rheinische ART
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rheinische ART 07/2015

Archiv 2015

PREUSSEN AM RHEIN

Die Vernunftsehe

 

Wuchs da einst zusammen, was zusammen gehörte? Mit frohen Gesichtern auf allen Seiten? Oder war es eine unerquickliche Zwangsverbindung? Es ist Jubiläumsjahr in den Rheinlanden! Unter dem Generaltitel „Danke Berlin! 200 Jahre Preußen am Rhein“ erinnert sich die Region an die Inbesitznahme durch Preußen 1815.

 

Stabpuppe eines Gendarm aus dem Kölner Hänneschen-Theater; Holz, bemalt, Textil; Köln um 1870. „Musjö Ampmann“ unter den Franzosen – „Schnäuzerkowski“ unter den Preußen: Das Theater nahm die Obrigkeit aufs Korn, unabhängig von deren Herkunft. So wandelte sich die Kopfbedeckung vom französischen Zweipitz zur preußischen Pickelhaube und schließlich zur heutigen Schirmmütze der Polizei. © Koelnisches Stadtmuseum, Foto: Theaterwissenschaftliche Sammlung, Wahn

 

Weder nach damaligen noch heutigen Maßstäben konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich da eine glückliche Ehe anbahnte.

 
Musjö Ampmann und Schnäuzerkowski Passte das wirklich zusammen? Hier Katholizismus, freiheitlich-bürgerliche Gesinnung mit französischem Einschlag, leichte Lebensweise und Industrieaufschwung, da Protestantismus, Junkertum, stramme preußische Zackigkeit, agrare Wirtschaftsstrukturen aber auch preußischer Fleiß.

     Es war König Friedrich Wilhelm III, dessen Großonkel Friedrich II - der Alte Fritz - (mehr) Preußen zur fünften europäischen Großmacht geformt hatte. Ob sich sein Nachfahre, als ihm der Wiener Kongress 1814/1815 das Rheinland und Westfalen zugesprochen hatte, wirklich gefragt haben mag, was er da am Rhein wohl verloren habe, ist nicht verbürgt. Wohl aber, dass er sich gewünscht hatte, ganz Sachsen zu bekommen. Dagegen war allerdings vehement Österreich. Und so bekam Berlin mit den neuen Territorien im Westen etwas "was es eigentlich gar nicht wollte", wie der britische Historiker Christopher Clark in seiner brillanten Preußen-Geschichte feststellt.

 

Der Kölner Dom So in etwa hat er im 19. Jahrhundert ausgesehen. Nur dem Engagement von König Friedrich Wilhelm IV von Preußen ist die Vollendung des Dombaus im Jahre 1880 zu verdanken. Rechts die Hohenzollernbrücke, gebaut nach preußischen Plänen und am 22. Mai 1911 durch Kaiser Wilhelm II eingeweiht. Links vom Dom das Museum Ludwig.  Fotomontage zum Gedenkjahr. Quelle: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL) 2015, Foto © Berthold Hengstermann

 

Düsseldorf Die Kunstakademie wurde 1819 mit Förderung aus Berlin wieder errichtet und wirkte unter ihren Direktoren Peter von Cornelius (1783 - 1867) und Wilhelm von Schadow (1788 - 1862) als "Düsseldorfer Schule" über das Rheinland hinaus. Quelle: RVDL, Foto © Dr. Michael Donner

 

Brühl Der Kaiserbahnhof von 1877 zählt zu den schönsten deutschen Bahn- Empfangsgebäuden. Die Gestaltung verdankt die Station Kaiser Wilhelm I, der bei seinen Manöverbesuchen in der Eifel in Brühl Zwischenhalte einlegte. Bild: Postkarte aus dem 19. Jahrhundert

 

Köln Historistisches Haupthaus der Flora nach der Renovierung im Jahr 2014. Kölns grünes Schmuckstück geht auf den Botanischen Garten von 1864 zurück, den der preußische Generalgartendirektor und gebürtige Bonner Peter Joseph Lenné plante. Foto © RVDL

 

Neuerungen  Es kam also alles anders und ging aus wie so oft: was nicht passt wird passend gemacht, selbst wenn es Jahrzehnte dauert. Es war - wie der Geschichtswissenschaftler Clark es sieht - eine Vernunftsehe, und mit dieser Bewertung liegt er nicht falsch!

     Ob Verwaltung, Kultur und Bildung, Wirtschaft und Architektur: Preußen drückte der neuen Provinz und den neuen Untertanen seinen Stempel auf. Und zwar nachhaltig! Denn bis heute ist das Rheinland viel stärker durch Preußen geprägt, als es den meisten Bewohnern zwischen Kleve, Koblenz und Trier bewusst ist.

     Wer im Rheinland von „Preußen" spricht, ruft nicht selten sofort Assoziationen mit Pickelhauben, militärischem Drill, Kanonen, Kasernen und Bollwerken hervor. Nur wenige denken an Bahnhöfe und Brücken, Kanäle und Kirchen, Schlösser, Parks und Gärten, Fabriken oder Fußballvereine.

     Auch Finanzwesen und Universitäten, so etwa die 1818 gegründete Bonner Hochschule (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität), der die Berliner Humboldt-Universität als Vorbild diente, entstammen preußischer Planung und preußischem Engagement. Berlin beließ ferner den napoleonischen Code Civil, der als "Rheinisches Recht" im preußischen Rheinland weiter galt. Und ab 1874 wurde, wenn auch spät, die Zensur aufgehoben. Bis dahin war die Vereins- und Pressefreiheit mehr oder minder stark eingeschränkt. Ihr war 1843 zum Beispiel die oppositionelle Rheinische Zeitung aus Köln zum Opfer gefallen, die Friedrich Wilhelm IV als "Hure am Rhein" verteufelt hatte (mehr).


Die „Preußenzeit“ am Rhein blieb lange „...schwieriges Gebiet der historischen Selbstwahrnehmung“, wie der Rheinische Verein für Denkmalschutz und Landschaftsschutz (RVDL), der das Gedenkjahr ausrichtet, die folgenreiche Verbindung beschreibt. Die einen hätten in Preußen einen aufgeklärten Vernunftstaat gesehen, der tolerant gegen andere Einflüsse war und diese zum eigenen Vorteil nutzte, die anderen einen alles beherrschenden, vom Militär dominierten Obrigkeitsstaat. Heute ist klar: Die Geschichte der europäischen Großmacht Preußen ist äußerst ambivalent und längst entmythologisiert. Denn Preußen "...verkörperte nicht nur Aufklärung und Toleranz, sondern auch Militarismus, Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung" (Clark).

 

Caspar Scheuren Die Adlersäule auf der Rheinterrasse in [Schloss] Stolzenfels, um 1843, rheinromantische Farblithographie; Arp Museum Bahnhof Rolandseck, © Rheinische Landesbibliothek, Koblenz . Foto: Michael Jordan

 

Gedenk-Marathon Der Rheinische Verein, übrigens 1906 gegründet und damit selbst ein „Preußenkind“ reinster Rasse, erinnert das ganze Jahr 2015 hindurch mit rund 400 Aktivitäten an die rheinisch-preußische Beziehung. Im gesamten Verwaltungsgebiet der ehemaligen preußischen Rheinprovinz - heute Teile der Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz - werden zur 200-Jahr-Feier in Museen und Kulturhäusern die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet. Der Titel des Gedenk-Marathon ist durchaus mehrdeutig: einerseits kann das Danke nach Berlin als Verneigung für viele Neuerungen und Modernisierungen verstanden werden, aber auch im Sinne von „Danke, es reicht“, nämlich für alles Militärische, was aus der Preußenmetropole kam.

 

Rückblick Ausstellungen, Tagungen, Bürgerfeste, Diskussionen oder Gedenkfeiern ... es wird im „Preußenjahr 2015“ so allerhand geboten, um das Verhältnis der Ex-Rheinprovinz zu Preußen und natürlich auch umgekehrt zu beleuchten und damit Verständnis und Sensibilität für Vergangenes wie Gegenwärtiges gleichermaßen zu wecken. „Wir wollen den Einfluss Preußens auch kritisch beleuchten“ lautet die Devise des Instituts für Landeskunde des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), der als einer von mehreren Kooperationspartnern des RVDL das Gedenkjahr mitgestaltet und fördert.

 

Zwei Ausstellungen zum 200-Jahr-Jubiläum seien hier vorgestellt.

 

Ernst Gebauer  Friedrich Wilhelm IV, 1845, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, © Mittelrhein-Museum Koblenz. Foto: Mick Vincenz

 

Das Arp Museum Rolandseck, selbst ein Schauplatz preußischer Geschichte, zeigt Historisches zum Thema Rheinromantik. 80 Exponate – Zeichnungen, Modelle, Gemälde, Skulpturen und kunsthandwerkliche Zeitzeugnisse – verdeutlichen den Ursprung dieses viel beschriebenen und oft zitierten schwärmerisch-phantasievollen Gefühlskosmos.

     Im Zentrum steht der kunstsinnige preußische König Friedrich Wilhelm IV mit seinen rheinischen „Großprojekten“: dem Kölner Dom und Schloss Stolzenfels bei Koblenz.

     Die Schau titelt „Des Königs Traum. Friedrich Wilhelm IV und der romantische Rhein“. Die Kuratoren konzentrierten sich damit auf jenen Preußenkönig, der entscheidend die Denkmalpflege im Rheinland mitbestimmte und sich aktiv an der neugotischen Durchgestaltung der Rheinprovinz beteiligte.

 

"O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden? Nie kehrst du wieder, goldne Zeit. So froh, so ungebunden!" (Studentenlied). Abbildung: Corps Borussia auf der Terrasse des Bahnhofs Rolandseck, 1865, Lithographie nach einer Zeichnung von C. Schultz. Preußische Einflüsse gab es in allen Bereichen des kulturellen Alltags. Borussia, der Vorname von so manchem (Fussball-)Verein, ist nichts anderes als das lateinische Wort für Preußen.  Bildquelle: Arp Museum Bahnhof Rolandseck/ RVCL © und Foto: Privatbesitz.

 

Carl Hasenpflug Idealansicht des Kölner Doms vor der Vollendung, 1834 bis 1836,© Koelnisches Stadtmuseum/ Rheinisches Bildarchiv, Köln

 

Tatsächlich erwuchsen aus den Visionen des Monarchen, aus seiner „Rheinromantik“, architektonische Denkmäler und touristische Wahrzeichen, die bis heute die Rheinlandschaft als einmaliges Ensemble aus Natur- und Kulturdenkmälern definieren. Klar ausgedrückt: Ohne Friedrich Wilhelm IV als Motor wäre etwa der Weiterbau des Kölner Doms nach Jahrhunderten Brache nicht möglich gewesen (mehr).

     Mit Architekturskizzen fixierte der Herrscher seine romantischen Träume, die eng an die Rhein-und Burgenlandschaft gekoppelt waren. Zusammen mit Baumeistern wie Karl Friedrich Schinkel und Ernst Friedrich Zwirner setzte er sie auch tatkräftig um.

 

Das Kölnische Stadtmuseum präsentiert eine andere Facette: die spannungsreiche Beziehung der zuvor französischen Kölner Bürger zum Königsreich der Hohenzollern.

Simon Meister Rosenmontag auf dem Kölner Neumarkt 1836, Bild © Koelnisches Stadtmuseum/ Rheinisches Bildarchiv, Köln.

Trotz kritischer und wechselnder Sicht: Preußen belebte den aus napoleonischer Zeit stammenden rheinischen Karneval neu. 1823 gab es die erste Generalversammlung des "Festordnenden Komitees" und noch im selben Jahr den ersten Rosenmontagszug

 

Trinitatiskirche Köln Das protestantische Gotteshaus zeigt den preußischen Einfluss auf die Kölner Kirchenbaupolitik. Die Kirche wurde 1860 eingeweiht, nachdem sich König Friedrich Wilhelm IV persönlich für den Bau eingesetzt hatte. © Koelnisches Stadtmuseum, Foto: Patrick Essex, Köln 2015

 

„ACHTUNG PREUSSEN! Beziehungsstatus: kompliziert. Köln 1815–2015“, so der neugierig machende Titel der Ausstellung, ist eine faszinierende mentalitätsgeschichtliche „Tiefenbohrung“, wie das Museum erklärt. Die Exponate erzählen anschaulich von den wechselseitigen kölnisch-preußischen Klischees und rücken bekannte und unbekannte preußische Überreste im Stadtbild ins Licht.

     Im Obergeschoss des Hauses führen fast zwei Dutzend Exponate mit zugehörigen, besonderen Geschichten tief hinein in das kölnisch-preußische Beziehungsgeflecht: historisch seriös, hintersinnig – und stets mit einem Augenzwinkern.

     Die gegenseitige Ablehnung, aber auch Verehrung, Karneval und Dom-Bau, verhaftete Erzbischöfe und Kaiserkult, Modernisierung und Revolution: In der größten Stadt am Rhein war und ist alles zu finden. Damals wie heute.

Klaus M. Martinetz

 

Literaturhinweis:

Christopher Clark "Preußen, Aufstieg und Niedergang, 1600-1947", Pantheon-Verlag, München 2008, ISBN: 978-3-570-55060-1



Die Ausstellung „Des Königs Traum. Friedrich Wilhelm IV und der romantische Rhein“ wird bis zum 16. August 2015 gezeigt.
Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1
53424 Remagen
Tel. 022 28 / 92 55-0
Fax.022 28/ 94 25 21

Öffnungszeiten

DI-SO 11-18 Uhr


Die Ausstellung „ACHTUNG PREUSSEN! Beziehungsstatus: kompliziert. Köln 1815-2015“ läuft bis zum 25. Oktober 2015
Kölnisches Stadtmuseum
Zeughausstraße 1-3
50667 Köln
Tel. 0221 - 221 25789
Fax 0221 - 221 24154

Öffnungszeiten

DI 10-20 Uhr

MI-SO 10-17 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 


 

  

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