rheinische ART
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rheinische ART 11/2012

Archiv 2012
Festungs- und Garnisonsstadt Wesel

 

Preußens Wacht am Rhein

 

Keine „preußische Stadt“ von Rang bleibt in diesem Jahr anlässlich des 300. Geburtstages Friedrichs des Großen ohne einschlägige Ausstellung. In Wesel, das 1609 mit dem Herzogtum Kleve an die Kurfürsten von Brandenburg fiel, präsentiert das örtliche Preußen-Museum derzeit ein vielseitiges Ausstellungs- und Begleitprogramm anlässlich des Gedenkens an den Preußen-König. Die berühmte jahrhundertealte Festungsanlage der Stadt lässt, zwar verhalten aber dennoch beeindruckend, erahnen, was es bedeutete, ein Vorposten in Preußens Militärmaschinerie zu sein.

 

Das repräsentative Haupttor der Weseler Zitadelle mit dem vorgelagerten Waffenplatz. Die Anlage nahm einst mit über 1,4 Quadratkilometern mehr Fläche ein als die Innenstadt. Die äußeren Befestigungen wurden 1889, die inneren 1992 "entfestet". Foto © rheinische ART. 2012

 

Es waren die Verkehrsgunst und die strategische Lage an der Mündung der Lippe in den Rhein, die aus dem kleinen Hafenort eine wohlhabende Handelsstadt werden ließen, die auch im System der Hanse Gewicht hatte.

     Immerhin galt Wesel im Mittelalter als wichtigste Hanse-, Hafen- und Stapelstadt zwischen Köln und den holländischen Seehäfen. Die Lage an zwei Flüssen war letztendlich ausschlaggebend, dass Wesel ab 1680 - zu diesem Zeitpunkt zwar bereits "befestigt" aber keine Bastion im militärischen Sinne- zu einer der markantesten Festungen am Rhein ausgebaut wurde. Das Fort bestand ursprünglich aus fünf sternenförmig in klassischer Manier angeordneten Bastionen mit zurückliegenden Flanken. Der Kern der Wehranlage, die von dem Festungsbaumeister F.R. Johan de Corbin nach Grundsätzen des seinerzeit berühmtesten Militärarchitekten, Marschall Sebastien Le Preste de Vauban (1633-1707) geplant wurde, ist die Zitadelle: eine eigene "kleine Festung" in dem weitläufigen Verteidigungswerk vor den Toren der Stadt. Sie stellt bis heute die größte noch erhaltene derartige Militäranlage des Niederrheins dar und wird als Kulturzentrum genutzt.

 

In Kriegen zerrieben

 

Der ökonomische Niedergang der einst reichen Stadt Wesel setzte 1586 mit der Belagerung und mehrjährigen Besetzung durch spanische Truppen im niederländischen Unabhängigkeitskampf ein. Es folgte die Pest, die über 12.000 Bürger das Leben kostete. Gut ein Vierteljahrhundert später war es dann der Jülich-Klevesche Erbfolgestreit, der erneut für zwei Jahrzehnte Not und Zerstörung brachte. Selbst der Vertrag von Xanten (1614), mit dem das befestigte Wesel dem Hause Brandenburg zugeschlagen wurde, brachte zunächst keine wirtschaftliche Erholung.

 

Das Haupttor der Zitadelle von der Stadtseite aus gesehen. Foto ©rART

 

   Fast vierzig Jahre gingen ins Land, bis der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg den Entschluss fasste, Wesel, einen der westlichsten Flecken im preußischen Flickenteppichland, zu einem militärischen Wachturm am Rhein auszubauen. In den Jahren 1688 bis 1722 wurde das Bollwerk zu einer der stärksten Fortifikationen jener Zeit aufgerüstet und danach mit einer ständigen Garnison von bis zu 5000 Soldaten belegt.
   Preußen, durch seien Expansionsdrang auf Konfrontationskurs mit seinen Nachbarn, provozierte 1756 unter der Führung Friedrich II. den Siebenjährigen oder auch Dritten Schlesischen Krieg. Im Zuge dieses Waffenganges räumte Preußen seine Rheinfestung in Wesel, die nunmehr von Frankreich und Österreich besetzt wurde. Erst mit Kriegsende 1763 ging die Befestigung an Berlin zurück. Das Napoleonische Kaiserreich sorgte dann ab 1805 für neue Verhältnisse. Napoleon unterlegen musste Preußen die Festung Wesel an Frankreich abtreten, sie wurde von den neuen Herrschern kurzzeitig dem Großherzogtum Berg zugeschlagen, dann als rechtsrheinischer französischer Brückenkopf ausgebaut und als 9. Kanton dem „Arrondissement de Clèves“ im Département de la Roer unterstellt. Seinen vormaligen Besitz am Niederrhein erlangte Preußen erst 1815 wieder zurück.
   Eine Festungs- und Garnisonsstadt blieb Wesel bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden mit einer sog. „Entfestigung“ fast alle wesentlichen militärischen Elemente beseitigt und der Charakter der Anlage vollends gebrochen.

 

Zwei Ereignisse haben die Zitadelle Wesel zu einem Hotspot der Historie werden lassen.

 

Festungshaft für Kronprinz Friedrich

 

Jugendbild des Kronprinzen Friedrich II. um 1729. In der Festung Wesel saß der spätere König im August 1730 nach einem gescheiterten Fluchtversuch ein

 

Da ist zunächst der legendäre Vater-Sohn-Konflikt zwischen Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, und dem jungen Kronprinzen Friedrich, der in der rund zweiwöchigen Weseler Festungshaft des Sohnes einen herausragenden Höhepunkt erreichte. Es ist eine der entscheidenden Stationen im Leben des Kronprinzen und späteren Monarchen Friedrich II. (mehr). Nach seiner gescheiterten Flucht wird der als sensibel geltende Friedrich am 12. August 1730 auf das rechtsrheinische Wesel verbracht und dort in der Zitadelle rabiaten Verhören durch den Vater unterzogen. Der Familienzwist entwickelt sich zur Staatsaffäre, noch am selben Tag erlässt der Soldatenkönig Haftbefehl gegen die Mitverschwörer Leutnant Peter von Keith und Hans Hermann von Katte. Während Keith aus Wesel fliehen kann, wird Katte ebenfalls festgesetzt und kaum drei Monate später in der Festung Küstrin an der Oder hingerichtet.

 

Schill und die Seinen

 

Der preußische Husarenoffizier Ferdinand von Schill fiel am 31. Mai 1809 bei einem Fluchtversuch vor französischen Truppen in der Stralsunder Fährstraße durch einen Gewehrschuss

 

Zu den berühmtesten Gefangenen in der Zitadelle Wesel gehören jene elf preußischen Offiziere um den namhaften preußischen Freikorps-Major Ferdinand Baptist von Schill (1776-1809), die als sogenannte Schill'sche Offiziere 1809 in Wesel füsiliert wurden.

     Die Leutnants hatten sich mit rund 1.500 Soldaten einem Aufstand gegen französische Besatzungstruppen in Stralsund angeschlossen. Während der Kämpfe in der Ostseestadt fiel der Freikorpsanführer von Schill. Sein Leichnam wurde der Uniform beraubt und geköpft, danach auf dem Militärfriedhof von Stralsund verscharrt. Die gefangenen Offiziere wurden in die zu Frankreich gehörende Festung Wesel überstellt und dort in den Kasematten des Haupttorgebäudes unter Arrest gesetzt. Am 16. September des Jahres verurteilte ein französisches Kriegsgericht die Männer wegen „Straßenräuberei“ zum Tode durch Erschießen. Das Urteil wurde noch am selben Tage auf den Lippewiesen vor den Festungswällen von Wesel vollstreckt. Überlieferungen zufolge sollen die Gefangenen mit Hochrufen auf den König und Preußen gestorben sein.

     Zum Gedenken an den Todestag der Schill´schen Offiziere wurde am 31. März 1835 an der Hinrichtungsstelle südöstlich von Wesel ein Denkmal eingeweiht, das der berühmte klassizistische Architekt und Stadtplaner Karl Friedrich Schinkel entworfen hatte. Es trägt auf der Rückseite die Inschrift „Sie starben als Preußen und Helden am 16. September 1809“.


Interessenten der Regionalgeschichte können an authentischen Orten Historie erleben. So zeigt das Städtische Museum als Dauerpräsentation in den Kasematten der Zitadellenanlage einen Teil seiner Bestände zur Geschichte der Festung Wesel. Die Exponate werden ergänzt durch Darstellungen der städtischen Entwicklung von der mittelalterlichen Festung bis nach dem Ersten Weltkrieg (Zugang über Preußen-Museum NRW).

Claus P. Woitschützke

 

Eine Sonderschau „Friedrich der Große – Mensch und Monarch“ erwartet die Besucher im Preußen-Museum als Teil der Zitadelle in Wesel vom 4. November 2012 bis zum 26. Januar 2013.


Preußen-Museum NRW
An der Zitadelle 14-20
46483 Wesel
Tel.: 0281- 339960
Öffnungszeiten:
MI - SO 11- 17 Uhr
MO + DI geschlossen

 

 

©rheinische-art.de

©Fotos rART und Preußen-Museum

 

 

 

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