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rheinische ART 06/2020

Archiv 2020

LEIDENSCHAFT BOTANIK
Begeisternd: Adenauers Garten

 

Konrad Adenauer wusste genau, wo er Kraft sammeln und Gedanken formulieren konnte, oder wo schlicht nur Abstand zum politischen Alltag zu erreichen war. In seinem Garten!

 

Adenauers Anwesen in Rhöndorf, Zennigsweg, das er im Dezember 1937 bezog. Die Entwürfe des Bauherrn setzte dessen Schwager, der Architekt Ernst Zinsser, um. Foto © Roland Breitschuh, Greven Verlag Köln 2020

 

Die Macht der Blumen war ihm, dem Politurgestein, Großstädter und Familienmenschen, mehr als vertraut. Pflanzen und Blumen, bekanntermaßen Rosen, waren so etwas wie sein Lebenselixier und seine lebenslange Leidenschaft.

 

 

Gartenträume: Mediterraner Wuchs wie an der Côte d´Azur. Cover „Adenauer. Der Garten und sein Gärtner“. Foto © Greven Verlag Köln 2020

 

Gärtnerikone Konrad Adenauer 1948. Da hatte der Kölner in seinem Garten bereits elf Jahre lang gesät und gepflegt. Als Nächstes nahm er sich als Kanzler die Bundesrepublik vor, auf dass auch sie wachse. Foto © Max Ehlert DER SPIEGEL 

 

Es musste nicht immer sein italienischer Urlaubsort Cadenabbia am Comer See sein, der heimische Garten in Rhöndorf bei Bonn war über Jahrzehnte, so darf vermutet werden, sein wichtigster Ort für Entschleunigung.
     „Adenauer. Der Garten und sein Gärtner“ titelt ein neuer Fotoband des Greven Verlages, verfasst von zwei renommierten Kennern: dem Fachbuch- und Dokumentationsautor Christian Feyerabend und dem Fotografen und Kameramann Roland Breitschuh.
     Der großartig betextete und illustrierte Band ist eine Fundgrube für Gartenfreunde und Geschichtsinteressierte. Mit dem Buch, so erklärt der Verlag, werde dem Kanzlerparadies „Garten“ nun auch ein literarisches Denkmal gesetzt und es zeige – natürlich mit einem schelmischen Augenzwinkern – wo „die wahren Wurzeln der Bundesrepublik Deutschland“ gelegen haben mochten!
 
In der Hortikultur also und Konrad Adenauer wurde zu einem ihrer obersten Zeremonienmeister. Es dürfte eines der noch nicht in Gänze bearbeiteten Themengebiet sein, wenn es um den legendären ersten Kanzler der Bonner Republik geht. Die Autoren erzählen höchst informativ, tiefgründig und teils humorvoll von Adenauers Verhältnis zur farbenfrohen und kontrastreichen Welt der Botanik.
     In seinem grünen Refugium in Rhöndorf – das wird dem Leser schnell bewusst – bewies Konrad Adenauer (1876–1967), was heute längst wieder gefragt ist: Geduld. Denn im Garten schöpfte der in vielen Krisen erprobte Staatsmann nicht nur Energie und politische Inspiration, sondern fand dort vor allem seelische und körperliche Balance in schweren Zeiten.
     So betrachtet kann nicht nur der heute von Coronaseuche bedrängte Bürger von Adenauer lernen, die unter Entscheidungszwang stehende Politikergilde ebenfalls.
 
Adenauer bezog 1937 mit Anfang Sechzig das neu errichtete Haus am Rhöndorfer Hang. Das Grundstück, örtlich "Der Faule Berg" genannt, war ein aufgelassener Rebhang in Sichtweite des Drachenfels.
     Vier Jahre zuvor war der Politiker unter Todesdrohungen von den Nationalsozialisten aus seinem Amt als Kölner Oberbürgermeister vertrieben worden. Seine Zuflucht wurde zunächst das Kloster Maria Laach in der Eifel (mehr), später vor allem jedoch sein Garten. Dort konnte er stundenlang gießen, graben und jäten. „Ich bin Gärtner, der sät, hegt und pflegt und wachsen lässt“, wird er zitiert.
 

Gartenidylle mit italienischem Flair. Adenauer folgte der Devise „es wird durchgeblüht“. Er sorgte dafür, dass in jeder Jahreszeit etwas blühte. Haus und Garten sind heute Denkmäler und gehören einer Bundesstiftung; der Adenauergarten ist außerdem Teil des Europäischen Gartennetzwerks (EGHN). Foto © Roland Breitschuh, Greven Verlag Köln 2020

 
Während des Zweiten Krieges musste Adenauer statt der geliebten Rosen Kartoffeln anpflanzen, um seine Familie zu ernähren. Als der „Starrkopf aus dem Kölner Stadthaus“ (DER SPIEGEL 1948) nach Kriegsende überraschend noch einmal in politisch höchste Ämter strebte, war die grüne Oase in Rhöndorf sein dringend benötigter Ausgleich. Im Übrigen ließ er dort auch noch in den späten Fünfzigern als Kanzler eine Boccia-Bahn bauen, um dem geliebten Kugelsport aus Italien frönen zu können. Wie in seinem Garten agierte er auch im politischen Alltagsgeschäft: Für beides brauche man „Jeduld, Jeduld, Jeduld!“ erklärte er in seinem typisch rheinischen Idiom.
 
 

Der Hausherr in seinem Element: Konrad Adenauer bei der Gartenpflege. Nie trug er Gärtnerkleidung sondern "Abgelegtes aus  dem Kleiderschrank". Foto © Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Bonn 2020

 

Als reisender Staatsmann hatte Adenauer stets auch einen Blick für exotische Gärten. Zu Besuch in Japan 1960. Fotoquelle Bundearchiv B145 Bild-F008258 Foto © Wundshammer, Benno

 

Neben den arbeitsintensiven Pflanz- und Pflegetätigkeiten beschäftigte sich Adenauer in seiner Freizeit mit allerlei Dingen rund um Rose und Rhododendron. Gerne etwa mit patentfähigen Erfindungen gegen Borkenkäfer und Blattläuse.
     Zu den technischen Neuheiten aus seinem Hause gehörten unter anderem ein Rechen mit Klopfvorrichtung (allerdings zu schwer) oder ein „Elektrischer Insektentöter“ (zu gefährlich). Alles fand keine Anerkennung beim Patentamt. Ebenso wenig wie die Gießkanne mit klappbarem Brausekopf, die gleichwohl – so sagt die Überlieferung – jahrzehntelang im Rhöndorfer Garten zuverlässig „in Betrieb“ war.
 
Konrad Adenauer war ein Gartenfreund durch und durch. Noch auf dem Sterbebett, so ist zu lesen, erkundigte sich der 91-Jährige danach, ob denn der Aprikosenbaum schon blühe. Als Vermächtnis hinterließ er ein Wirtschaftswunderland mit gefestigter Demokratie – und seine Gartenidylle.
     Es gab immer wieder gesellschaftliche Trends, die eine Rückkehr zur Natur wie ein Wunder feierten und ein neues Lebensgefühl propagierten. Der große alte Herr aus Rhöndort hatte das bereits alles viel früher erkannt.
rART/cpw

 Granaten und Geranien. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL widmete im Herbst 1948 dem damals 72-jährigen „rheinischen Gartenfreund Konrad Adenauer“ das Titelbild und einen noch heute lesenswerten Artikel. Eine Anekdote darin: Vorrückende US-Truppen beschossen im Frühjahr 1945 das rechte Rheinufer, Rhöndorf (mehr) und auch Adenauers exponiertes Anwesen. „Damals, vor dreieinhalb Jahren genoß er den sonntäglichen Frieden seines Gartens in Honnef-Rhöndorf und warf sich ob des kriegerischen Segens platt zur Erde. Der Heldentod blieb ihm erspart. Die Baumkrepierer verschonten ihn.“ (Zitat aus: DER SPIEGEL vom 16. Oktober 1948, S. 5 „Es gibt nur einen Adenauer“)

Renaissance Heute suchen viele, vor allem junge Familien, einen Gegenpol zum Alltag in der globalisierten und arbeitsteiligen Gesellschaft. Sie pachten wieder Kleingärten, für die oft lange Wartelisten existieren. Der Heim- oder Schrebergarten ist en vogue, dient der Erholung und der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse (mehr).
 

► Verbreitet haben sich vermeintlich neue Formen kollektiven Gärtnerns. Urban Gardening heißt ein populärer Trend. Es ist die eigentlich alte Idee, Salat, Gemüse oder Kräuter auf kleinteiligen Stadtflächen, auch auf Dachgärten, anzupflanzen. Als Protest gegen Verbrachung oder City-Tristesse wird da und dort heimlich gesät, gebuddelt und gepflanzt. Dieses Guerilla Gardening findet seine Anhänger vielfach in der Umweltschutz-Szene.

 

Literaturhinweis:
A
DENAUER - Der Garten und sein Gärtner. Christian Feyerabend (Text) und Roland Breitschuh (Fotografien). Herausgegeben von der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. 200 Seiten, Format 21 x 27 cm, 179 Abbildungen, Leinen mit Schutzumschlag und Buchbinde. ISBN 978-3-7743-0926-5. Preis 30,00 Euro

 

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