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rheinische ART 03/2018

EGON SCHIELE

(Zu) gewagte Kunst?

 

Es ist eine Ausstellung für ein Enfant terrible. Wien feiert das Werk des vor 100 Jahren verstorbenen Expressionisten Egon Schiele. Der 28-Jährige erlag der tückischen Spanischen Grippe.

 

Egon Schiele Kauernder Mädchenakt, 1914 Crouching Nude Girl Schwarze Kreide, Gouache auf Papier | Black chalk, gouache on paper 31,3 × 48,2 cm Leopold Museum, Wien | Vienna Foto | Photo: Leopold Museum, Wien | Vienna/Manfred Thumberger

 

Der Künstler und seine legendären, oftmals tabubrechenden Werke sind immer wieder eine Schau wert, sie ziehen Tausende in die Präsentationshäuser.

 

Egon Schiele Selbstbildnis mit gestreiftem Hemd, 1910 Self-Portrait with Striped Shirt Schwarze Kreide, Gouache auf Papier | Black chalk, gouache on paper 44,3 × 30,5 cm Leopold Museum, Wien | Vienna Foto | Photo: Leopold Museum, Wien | Vienna/Manfred Thumberge

 

Egon Schiele Kauernde mit grünem Kopftuch, 1914 Crouching Woman with Green Headscarf Bleistift, Gouache auf Papier | Pencil, gouache on paper 47 × 31 cm Leopold Museum, Wien | Vienna Foto | Photo: Leopold Museum, Wien | Vienna/Manfred Thumberger

Im letzten Jahr war es die Wiener Albertina, die den heute so populären Egon Schiele (1890-1918) bereits vor seinem 100. Todestages monatelang präsentierte. Aktuell ist jetzt das Leopold Museum in Wien Ausrichter eines Erinnerungsparcours. Und da der Ausnahmekünstler, Bürgerschreck, Pornograf und "Mann von zweifelhaftem Ruf" gleich noch mit anderen Protagonisten der Wiener Moderne gezeigt wird, kann man ohne Übertreibung sagen: In Wien ist Schiele-Jahr.

 

Historischer Einschnitt Für die Kunstwelt in der endenden Donaumonarchie war das Jahr 1918 allerdings, daran sei hier zunächst erinnert, dramatisch. Denn neben Schiele, der am 31. Oktober verstarb, segneten gleich drei weitere namhafte Kreative aus Wien das Zeitliche.

     Am 6. Februar raffte ein Schlaganfall den Maler Gustav Klimt (mehr) mit 56 Jahren dahin, am 11. April verstarb 77-jährig der Architekt und Stadtplaner Otto Wagner und am 18. Oktober erlag der Universalkünstler Koloman Moser einem Krebsleiden.

     Klimt und Moser waren Mitbegründer der „Wiener Secession“ (mehr). Im Rahmen des Jubiläumsjahres „Wiener Moderne 2018“ werden auch diese Persönlichkeiten mit großen Schauen in Österreichs Kapitale gewürdigt.

 

Egon Schiele Der Häuserbogen II („Inselstadt“), 1915 Crescent of Houses II (Island Town) Öl auf Leinwand | Oil on canvas 110,5 × 140,5 cm Leopold Museum, Wien | Vienna Foto | Photo: Leopold Museum, Wien | Vienna/Manfred Thumberger

 

Sammlung Leopold Egon Schiele ist der zentrale Künstler im Museum Leopold und die nun aufgelegte Ausstellung, so betont das Haus, sei eine besondere, denn sie kombiniere Gemälde, Papierarbeiten und zahlreiche Archivalien.

     In Gänze bietet die Schau damit eine Übersicht der wichtigsten Themen im Schaffen des Malers. Da ist zunächst sein selbstbewusstes Heraustreten aus der Tradition und seine Findung als Ausdruckskünstler. So arbeitet Schiele Motive wie die ambivalente Figur der Mutter heraus oder widmet sich mit der Darstellung junger Mädchen und Knaben äußerst pikanten Tabus seiner Zeit. Spiritualität und Verwandlung sind weitere Themen wie auch seine enigmatischen Häuser und Landschaften oder etwa seine spannungsvoll komplexe Analyse in seinen Porträtdarstellungen. 

     Sensationell an dem Künstler Schiele ist auch seine Produktivität. In nur wenigen Jahren schuf er 350 Gemälde und rund 2.800 Aquarelle und Zeichnungen. Die weltweit größte Schiele-Sammlung beherbergt heute das ausstellende Haus, das Leopold Museum, dessen Gründer Rudolf Leopold in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts begonnen hatte, den prominenten Moderne-Maler zu sammeln.

 

Egon Schiele Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910 Seated Male Nude (Self-Portrait) Öl, Deckfarbe auf Leinwand | Oil, opaque color on canvas 152,5 × 150 cm Leopold Museum, Wien | Vienna Foto | Photo: Leopold Museum, Wien | Vienna/Manfred Thumberger

 

Schieles Körperwelten Die Berühmtheit des Malers Schiele fußt vor allem auf jenen expressionistischen und schonungslosen Darstellungen von nackten Körpern, die immer wieder bei Zurschaustellungen auf Widerstand treffen und polarisieren.

     Ab 1910 inspirierten den Künstler vor allem Kinder, sich mit Körper, Erotik und Sexualität zu befassen. Knaben stellte Schiele nie erotisch dar, während Mädchen oftmals in sexualisierten Posen und Haltungen zu sehen sind. Das führte auch in der Hochphase der Wiener Moderne durchaus zu Problemen. Am 13. April 1912 wurde Egon Schiele, für ihn völlig überraschend, unter dem Verdacht der Entführung und des Missbrauchs einer Dreizehnjährigen namens Tatjana Georgette von Mossig inhaftiert. Die Sache ging als die sogenannte „Neulengbach-Affäre“ in die Wiener Kunstgeschichte ein.

     Zwar blieb von der eigentlichen Anklage, vor allem wegen eines angeblichen Missbrauchs, wenig übrig. Gleichwohl musste sich der 22 Jahre alte Künstler wegen Präsentierens einer unsittlichen Zeichnung in der Öffentlichkeit für 24 Tage in Haft begeben. Die Zeit nutzte er zur Fertigung mehrerer Zeichnungen.

 

Zensierte Plakatversion - Sehen Sie alles, nur in Wien! Original: Egon Schiele Das stehende nackte Mädchen mit orangefarbenen Strümpfen“,1914, Schwarze Kreide und Gouache auf Papier, 44 x 32 cm, Foto © Wien Tourismus/ Wien Nord, Leopold Museum Wien.

Verdeckte Akte „Unsittlichkeit und Öffentlichkeit“ sind im Zusammenhang mit Schiele nach wie vor ein Thema. Das erfuhren Wiens Marketingstrategen ganz aktuell, als sie sich anschickten, mit vier Nacktmotiven aus der Schiele-Kollektion in Deutschland und Großbritannien die Leopold-Ausstellung zu bewerben.

     Zur Inszenierung der wohl wichtigsten Kunst- und Kulturepoche Wiens und seiner Vertreter war geplant, deutsche und britische Metropolen mit berühmten Schiele-Akten in voller Pracht – großflächig unter anderem auf Hauswänden und Megaboards – zu schmücken. Der Bogenschluss ins Hier und Heute und damit an die Moralvorstellungen einer sich aufgeklärt gebenden Gesellschaft wurde an die Frage geknüpft: „Hundert Jahre alt und noch immer zu gewagt?“

     Was in Wien eher nur ein Achselzucken hervorrief, ging jedoch in London, Hamburg oder Köln nicht. Denn was als Anregung zur Auseinandersetzung mit der Wiener Moderne geplant war, traf einen Nerv. Die Vermarkter der Werbeflächen in beiden Länder lehnten aufgrund von Vorschriften zur Sittlichkeit im öffentlichen Raum die Werbe-Kampagne ab. Für einen Werbeflächenanbieter war durch die Bilder die Anstößigkeit so gut wie programmiert, bei einem Flughafen intervenierte eine Ethikkommission gegen die schon erteilte Zusage für ein Großflächenplakat.

     Schließlich hieß es in Sachen Außenwerbung, dass Schiele-Motive mit Zensur versuchsweise ausgehängt werden könnten, bei Beschwerden jedoch auf Kosten des Auftraggebers wieder entfernt würden.

 

Zensierte Plakatversion – Sehen Sie alles, nur in Wien! Original: Egon Schiele Liegende Entblößte. Studie zu „Liegende Frau”, 1916, Foto © Wien Tourismus/ Wien Nord, Leopold Museum, Wien

 

Alles sehen – nur in Wien! Die Wiener-Werber machten sich offenbar einen Spaß daraus und legten auf den Werbebildern über alles Menschliche unterhalb der Gürtellinie provokativ einen breiten Sichtschutz. Damit war die Zensur perfekt und Wiens Zeitung „Der Standard“ stellte zu den teilverdeckten Schieles mehr spöttisch fest: „Schieles Nacktheit ist Briten und Deutschen nicht zumutbar.“
     Das Leopold Museum, dass für seine außergewöhnliche Schiele- und Klimt-Sammlung bekannt ist, betont schlicht und sachlich, dass sich die Gewichtung der Ausstellung aus den Sammlungen des Hauses ergebe, und die haben Kunstgeschichte schrieben: bei den Ölbildern wie den Papierarbeiten liege der Fokus auf den expressionistischen Jahren 1910–1914, wobei die Blätter zu je einem Drittel den Selbstdarstellungen, den Porträts und Akten der Mädchen und schließlich jenen erwachsener Frauen gewidmet seien.

Claus P. Woitschützke


Neben dem umfassenden Sammlungsbestand, deren Papierarbeiten aus restauratorischen Gründen in drei Durchläufen gezeigt werden, sind einzelne herausragende Schiele-Werke von internationalen Sammlungen als „noble Gäste“ in die Jubiläumsausstellung integriert.


► Weitere Informationen zum Programm im Wiener Schwerpunktjahr 2018 digital unter www.wienermoderne2018.info/de/ und zur Diskussion über die Grenzen der Kunst, diverse Moralvorstellungen sowie das Sitten- und Wertebild unserer Gesellschaft unter dem Social-Media-Hashtag #DerKunstIhreFreiheit. 

 

Die Ausstellung Egon Schiele Die Jubiläumsschau wird bis zum 4. November 2018 gezeigt.

Leopold Museum
Museumsplatz 1
1070 Wien
Tel +43 1 525 700
Öffnungszeiten
SA, SO, MO, MI, FR 10 – 18 Uhr
DO 10 – 21 Uhr

 

 

 

 

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