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rheinische ART 07/2018

Archiv 2018

ZEITGENÖSSISCHE KUNST
1994-2018


Die Ausstellung „ETA“ von Haegue Yang im Museum Ludwig wirft ein Schlaglicht auf die südkoreanische Künstlerin. Gezeigt werden ihre Arbeiten von Beginn ihrer Ausstellungstätigkeit 1994 bis heute.

 

Haegue Yang Hardware Store Collage – Bauhaus Door Handles #1, 2012, Ausschnitte aus Baumarktkatalogen auf Chromoluxpapier, aufgezogen auf Alu-Dibond, gerahmt, 51.2 x 71.2 cm, © Haegue Yang, Foto: Studio Haegue Yang

 

Haegue Yang (*1971 in Seoul) ist 2018 mit dem Wolfgang Hahn-Preis der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig ausgezeichnet worden. Die Künstlerin „genießt für ihr avantgardistisches Schaffen internationale Anerkennung in der Kunstwelt, ist in Deutschland der größeren Öffentlichkeit jedoch wenig bekannt und entspricht damit den Anforderungen des Wolfgang Hahn-Preises“, lässt Mayen Beckmann, Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft, in einer Presseerklärung schreiben.


Wer also ist Haegue Yang? Yilmaz Dziewior, Direktor am Museum Ludwig und Kurator der Schau, stellt in einer Überblicksausstellung ihr bisheriges Schaffen vor. Und das ist ausgesprochen vielseitig. Die über 120 Werke reichen von aktionsgebundenen Objekten der 1990er Jahre über Lackbilder, Fotografien, Papier- und Videoarbeiten, anthropomorphen Skulpturen bis hin zu raumgreifenden Installationen.

 

Haegue Yang Installationsansicht: ETA 1994–2018. Wolfgang-Hahn-Preis 2018, Museum Ludwig, Köln, 2018 © Haegue Yang, Foto: Saša Fuis, Köln


Mit diesem vielseitigen Œuvre, das in sich eine geballte Dynamik entfaltet, lässt sich Yang nicht in eine Kategorie einordnen. Fotografin? Bildhauerin? Malerin? Videokünstlerin? Performerin? Abseits dieser Einordnungen darf man sie wohl einfach Künstlerin nennen. Das meint mehr oder weniger von Allem und frei von einer jeden kategorisierenden Fessel lässt Yang in „ETA“ (Estimated Time of Arrival) die von ihr erzeugte Mixed Media Flut in großartigen Objekten, oft Installationen, münden.


Schon zu Beginn der Ausstellung wird dem Besucher deutlich gemacht, dass Kunst sich bei Yang nicht mit Bilderzählung begnügt. Ein Ventilator bläst einem frischen Wind ins Gesicht und Wärmestrahler lassen unwillkürlich an den Übertritt aus einem vollklimatisierten Raum (Flughafenterminal?) in ein feuchtigkeitsgetränktes Klima draußen mit einer heiß strahlenden Sonne (Seoul?) denken. Mit diesem unerwarteten Angriff auf die körperlichen Sinne konzentriert Yang den Besucher ganz auf ihre Kunst. Mit handelsüblichen Jalousien ist räumlich ein Warteraum abgegrenzt. In diesem ist ein Videofilm zu sehen, der Streifzüge Yangs durch verschiedene Städte zeigt. Er hinterlässt zwiespältige Gefühle. Woher? Wohin? Und warum?

 

Haegue Yang Medicine Man – Indiscreet Other World, aus der Werkgruppe Medicine Men, 2010, Kleiderständer, Lenkrollen, Glühbirnen, Kabel, Kabelbinder, Lüsterklemmen, Nylonschnur, Strickwolle, Perücken, Papiermaché,, Wasserfarbe, Lack, Metallringe, Metallketten, Mylar-Lametta, Aluminiumreflektor, Fransen, 180 x 120 x 100 cm, Zabludowicz Collection, London © Haegue Yang, Foto: Nick Ash

 

Installierte Kameras verweisen auf die notwendige Sicherheitsüberwachung. Der Warteraum erinnert an einen Transitraum. Transit – ein Schlüsselthema in Yangs Werk. Ihre Auseinandersetzung mit der jüngeren westlichen Kunstgeschichte wird deutlich mit der gerahmten Pasta aus Italien an der Wand. Kontext- und Konzeptkunst, Fluxus, von Duchamp bis Beuys darf der Besucher alles denken. Ihre anthropomorphen Skulpturen sind mal mit Leuchtmitteln und allerlei anderem wenig kunstvollem Material drapierte Kleiderständer, die als „Medicine Men“ von Yang als Schamanen oder Transvestiten betrachtet werden. Einige andere sind aufwendige und mit folkloristischer Anmut durchsetzte Makrameearbeiten aus Stroh, weitere sind mit hunderten von Schellenglöckchen besetzte uneindeutige Figuren. Und die Frage nach der Be- respektive Ver-Kleidung steht unbeantwortet im Raum.

 

Haegue Yang Installationsansicht: ETA 1994–2018. Wolfgang-Hahn-Preis 2018, Museum Ludwig, Köln, 2018 © Haegue Yang, Foto: Saša Fuis, Köln


Yang ist eine Reisende nicht nur durch die Länder dieser Welt, sondern auch durch die Kulturen. Als Südkoreanerin musste sie in Europa angekommen sich mit der ihr fremden westlichen Kultur bekannt machen. Sie tat dies mithilfe von Katalogen, oft von Baumärkten. So finden sich Collagen, wo sie zum Beispiel die unterschiedlichen Duschkabinen, die der heimische Markt so zu bieten hat, aus den Katalogen ausschnitt und nebeneinander in Szene setzte.

 
Bei ihren frühen Arbeiten nutzte sie gerne Millimeterpapier. Die ordnende Eigenschaft des Linienpapiers wurde da von ihr noch akzeptiert. Bei den Linien in späteren Arbeiten erlaubte sie sich, das Richtung gebende Erscheinungsbild vielleicht durch Dehnung oder Multiplikation und Verschiebung nach ihrem Wollen zu verändern. Überhaupt: Veränderung. Die Gesamtpräsentation ist sicherlich auch durch die schiere Größe mancher Werke ein überraschendes Erlebnis, ein „Gesamtkunstwerk“, wie das ausstellende Haus schreibt.

     Mit „groß“, soviel sei anbemerkt, sind zuvörderst die raumfüllenden Installationen aus Aluminiumjalousien gemeint. Die Arbeit „Mountains of Encounter“, eine mit roten Jalousien nachempfundene Gebirgskette mit suchendem Scheinwerferlicht, wurde gemeinsam vom Museum Ludwig und der Gesellschaft für Moderne Kunst für die Sammlung des Hauses angekauft.

 

Haegue Yang Mountains of Encounter, 2008, Aluminiumjalousien, pulverbeschichtete Aluminiumhängestruktur, Stahlseil, bewegliche Scheinwerfer, Flutlichtstrahler, Kabel Maße variabel. Gemeinsame Erwerbung der Gesellschaft für Moderne Kunst und des Museum Ludwig anlässlich des Wolfgang-Hahn-Preis 2018 Installationsansicht, Haegue Yang: ETA 1994-2018, Museum Ludwig, Köln, 2018 © Haegue Yang, Foto: Museum Ludwig, Saša Fuis, Köln


Es gibt viel zu entdecken, in dieser Schau. Zum Beispiel die neunteilige Fotoserie über die „Sozialen Bedingungen des Sitztisches“ von 2001. Yang dokumentiert, wie unterschiedlich die Nutzung dieses Möbels, das mit westlichen Augen betrachtet einem etwas tiefen Tisch gleichkommt, im Alltagsleben unterschiedlicher Menschen sein kann. Wer ein Sitzmöbel braucht, setzt sich darauf. Wer einen Tisch braucht, setzt sich daran. So einfach kann es sein.
     Hier wird offensichtlich, was mit der „Differenz im Gleichen“ gemeint sein kann, mit der das Œuvre der Künstlerin gerne beschrieben wird.


 Haegue Yang lebt in Seoul und Berlin und unterrichtet seit 2017 an der Städelschule in Frankfurt. Sie selbst hat dort in den 90er Jahren bei Georg Herold als Meisterschülerin studiert.

Irmgard Ruhs-Woitschützke


Die Ausstellung „Haegue Yang – ETA 1994-2018“ kann bis zum 12. August 2018 besucht werden.
Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz
50667 Köln
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 18 Uhr

 

 

 

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