rheinische ART
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rheinische ART 05/2011

 

Archiv 2011: aus "Kunst erleben"

Porträt Blinky Palermo: Barbara Klemm, 1970 Dauerleihgabe der Westfälischen Provinzial Versicherung, Foto: LWL

 

Exzessiv, schillernd, mystisch

 

Blinky Palermo

 

 

Palermo? Schon wieder? Eine letzte vieldiskutierte Ausstellung gab es doch erst 2007/08 in der Kunsthalle in Düsseldorf! Und jetzt wagt sich das Landesmuseum in Münster an diesen außergewöhnlichen Maler, der viele Jahre seiner Kindheit in der westfälischen Kapitale verbrachte, und ehrt ihn mit einer Werkschau.

 

 

Palermos Karriere begann im Rheinland, hier wurde aus dem bürgerlichen Peter Heisterkamp der Künstler Blinky Palermo. Er zählt zweifellos zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der 1960er und 1970er Jahre. Dennoch ist er bis heute einer der rätselhaftesten Vertreter der bildenden Kunst jener Zeit geblieben. Sein Charakter und sein Lebenslauf eignen sich bestens zur Legendenbildung. Als „James Dean“ der Kunst wird er bezeichnet. Eher schlicht und karg in seinen Werken - so seine eigene Aussage - , war er still, zurückhaltend und wortkarg, gelegentlich aber exzessiv.

 

Seine erste Ausstellung war mehr eine Einstellung

 

Zwar sind die Stationen seines Lebens bekannt, doch wie Palermo wirklich dachte, darüber darf spekuliert werden, denn der Künstler hat sich zu seinen Werken nur selten und vor allem nicht eindeutig geäußert. Die Interpretation seiner Arbeit möge heute den Kunsthistorikern vorbehalten sein.
   Was sicher bleibt, sind die Erinnerungen seiner Weggefährten. So bezeichnet sein früherer Galerist Franz Dahlem die erste Galeriepräsentation „nicht als Ausstellung sondern eher als Einstellung“. Sein Atelierpartner aus Mönchengladbacher und Düsseldorfer Zeiten, Ulrich Rückriem, sieht in ihm bis heute einen der genialsten Wandmaler. Wie Palermos Werke seien, wie sie wirken, sei "...nicht nennbar"; und es ist klar, dass Rückriem damit etwas außergewöhnliches meint. Denn er spricht von einem Glück, das man hatte, wenn man Palermos Schauen sehen konnte, und von etwas, das man als Erinnerung heute noch im Kopf hat wie einen besonderen Duft, einen besonderen Geschmack. Etwas, das man für sich mitnimmt und behält.
   Und er spricht von einem Menschen, der akribisch und durchaus penibel war, ewig Zeit brauchte, um seine Arbeiten in Ausstellungen zu platzieren, der (aus)wählen konnte und es verstand, das Beste aus einem Konvolut von Werken in einer Schau den Räumen angepasst zu zeigen. Einer, der zu jung war, um zu wissen, wie gut er war. Und: Überall hätte er auf die Wand gemalt, vielleicht nur einen Strich gezogen, und der saß.

 

Student von Goller und Beuys

 

Der aufstrebende Künstler studierte ab 1962 an der Düsseldorfer Kunstakademie zunächst bei Bruno Goller und dann bei Joseph Beuys, der ihn 1966 zu seinem Meisterschüler ernannte. Viele Geschichten ranken sich um seinen außergewöhnlichen Namen. Erzählungen zufolge war Beuys der Meinung, dass ein Name wie Heisterkamp eben ein bürgerlicher sei, nicht aber ein geeigneter Künstlername für einen Meisterschüler. Da der junge Peter mit seinem Beatnik-Outfit (Lederjacke, Hut und Sonnenbrille) wie der amerikanische Mafioso und Boxpromotor Frank „Blinky“ Palermo aussah, wurde er kurzerhand auch so genannt. Noch heute ist nicht klar, wer ihm den Namen denn nun tatsächlich verpasste, vermutlich war es der Künstlerkollege Anatol Herzfeld.

 

Zwischen Minimal- und Concept-Art

 

In Münster sind rund 60 Exponate, teilweise mehrteilige Bildobjekte und Zeichnungen (Aquarelle) aus allen Schaffensphasen des Künstlers, zu sehen. Die Ausstellung konzentriert sich auf Palermos Umgang mit der Farbe, auf ihre flüchtige, offene, fast durchscheinende Art. Kurator Erich Franz sieht in Palermos Werken Bezüge zur amerikanischen abstrakten Kunst mit der typischen klaren Flächenbildung und intensiven Farbigkeit. Und in der Tat zeigen besonders jene Werke Palermos ein Aufleuchten der Farben, die aus seinen letzten Schaffensjahren (1976/1977) stammten.

   Der Ausstellungstitel „Who knows the beginning and who knows the end“ ist ein Werktitel aus dieser Zeit. Die Schau macht die Entwicklung vom traditionellen Bild zum Objekt auf der Wand bis hin zu Wandmalereien, in denen sich Kategorien wie Fläche, Raum und Zeit durchdringen, deutlich. Im Sinne des Künstlers steht nicht das einzelne Bild im Mittelpunkt, sondern die Gesamtwirkung und Interaktion mehrerer Werke im Raum.

   Palermos Werke sind von ungebrochener Aktualität. Sie hatten nicht nur großen Einfluss auf seine Generation, sondern auch auf die gegenwärtige künstlerische Praxis. In Fachkreisen steht längst fest, dass Palermo einer der wegweisenden und einflussreichsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Seine Objekte und Stoffbilder sind legendär und zeigen eine individuelle künstlerische Handschrift. Gerade diese Stoffbilder sind Arbeiten, die sich auf den farblichen Eindruck reduzieren und einen Einfluss Rothkos ahnen lassen.
Klaus M. Martinetz


Die Verwegenheit und Radikalität des Künstlers in seinen Werken und das ungenaue Wissen über die Künstlerpersönlichkeit ließen einen Mythos entstehen, wozu ebenfalls sein früher und plötzlicher Tod im Jahre 1977 beitrug. Blinky Palermo verstarb im Alter von nur 33 Jahren auf der Malediveninsel Kurumba. Sein Grab befindet sich auf dem Zentralfriedhof von Münster, die skulpturale Grabplatte schuf der Bildhauer Ulrich Rückriem.

 Die Ausstellung in Münster ist in Kooperation mit dem Palermo-Archiv in den USA entstanden. Ergänzend wird die gesamte Grafik Palermos aus der Kunstsammlung der Westfälischen Provinzial Versicherung gezeigt. Anschließend wird die Schau im Kunstmuseum St. Gallen (27.5. – 25.9.2011) in der Schweiz zu sehen sein.


Ausstellung: Palermo – Who knows the beginning and who knows the end
Bis zum 15. Mai 2011

LWL – Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster
Domplatz 10
48143 Münster
Tel 0251 – 5907 201

Öffnungszeiten:
DI – SO 10 – 18 Uhr
DO 10 – 21 Uhr

©rheinische-art.de

 

 

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