rheinische ART
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rheinische ART 01/2012

 

 ARCHIV 2012

Schein und Wirklichkeit

 

Karneval unter dem Hakenkreuz

 

Plakat von 1937

 

Jecken im Dienst der braunen Sache – konnte es das geben? Karnevalssänger, die ungeniert von Judenplage und Jordanplanscher tönten? Oder standen in der Bütt Redner, die NS-Obrigkeit und Partei verhöhnten? Es gab sowohl das Eine als auch das Andere. Eine interessante Ausstellung im Kölner NS-Dokumentationszentrum greift das lange tabuisierte Thema auf und schafft Klarheit.

 

DAS FEST unmittelbar vor der Fastenzeit hatte – so war lange die weitläufige Meinung – nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun, war völlig unpolitisch oder zeigte sich gar widerständig. Frühere kritische Publikationen zum Karneval oder zur Fastnacht während der NS-Zeit in Köln und anderswo blieben öffentlich weitgehend unbeachtet. Erst in den letzten Jahren wird das Thema neu beleuchtet und offen diskutiert. Die Ausstellung im EL-DE-Haus (mehr) bietet einen differenzierten Blick auf die Entwicklung des Kölner Karnevals von 1933 bis 1945. Sie zeigt, dass sich die rheinische fünfte Jahreszeit oberflächlich gesehen kaum änderte, tatsächlich wurde der Karneval aber gleichgeschaltet und instrumentalisiert.

 

Büttenredner Karl Küpper als „Abessinier“ im Rosenmontagszug 1936. Auf die regimekritische Büttenrede des Karnevalisten folgte seine Verhaftung durch die Stapo Köln. Die Beliebtheit beim Publikum bewahrte ihn vor einer längeren Haft. Mit seiner Teilnahme im Rosenmontagszug erinnerte er noch einmal an die Rede.
Copyright: Gerhard A. Küpper

 

Rosenmontag in Köln 1936: das festlich ge- schmückte Hotel „Großer Kurfürst“ am Domplatz.
Copyright: Kölner Karnevalsmuseum

 

Redeverbot für Karl Küpper

 

Es gab in der Tat auf der karnevalistischen Bühne arbeitende Regimegegner. Ihre distanzierende Haltung oder die zur Schau gestellte Ablehnung des Dritten Reichs waren für sie lebensgefährlich. In Köln war einer von ihnen der legendäre Kneipenwirt und leidenschaftliche Büttenredner Karl Küpper (1905-1970). Küpper war jedoch mit seinen subtilen wie offenen NS-kritischen Tönen eher eine Ausnahme im Kölner Karneval. Den obligaten Hitlergruß nutzte er im Sitzungskarneval oft für verhöhnende Varianten. Küpper betrat die Bühne, hob den rechten Arm und fragte das Publikum: „Es et am rähne?“ (Ist es am Regnen?) oder „Su huh litt bei uns d´r Dreck em Keller!“ (So hoch liegt bei uns der Dreck im Keller). Küpper geriet ins Visier der Gestapo und erhielt 1939 zunächst lebenslanges Redeverbot wegen Verächtlichmachung des Nationalsozialismus. Schließlich wurde er als Wehrmachtsangehöriger an Fronttheatern eingesetzt.

 

Der Liedertexter Hans Tobar

 

Die Ausstellung erinnert im Rahmen ihres Themenbereichs „Biographien“ ferner an den Kölner Unterhalter, Reden- und Liederschreiber und Revuen-Autor Hans Tobar (1888-1952). Er war einer von vielen traditionell karnevalsbegeisterten Kölner Juden. Ab 1919 stellte Tobar, ein Weltkriegsveteran, jährlich eine Karnevalsrevue vor, meistens im Kaiserhof Palast. Nach der NS-Machtübernahme wurde Tobar ausgegrenzt. Bei der Bewerbung des von ihm mit verfassten Puppenspiels „Alle Poppe danze“ wurde er als Autor verschwiegen. Bei den Kölner Karnevalsgesellschaften wurde Tobar ab 1933 gemieden und erhielt keine Auftritte mehr. Tobar wurde zwangsweise Mitglied im Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr, da ihn die Reichskulturkammer nicht aufnahm. Im Dezember 1939 konnte Hans Tobar, inzwischen beschäftigungslos, mit seiner Familie in die USA emigrieren.

 

Der Motivwagen »Däm han se op d’r Schlips getrodde!«

Copyright: NS-DOK


Motivwagen „Staliniade“ im Rosenmontagszug 1938: Propaganda gegen Stalin und die Sowjetunion. Seit 1936 griffen die Karnevalisten mit einer Vielzahl von Motivwagen die außenpolitische Linie des NS-Regimes auf. Copyright: NS-DOK

NS-Kulturpolitik und Karneval

 

Die Gleichschaltung und Instrumentalisierung des Karnevals in Köln führte in der Session 1936 erstmals zu offenem Antisemitismus im offiziellen Sitzungskarneval wie auch bei den Rosenmontagszügen auf den Motivwagen. Während in den Jahren 1934 und 1935 bei den Umzügen keine antisemitischen Motive gezeigt werden sollten, um ausländische Touristen nicht abzuschrecken, änderte sich dies radikal. Mit dem Motivwagen „Däm han se op d´r Schlips getrodde!“ (Dem haben sie auf den Schlips getreten!) wurde 1936 in karikierter Form auf die „Rassengesetze“ angespielt und mit einem schadenfrohen Kommentar im Kölner Dialekt die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung als begrüßenswerte Maßnahme gefeiert. Ab 1938 ist der Kölner Karneval auch Spiegel der aggressiver werdenden Außenpolitik des NS-Regimes. Politische Motivwagen mit Themen wie Stalin und die Sowjetunion („Staliniade“), Lebensraum im Osten oder Kolonien-Rückgabe sind Teil einer Gesamtstrategie zur psychologischen Einstellung auf einen Krieg. Die politisch stark geprägten Rosenmontagszüge werden in der Ausstellung ausführlich in Bildern präsentiert.

 

Die sehenswerte Ausstellung, bislang die erste in dieser ausführlichen Form in Deutschland, gliedert sich in vier Themenbereiche. Der erste Bereich thematisiert die Karnevalsgesellschaften und ihre Gleichschaltung. Im Themenbereich Zwei werden die Rosenmontagszüge dargestellt und der dritte umfasst die karnevalistischen Saalveranstaltungen und damit den Sitzungskarneval, dessen Programme von harmloser Unterhaltung bis NS-ideologisch aufgeladener Propaganda reichten. Im vierten Themenblock stehen die Biographien von drei Karnevalisten im Fokus: Neben Küpper und Tobar der populäre Kölner Mundartdichter und Verfasser zahlreicher zeitloser Heimat- und Karnevalslieder, Willi Ostermann (1876-1936).
K2M


Die Sonderausstellung "Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz - Karneval zwischen Unterhaltung und Propaganda" ist bis zum 4. März 2012 zu sehen.

NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln
EL-DE-Haus

Appelhofplatz 23-25
50667 Köln
Tel. 0221 / 2212-6332
Führungen unter 0221 / 2212-6331

Öffnungszeiten:
Gedenkstätte Gestapogefängnis, Dauerausstellung und
Sonderausstellung
DI - FR 10.00 – 18.00 Uhr
SA, SO 11.00 – 18.00 Uhr
Jeden 1. Donnerstag im Monat (außer Feiertag) bis 22.00 Uhr

 

 

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