wohn-Ess-Raum, Foto © Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai), Karlsruhe

 

Nicht nur als Architekt erlangte Eiermann internationale Bekanntheit, auch das Möbeldesign prägte er nachhaltig. Als erster in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte er ab 1948 Serienmöbel, die internationale Standards erfüllten und nach der Zäsur des Nationalsozialismus wieder an die Ideale von Werkbund (mehr) und Bauhaus (mehr) anknüpften, wie das UAA bei der Ausstellungseröffnung betonte.

 

Mehrzweckstuhl SE 68, ein Stahlrohr-Vierbeinstuhl (1950) mit minimaler Formgebung und einzigartigem Sitzkomfort. Das Gestell besteht aus zwei gebogenen verchromten Stahlrohren, ein drittes hält die Rückenlehne. Foto © Wilde + Spieth Designermöbel GmbH, Esslingen

 

Klappstuhl SE 18 von 1952-1953. Gestell, Sitz und Lehne aus Buchenholz. 1953 erhielt er den "Good Design Award" des Museum of Modern Art (MoMA) in New York und 1954 eine Goldmedaille der X. Triennale in Mailand. Foto © Wilde + Spieth Designermöbel GmbH, Esslingen

 

Für das Esslinger Unternehmen Wilde + Spieth entwarf er 1948 eine Kollektion an Stühlen, die Bugholz mit Stahlrohr kombinierten. Aus der Zusammenarbeit gingen mehrere höchst erfolgreiche Modelle hervor.

     Zu seinen wegweisenden Entwürfen zählen der Stahlrohrstuhl SE 68 von 1950 und der zwei Jahre später entwickelte Klappstuhl SE 18. Beide Möbel werden seit den frühen 1950er Jahren ununterbrochen von der Unternehmung Wilde + Spieth hergestellt und vertrieben.

     Insgesamt besticht Eiermanns Meublement durch ein ungewöhnlich breites Spektrum von konstruktiven Prinzipien und verwendeten Materialien: Holz- und Stahlrohrgestelle, Formholzsitze, Gurt- oder Korbbespannungen, Korbsessel und -sofas, aber auch frühe Experimente mit Kunststoffschalen.

 

Ebenso berühmt ist der bis heute gefragte Büro- oder Zeichentisch „Eiermann 1“, dessen Gestell aus einfachem Rohr auf einem frühen Entwurf des Meisters aus den Vierzigerjahren fußte und später die charakteristisch schrägen Diagonalstreben zur Stabilisierung erhielt. Daraus entwickelte sich das Bonmot: „Stößt du dir die Beine an, sitzt du an n´em Eiermann“.

 

Egon Eiermann wurde in Neuendorf/ Berlin geboren, er studierte nach dem Abitur an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg Architektur. Seine wichtigsten Lehrer waren Heinrich Tessenow und vor allem Hans Poelzig (mehr), dessen Meisterschüler er war. Ab 1927 arbeitete Eiermann unter anderem im Baubüro der Karstadt AG in Hamburg und von 1931 bis 1945 als selbstständiger Architekt in Berlin. 1947 wurde er als Professor an die Fakultät für Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe berufen und betrieb dort auch sein Architekturbüro bis zu seinem Tod 1970.

     Eiermann wurde als charismatischer Lehrer geschätzt. Aus jenem Anfangsjahr ist überliefert, dass er seine Studenten im Hörsaal aufforderte „und nun zeichnen Sie einen Stuhl!“ - und sollte dem Architektur-Nachwuchs zu dieser Aufgabe nichts einfallen, so wollte der Meister doch wenigsten „einen Liegestuhl“.

     Zu seinen ersten Studenten zählte im Übrigen auch der junge Oswald Mathias Ungers, der ihm früh als Querdenker auffiel und den er nach dem Diplom in seinem Büro anstellen wollte. Die biographischen Verflechtungen zwischen Eiermann und Ungers verleihen der Ausstellung von Eiermann-Möbeln im UAA damit eine besondere Bedeutung, wie die Kuratoren betonen.
bra/cpw

 

Die Ausstellung ist eine Kooperation des UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft, Köln, und des Südwestdeutschen Archivs für Architektur und Ingenieurbau (saai), Karlsruhe.

 

Die Ausstellung „Der Stuhl des Architekten, Sitzmöbel von Egon Eiermann“ kann bis zum 9. Februar 2018 besucht werden.

UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft
Belvederestraße 60
50933 Köln
Tel. 0221 – 949836-22
Öffnungszeiten:
15.01.-21.01.2018 täglich 11-16 Uhr
22.01.-09.02.2018 Mo-Fr 11-16 Uhr
Der Eintritt ist frei.

 

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