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rheinische ART 03/2021

Archiv 2021

ROMANTIK
Lebensfreude statt Melancholie

 

Irgendwann war Caspar David Friedrich mit seiner sächsischen Landschaftsmalerei out. Das muss so um 1825 gewesen sein. Eine Schau im Düsseldorfer Kunstpalast zeigt, warum!

 

Früh-realistische Darstellung: Andreas Achenbach Ein Seesturm an der norwegischen Küste, 1837 Öl auf Leinwand, 179 x 272 cm Städel Museum, Frankfurt am Main © Städel Museum–ARTOTHEK. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf 2021

 

„Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“ titelt die Ausstellung im Kunstpalast der Landeshauptstadt, die wegen der Corona-Schließung erfreulicherweise verlängert worden ist und einen - vielleicht nur virtuellen - Besuch unbedingt lohnt.

     Zu Lebzeiten, so heißt es in der Schau und so ist es auch den Kunstfreunden bekannt, stand Caspar David Friedrich (1774–1840) in einer spannungsvollen Beziehung zu den Vertretern der Düsseldorfer Landschaftsmalerei. Die Verhältnisse waren von persönlichen Anfeindungen aber auch von Anerkennung geprägt. Oder einfacher ausgedrückt: Man war sich nicht unbedingt grün! Gleichwohl herrschte zwischen dem Rheinland und Sachsen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein lebendiger und vielschichtiger Kulturtransfer.

 

Religiös-naturmystische Darstellung: Caspar David Friedrich Frau vor der auf- oder untergehenden Sonne, um 1818 Öl auf Leinwand, 22 × 30,5 cm Museum Folkwang Essen © Museum Folkwang Essen – ARTOTHEK. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf 2021, siehe auch Verweis unten.

 

Was da aufeinanderprallte waren einerseits mystifizierende, romantische und religiös aufgeladene Motive aus des Meisters Werkstatt in Dresden und andererseits aktionsgeladene und großformatige Gemälde, geschaffen von den avantgardistischen und feierfreudigen Künstlern aus Düsseldorf. Die Rheinländer galten jedoch vielen Zeitgenossen als die wahren Romantiker.

     Selbst Goethe kritisierte die Stimmungslandschaften Caspar David Friedrichs als zu schwer, zu düster, zu arrangiert; der Dichter vermisste darin Lebensfreude, Optimismus und Frohsinn. Mit seinem Verriss hielt Goethe nicht hinter dem Berg, das war der Anfang vom Niedergang des Dresdner Malers Friedrich.

 

 

Caspar David Friedrich Kreuz im Gebirge, um 1812 Öl auf Leinwand, 45 x 38 cm Kunstpalast, Düsseldorf © Kunstpalast - Horst Kolberg - ARTOTHEK, Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf 2021

 

Carl Gustav Carus Die Kahnfahrt auf der Elbe bei Dresden (Ein Morgen auf der Elbe), 1827 Öl auf Leinwand, Düsseldorf, Kunstpalast © Kunstpalast – Foto: ARTOTHEK. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf 2021

 

In der Tat: Es ist kaum vorstellbar, dass der „Sonderling“ von der Elbe, gebürtig aus Greifswald in Pommern, über den Zapfen schlug, eine ordentliche Sause mitmachte oder je ein Glas zu viel trank.

     Anders die rheinisch-fröhlichen Kreativen der Kunstakademie Düsseldorf unter ihrem progressiven Direktor Wilhelm von Schadow (mehr). Friedrichs Stern sank in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusehend, der Bilderverkauf war rückläufig und die finanzielle Not groß. Kurz vor seinem Tod bat er am russischen Hof in Sankt Petersburg, für den er viel gearbeitet hatte, um Apanage.

 

Was machten die rheinischen Kollegen anders, was machte sie populärer und so überaus erfolgreich? Es war schlicht ein Geschmackswandel, wie er in der Kunst immer wieder vorkommt.

     Die von Melancholie, Einsamkeit, Erhabenheit und verträumter Romantik strotzenden Gemälde der Dresdner, also von Friedrich und seinen Malerfreunden wie etwa Carl Gustav Carus, Ludwig Richter, Georg Friedrich Kersting und Ernst Ferdinand Oehme, waren aus der Zeit gefallen.

     Die Kunstgeschichte rätselt bis heute, ob der schwermütig wirkende Friedrich und seine andachtsvollen Motive möglicherweise Ausdruck eines konsequent gelebten Protestantismus sein könnten, der im Leben eine Bürde sieht.

 

Das Neue vom Rhein signalisierte dagegen Aufbruch, frohe Geselligkeit mit Freundschafts-und Gruppenportraits, ein wenig Chaos gemischt mit einer Prise Pathos, auf jeden Fall aber dramatische und fast „fotorealistische“ Naturschauspiele und andere Ereignisse (mehr). Alles viel ansprechender, maltechnisch raffiniert und handfest, ja knackig – und damit eben anders als das, was das einsame „Künstlergenie“ aus Sachsen zu bieten hatte.

     Auf das Filmmetier übertragen verglich Kunstpalast-Direktor Felix Krämer die gegensätzlichen Kunstströmungen mit dem Hinweis: „Autorenfilm trifft Hollywood“. Stetig gewann diese Malerei an Einfluss, vor allem auf die Kunstentwicklung an der Elbe, so dass schließlich führende Düsseldorfer Maler als Professoren an die Dresdener Akademie berufen wurden.

 

Caspar David Friedrich Felsenriff am Meeresstrand, 1824 Öl auf Leinwand, 22 x 31 cm Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, © Gnamm – ARTOTHEK. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf 2021


Die rund 130 Werke starke Ausstellung im Kunstpalast, gegliedert in acht Kapiteln, präsentiert den Geschmacksumschwung von der Romantik bis zu den Anfängen des Realismus gut nachvollziehbar. Etwa 60 Werke Friedrichs und seiner Malerfreunde werden Hauptwerken der Düsseldorfer Vertreter Carl Friedrich Lessing, Andreas Achenbach und Johann Wilhelm Schirmer gegenübergestellt.

 

Georg Friedrich Kersting Caspar David Friedrich in seinem Atelier, um 1812 Öl auf Leinwand, 53,5 x 41 cm  Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf 2021

 

A la longue betrachtet blieb Friedrich aber der große Romantiker und Malerstar und über alle Zweifel erhaben. Mehr noch: Der Sachse war zwar tief gestürzt, erfuhr aber Anfang des jetzigen Jahrhunderts eine wirkliche Renaissance. Er gilt als einer der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts, nicht selten wird er als der größte deutsche Maler gefeiert und seine hintergründigen Werke einer neuen Interpretation unterworfen.

     Die „Kreidefelsen auf Rügen“ und der „Wanderer über dem Nebelmeer“, beide leider nicht in der Schau zu sehen, sind längst weltbekannt. Tausendfach reproduziert als Poster, Skizze, Titelcover, Dekorbild und ähnlichem ist die berühmte Rückenansicht des „Wanderers“ Bildmetapher für Gott und die Welt, für Leben und Tod, Begrenztheit und Weite, Höhe und Abgrund und damit für ein Diesseits und Jenseits.
cpw


Andachtsvoll mit ausgebreiteten Armen betrachtet eine Frau das Naturschauspiel der auf- oder untergehenden Sonne. Das überflutende Licht ist in der Romantik Symbol für das göttliche Universum. Das Friedrich-Gemälde besticht durch den tieforangefarbigen Himmel und lässt den Maler auch als Chronisten seiner Zeit erscheinen. Die Kolorierung beruhte vermutlich auf dem Vulkanausbruch des Tambora (heute Indonesien) von 1815, dessen Ascheauswurf weltweit für Schauerwetter und Naturphänomene sorgte. Die Jahre ohne Sommer hatten Malern wie Literaten, Beispiel Mary Shelley,  gleichermaßen inspiriert und künstlerische Prozesse beeinflusst (mehr).


Die Ausstellung Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker ist bis zum 24. Mai 2021 verlängert worden.
KUNSTPALAST
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
Tel T0211 / 8990200
Öffnungszeiten (Bitte aktuell pandemiebedingt nachfragen!)
DI – SO 11 –18 Uhr
DO 11 – 21 Uhr

 

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