rheinische ART
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rheinische ART 05/2020

NEUE SACHLICHKEIT
Reiz des genauen Hinsehens


Der legendäre Prager Journalist Egon Erwin Kisch wusste es schon längst: Nichts, so schrieb er, sei verblüffender als die einfache Wahrheit, „nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit.“

 

Aenne Biermann Eier, 1931 Silbergelatineabzug, 44,6 x 60 cm Museum Folkwang, Essen

 

Diese Erkenntnis lag ganz offensichtlich der Arbeit der Foto-Avantgardistin Aenne Biermann (1898 –1933) zugrunde. Das Folkwang Museum in Essen zeigt in einer Schau diese, in der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannte, Foto-Pionierin der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre.

 

Aenne Biermann Porträt mit Boulevard de la Grande-Armée, 1931, Silbergelatineabzug, Kopiermontage, 23,5 x 17,7 cm, Museum Folkwang, Essen

 

Die gebürtig aus Goch stammende Künstlerin zählt zu den wichtigsten Protagonistinnen der modernen Fotografie. Biermanns Aufnahmen waren zu ihren Lebzeiten in allen wichtigen Fotokunstmagazinen zu finden.

     Und so gut wie alle bedeutenden Foto-Ausstellungen jener Zeit versäumten es nicht, ihre Arbeiten aufzuhängen, darunter die Essener Wanderausstellung „Fotografie der Gegenwart“ sowie die wegweisende internationale Fotoschau des Deutschen Werkbunds „Film und Foto“ (FiFo) im Jahre 1929.
   

„Vertrautheit mit den Dingen“ heißt die Ausstellung im Museum Folkwang. Es ist eine der seltenen Retrospektiven auf die Fotokünstlerin. Die Präsentation umfasst 100 Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Jahren 1925 bis 1932 sowie umfangreiches dokumentarisches Material. Die Exponate geben einen Überblick über das kurze, aber produktive Schaffen der Aenne Biermann. Denn diese „Dokumentarin des Alltäglichen“ hatte nur knapp sieben Jahre hinter der Kamera gearbeitet. Sie verstarb im Alter von 34 Jahren an einer Krankheit.

 

Aenne Biermann Selbstporträt, 1930–1931 Silbergelatineabzug, 17,6 x 23,4 cm Museum Folkwang, Essen

 

Aenne Biermann Kinderhände (Helga), 1928 Silbergelatineabzug, 12,3 x 16,6 cm Museum Folkwang, Essen

 

Im Rheinland ist Aenne Biermann durchaus bekannt. So gab es 2018 im Kölner Museum Ludwig eine kleine Kabinett-Schau von gerade einmal zwei Dutzend ihrer Arbeiten, die sich im Bestand des Hauses befinden (mehr). Die große Ausstellung jetzt in Essen breitet hingegen ihr Können in Gänze aus.

     Biermann war Autodidaktin. Sie begann mit der Fotografie, als sie die ersten Entwicklungsphasen ihrer Kinder im Bild festhielt. Ab 1926 setzte sie sich intensiv mit den gestalterischen Möglichkeiten des Mediums auseinander. Das ‚Neue Sehen‘ oder die ‚Neue Sachlichkeit‘, somit das schlichte Betrachten der unmittelbaren Umwelt und die damit verbundene Subjektivität, bildeten den Kern ihrer Fototätigkeit.

     Enge Bildausschnitte, unkonventionelle Perspektiven auf Menschen, Szenen und Dinge, fokussierte Oberflächen und eine kontrastreiche Ausleuchtung zeichnen Biermanns Bildwahl und ihren Detailreichtum aus.

 

Aenne Biermann Betrachtungen, 1930 Silbergelatineabzug, 58 x 42 cm Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne, München

 

Die junge und aufstrebende Fotografin fand ihre Motive im täglichen Leben und sie nutzte die Möglichkeiten der Bildkomposition und der Weiterentwicklung fotografischer Techniken: So entstanden Motivgruppen wie Pflanzen, Gesteine, Portraits, Stillleben oder Kinder.

     In Aenne Biermanns Fotografien geht es stets um den Blick auf das Wesen der Dinge. So stehen bei ihren Pflanzenaufnahmen nicht der symmetrische Bildaufbau oder der analytische Fokus im Mittelpunkt; im Gegenteil zeigen die Arbeiten ihren subjektiven Blick und die damit verbundene bildnerische Wirkung des Motivs.

     Große öffentliche Aufmerksamkeit zog Biermann erstmals auf sich, nachdem der deutsche Kunsthistoriker Franz Roh einen Artikel über ihre Pflanzenfotografien für die Fachzeitschrift „Das Kunstblatt“ verfasst hatte.

 

Für den Betrachter von heute noch verblüffend: die extremen Nahaufnahmen, etwa vom „Ficus elastica“ (Gummibaum) oder von aufgeschnittenen Rotkohlköpfen, Eiern, Gurkeninnereien oder Getier in ungewohnter, fast kühner Optik, ohne hilfreiche Kontexte. Bildthemen aus dem schlichten Alltag, die oftmals Rätsel aufgeben und das Auge narren.

     Oder ihr Blick in Gesichter, experimentell verspielt mit Licht und Schatten, melancholisch, träumerisch, behutsam arrangiert und abgelichtet. Mit ihren radikalen Ausschnitten und Beleuchtungskontrasten schuf Biermann nicht nur eine eindringliche, sondern auch ästhetisch faszinierende Bilderwelt.
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Das einzige zu Lebzeiten erschienene Fotobuch ist die Monografie „Aenne Biermann: 60 Fotos“ des Kunstkritikers Franz Roh aus dem Jahre 1930. Der Band ist als Reprint unter demselben Titel noch einmal herausgegeben worden: Klinkhardt & Biermann / Hirmer Verlag, 104 Seiten, auch als Taschenbuch erhältlich.

► Das Museum Folkwang ist im Besitz umfangreicher Bestände dieser Vorläuferin der modernen Lichtbildkunst. Gemeinsam mit der Pinakothek der Moderne / Bayerische Staatsgemäldesammlungen, die durch die Stiftung Ann und Jürgen Wilde ein ähnlich umfangreiches Konvolut der Fotografin in ihrem Bestand hat, wird das vielfältige, aber stringente Schaffen von Aenne Biermann in der Ausstellung erfahrbar.


Die Ausstellung „Vertrautheit mit den Dingen“ endet am 1. Juni 2020. (Das Museum öffnet am 07.05.2020)
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel . 0201 / 8845 160
Öffnungszeiten
DI, MI, SA, SO 10 – 18 Uhr
DO, FR 10 – 20 Uhr

 

Zitierhinweis:
Egon Erwin Kisch im Vorwort zu seinem Roman „Der rasende Reporter“ über den Grundgedanken der Neuen Sachlichkeit in der Literatur.

 

 

 

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