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rheinische ART 12/2012

 

ARCHIV 2012
Adalbert Trillhaase: introvertiert, wortkarg, egozentrisch

 

 

Der unterschätzte Naive

 

 

Adalbert Trillhaase: Adam und Eva - Vertreibung aus dem Paradies, um 1923, Öl auf Leinwand

 

So seltsam wie sein Name sei auch die Erscheinung des Mannes, der im Alter von 60 Jahren ohne jede entsprechende Vorbildung anfing, Bilder zu malen, schrieb vor fast 45 Jahren die Leiterin des Clemens-Sels-Museum in Neuss, Irmgard Feldhaus, anlässlich der dortigen ersten umfassenden Trillhaase-Einzelausstellung. Gegenwärtig zeigt die Galerie Remmert und Barth in Düsseldorf Werke des eigenwilligen Autodidakten aus dem Nachlass von Irmgard Feldhaus sowie zwei bisher unbekannte, erstmals ausgestellte Gemälde aus der ehemaligen Sammlung Hans Koch.

 

DIE KRITISCHE Kunstwelt war sich damals bereits einig, dass Adalbert Trillhaase (1858-1936) der bedeutendste Vertreter der Naiven Kunst im Lande sei – gleichsam der „deutsche Henri Rousseau“. Freilich im Unterschied zu seinem berühmten französischen Kollegen sei Trillhaase in seinem eigentlichen Rang für die Deutschen noch zu entdecken.
   Dies hat sich bis heute kaum geändert. In etablierten Kunstmuseen oder staatlichen Kultureinrichtungen ist Adalbert Trillhaase kaum zu finden. Die einzigen öffentlichen Sammlungen, die Gemälde von ihm besitzen, sind das Museum für Deutsche Volkskunde in Berlin und das Clemens-Sels-Museum in Neuss.

 

Adalbert Trillhaase: Der Seewandel (Kleingläubiger Petrus), um 1922, Kohle und Bleistift

 

Der Erwerb von Gemälden und Handzeichnungen Trillhaases durch Irmgard Feldhaus (mehr) für das Clemens-Sels-Museum Neuss im Jahr 1965 ist somit ein Meilenstein in der Geschichte der Sammlungstätigkeit deutscher Museen im Blick auf Naive Kunst. Er zieht beispielhaft die Konsequenz aus der Tatsache, dass ein halbes Jahrhundert zuvor die französischen Klassiker mit Henri Rousseau, André Bauchant, Louis Vivin und Séraphine Louis Anreger und Vorbilder der akademisch ausgebildeten Künstler wie Seurat, Picasso, Delaunay und anderer waren. Diese Wechselwirkung zwischen der Kunst der Avantgarde und der Kunst der Naiven fand in Düsseldorf ebenso statt wie in Paris. In der Rheinmetropole war es der revolutionäre Künstlerkreis des Jungen Rheinland, der – vermittelt über Otto Pankok – sich der Faszination der authentischen Bildwelten Trillhaases nicht entziehen konnte und ihn zu ihrem „spiritus rector“ erhob.

 

Adalbert Trillhaase: Ein Orientale, 1921, Kohle, laviert, auf Bütten

 

Adalbert Trillhaase: Susanne und die beiden Alten, um 1922, Bleistift, laviert

 

Außenseiter und Eigenbrötler

 

Man hat Trillhaase nachgesagt, dass er ein wenig verrückt gewesen sei, skurril, eigenbrötlerisch, krankhaft eifersüchtig, egozentrisch bis zum Despotismus. Authentisch naive Kunst ist in hohem Maße Individualkunst, deshalb sind seine Bilder mit ihrer kompromisslosen und sehr persönlichen Sprache so unverwechselbar. Er stand immer im Banne seiner inneren Vorstellungen. Darin unterscheidet Trillhaase sich grundlegend von pseudonaiven Künstlern, die nur infantile Abbilder einer konfliktfreien, heilen Welt schildern.
   Das wesentlich Unableitbare jeder authentisch naiven Kunst macht ihren hohen bildnerischen Rang aus. Der französische Maler und Bildhauer Jean Dubuffet (1901-1985), Sammler von Kunst aus Randbereichen der Kultur und Hauptvertreter der autodidaktischen „rohen Kunst“ (Art brut), schätzte die Kunst Trillhaases hoch ein. In einem Brief an die Tochter des Künstlers, Chichio Haller, schreibt er 1945: „Ich denke, dass es gut sein wird, wenn eine Ausstellung mit Gemälden von Trillhaase in Paris stattfindet. Ich glaube, diese Ausstellung würde das Pariser Publikum sehr interessieren.“ Aus der Ausstellung wurde nichts, doch die Initiative des Malers und Sammlers Dubuffet errang dem Werk Trillhaases einen Platz in der internationalen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

 

Kompositionelle Meisterstücke

 

Zentrales Thema der Malerei Trillhaases ist die Bibel. In vielen Werken hat er sich mit ihr auseinandergesetzt und höchst eigenwillige, ganz und gar nicht illustrative Bilder nach den biblischen Erzählungen geschaffen. Besonders eindrücklich zeigt sich dies an Gemälden, die jetzt erstmals in der Düsseldorfer Galerie der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Adam und Eva, Vertreibung aus dem Paradies und Salomé und das Haupt Johannes des Täufers. Das letzte Bild ist ein kompositionelles Meisterstück des Künstlers. Die kühne Kombination der Blickrichtungen, wie aus der Vogelperspektive das abgeschlagene Haupt des Johannes und der bunte Teppich wiedergegeben sind, auf dem frontalansichtig Salomé ihren Schleiertanz vorführt, ist einfach atemberaubend. Gleichermaßen außergewöhnlich sind aber auch seine Zeichnungen, die in der Galerie breit vertreten sind. Trillhaases umfangreiches zeichnerisches Œuvre gilt als singuläres Phänomen auf dem Gebiet der Naiven Kunst. Bei allen anderen namhaften, „naiven“ Malern lässt sich nichts Vergleichbares finden.

 

Adalbert Trillhaase: Der große Liebhaber, 1921, Öl und Bleistift auf Pergamin

 

Phantasiereichtum eines Autodidakten

 

Der Erfindungsreichtum seiner bildnerischen Phantasie, die Reduzierung und Verdichtung seiner Motive, meist unter Verzicht auf szenisches Ambiente, verleiht den Zeichnungen Trillhaases eine suggestive Ausdruckskraft von hohem künstlerischem Rang. Ihre Handschrift ist umso erregender als sie die elementare Hervorbringung eines ungeschulten und an keine normativen Regeln gebundenen Autodidakten ist. Ein auffälliges Merkmal seiner Zeichenkunst sind ungegenständliche Bleistiftspuren auf den freigebliebenen Stellen des Papiergrunds. Sie sind nicht Ausdruck eines „horror vacui“, einer Angst vor der Leere, sondern sie bezeichnen einen diffusen Bildraum, der die Figuren aufnimmt, ohne sie perspektivisch zu fixieren. Die Unbekümmertheit, mit der Adalbert Trillhaase entgegen aller herkömmlichen, optischen Raumlogik seine Themen formuliert, steigert noch die Intensität seiner schulmeisterlich nicht gesteuerten Bildaussage.

Gisela Götte

 

Adalbert Trillhaase wurde am 7.1.1858 in Erfurt geboren. In Düsseldorf ist er erstmalig 1894 unter der Berufsbezeichnung „Kaufmann“ im Melderegister nachweisbar. Nach Aufenthalten in Bielefeld, Stuttgart, Hagen und in den Niederlanden ließ er sich mit seiner Familie 1919 endgültig in Düsseldorf nieder. Dort entstanden, maßgeblich angeregt durch Otto Pankok, seine ersten Bilder. Er gehörte, trotz seiner 60 Jahre, zum Kreis der von der legendären „Mutter Ey“ betreuten jüngeren Künstlerschaft der Stadt, die ihm verehrungsvollen Respekt zollte und als Naturtalent bewunderte. Diesem kreativen Kreis des Jungen Rheinland gehörten u.a. Jankel Adler, Otto Dix, Max Ernst, Arthur Kaufmann, Otto Pankok, Robert Pudlich und Gert Wollheim an. 1923 malte Otto Dix das bekannte Portrait Trillhaases und seiner Familie. Zwischen 1925 und 1932 zeigte Adalbert Trillhaase einige Bilder auf Düsseldorfer Kunstausstellungen. Wie die Malerei der meisten anderen Künstler des Jungen Rheinland wurden auch Trillhaases Werke als „entartete Kunst“ diffamiert, öffentliche Präsentationen untersagt. Der Maler zog sich nach Niederdollendorf bei Bonn zurück und starb dort am 12. Mai 1936.

 

In der Ausstellung der Galerie Remmert und Barth werden neben den Werken Adalbert Trillhaases auch einige Werke seines Sohns Siegfried gezeigt.


Die Ausstellung „Adalbert Trillhaase – Ein 'naiver' Maler im Künstlerkreis des Jungen Rheinlands“ wird bis zum 17. November 2012 gezeigt.

Galerie Remmert und Barth
Mühlenstraße 1
40213 Düsseldorf
Tel. 0211 / 327436
Öffnungszeiten
DI – FR 10 – 18.30 Uhr
SA 11 – 16 Uhr und nach Vereinbarung

 

 

 

©Fotos Galerie Remmert und Barth / Düsseldorf

 


 

 

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