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rheinische ART 06/2021

Archiv 2021

KITSCH UND ELEGANZ
Harte Droge Memphis


Die Gestaltergruppe Memphis war eine rein italienische Angelegenheit – die Wirkungen ihrer Entwürfe allerdings nicht! Der Memphis-Style der Achtzigerjahre wurde schnell zu einer Massenbewegung. 

 

Technisches Denkmal Eingang zum Showroom und Atelier im früheren Esprit-Gebäude Düsseldorf, Vogelsanger Weg 49, gegen Ende der 1980er-Jahre. Foto © Pinterest 2021

 

Der Erfinder und Gründer des Memphis-Kollektivs, der Mailänder Architekt, Künstler und Fotograf Ettore Sottsass (1917–2007), gilt als einer der innovativsten, radikalsten und kompromisslosesten Designer seiner Zunft.

     Sottsass war ein Freidenker, ein genialer ästhetischer Impulsgeber, dessen Einfluss auf die internationale Design-Szene enorm groß war (mehr). Seine Entwürfe waren eine Revolution - knallbunt, schräg, verwegen. Den Hype um seinen Memphis-Style bezeichnete er selbst einmal als „harte Droge“.

     In der Tat: Entweder man mochte die brutale Abkehr von allem Herkömmlichen und war dem neuen Stil verfallen, oder ließ gleich die Finger weg und das Portemonnaie zu. Der berühmte Karl Lagerfeld gehörte zu Ersteren. Aber nach wenigen Jahren hielt er Buntheit, Legostein-Optik und Funktionslosigkeit wohl nicht mehr aus und räumte seine Côte d´Azur-Herberge von allem Memphis-Interieur frei.

 

Karl Lagerfeld in seinem Apartment in Monte Carlo mit Memphis-Mobiliar, 1982 © Foto: Jacques Schumacher Fotoquelle © Vitra Design Museum 2021

 

Derzeit erinnert eine Ausstellung im Vitra Design Museum Gallery (VDM) in Weil am Rhein an die nonkonformistische Memphis-Zeit und den Styling-Mix aus Popkultur, Werbeästhetik und Postmoderne. Zum 40. Gründungsjahr bietet die Ausstellung »Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz« einen Rückblick auf diese Gestaltungsströmung, die genauso schnell verschwand wie sie gekommen war. Exponate in der Schau sind vorzugsweise Möbel, Leuchten, Schalen, Zeichnungen, Skizzen und Fotografien (mehr).

 

 

Memphis-Architektur Farbenfroh bis heute, Eingang zum ehemaligen Gebäude der Esprit Europe GmbH in Düsseldorf-Mörsenbroich. Foto © rheinische ART 2021

 

Memphis-Architektur Fliesen und Betonsäulen von Ettore Sottsass am ehemaligen Esprit-Gebäude in Düsseldorf. Foto © rheinische ART 2021

 

Das Jubiläum ist auch Anlass, an eine Architekturikone im Memphis-Style zu erinnern, die Ettore Sottsass 1985/86 für den Bekleidungskonzern Esprit gestaltet hatte: einen Showroom und eine Außenanlage für ein Betriebsgebäude am Vogelsanger Weg 49 in Düsseldorf. Die Immobilie gilt heute als einzigartiges Bauzeugnis und ist als technisches Denkmal geschützt.


Der Mode-Riese Esprit war zu jener Zeit der viergrößte Bekleidungshändler weltweit und auf Augenhöhe mit Wettbewerbern wie Zara und H&M. Da durften es auch extravagante Interieurs und Exterieurs sein, um im globalen Verkaufsmilieu zu brillieren.

     So ging der Auftrag, die weltweit verstreuten Show- und Verkaufsräume von Esprit im Memphis-Style zu kreieren, an den berühmte Architektur- und Industriedesigner.

     Das Esprit-Haus bestach durch farbige Details, auffällig kleinformatige Farbfliesen, Glasbausteine, bunte Betonteile sowie diagonale Fensterstrukturen, im Inneren mit Intarsien-Parkett und eigenwilligen Heizkörperbekleidungen.

     Eine Grünanlage, ein dekonstruktivistisch anmutender Pavillon mit Wasserbecken und Sitzgelegenheiten aus Ziegeln und hellem Marmor komplettierten das Ensemble. Derzeit wird die Immobilie von einem Indoor-Kinderspielplatz genutzt und hat schon einmal bessere Zeiten gesehen.


Ettore Sottsass stellte in seinen Entwürfen die Funktionalität von Objekten radikal in Frage, wollte weg vom derzeit abgearbeitet empfundenen Grundsatz „form follows function“ und interpretierte die Alltagsformen phantasie- und lustvoll neu. Das Memphis-Styling hatte eine klare, unverwechselbare Optik und einen hohen Wiedererkennungswert. Es kam ebenso frech wie farbig daher, polymorph, überschwänglich, glitzernd, kitschig - ein absoluter „New Style“.

 

Sottsass Associati, Interieur für eine Ausstellung über italienisches Design in Tokyo, 1984 © Foto: Marirosa Ballo © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 für Entwürfe von Ettore Sottsass. Fotoquelle © Vitra Design Museum 2021

 

Ettore Sottsass, Regal »Beverly«, 1981 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Fotoquelle © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen Hans

 

Bei aller Radikalität und Kreativität verfolgten die Mailänder Gestalter zweifellos nur ein Ziel: Ihre Produkte sollten zügig produziert und vermarktet werden. Memphis mochte zwar das Ende des dominanten „International Style“ ausrufen und sich als eine Anti-Design-Gruppe feiern lassen, war aber auf keinen Fall anti-kommerziell. Eher genau das Gegenteil!

     Und: Wie kam es überhaupt zu der markanten Namensgebung der Italiener? Die Legende geht so: Bei der Gründung der Gruppe im Dezember 1980, die in Sottsass´ Mailänder Wohnung stattfand, soll der Bob Dylan-Song „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ gespielt worden sein – und zwar unablässig aufgrund eines Sprungs in der Platte.

     Die akustische Non-Stopp-Berieselung hatte Folgen! Denn der Hausherr hatte damit den Namen für sein neues Team gefunden: Memphis - altägyptische Herrscherstadt im Nildelta, Metropole im US-Südstaat Tennessee und Heimat von Elvis Presley. Den Namen fanden auch die Mitgründer angemessen.

 

Allesamt waren sie Verfechter einer Stilrichtung, die im Grenzbereich von Kunst, Architektur, Alltagskultur und Design mit Farben, Materialien und Formen experimentierte und neue Wege beschritt. Provokativ und dekorverliebt, den übermächtigen Modernismus herausfordernd und von der Architektur beseelt - so machte Memphis-Design in den Folgejahren Furore.
cpw

 

Die Ausstellung „Memphis 40 Jahre Kitsch und Eleganz“ kann bis zum 23. Januar 2022 besucht werden.
Vitra Design Museum Gallery
Charles-Eames-Straße 2
79576 Weil am Rhein
Tel +49 (0)762 1702 3200
Öffnungszeiten
Täglich von 12 bis 17 Uhr

 

 

 

 

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