rheinische ART
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rheinische ART 03/2020

GERHARD HOEHME

„Wenn man nichts sieht,
schaut man länger hin.“
 

Gerhard Hoehme war es, der 1979 diesen Satz sprach. Der Künstler zählt zu den wichtigen Vertretern der abstrakten Kunst, des Informel und zu den ersten Konzeptkünstlern Deutschlands.

 

 

Gerhard Hoehme Lebensraum, 1960, 210 x 320 cm, Öl auf Leinwand, Sammlung Ströher MKM Museum Küppersmühle für moderne Kunst Duisburg, Foto © Kunstakademie Düsseldorf

 

Es ist die Kunstakademie Düsseldorf, die diesem verdienten Künstler und ehemaligen Professor des Hauses, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, in einer Ausstellung zeigt. Mit der Schau in den Räumen der Akademie-Galerie ist der Kuratorin Vanessa Sondermann nicht allein die angekündigte Retrospektive, sondern ebenso eine eindringliche Hommage an den Maler gelungen.

 

Gerhard Hoehme Berliner Brief, 1966, Acryl, Collage, Grafit- und Farbstift auf Leinwand, 200 x 360 cm, Sammlung Ströher MKM Museum Küppersmühle für moderne Kunst Duisburg, Foto © Kunstakademie Düsseldorf


Der 1920 in Greppin bei Dessau geborene Gerhard Hoehme studierte ab 1948 an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle bei dem Schriftenkünstler Herbert Post, bevor er von 1951 bis 1953 als Schüler von Otto Coester Freie Grafik an der Kunstakademie Düsseldorf studierte. 1954 übernahm er den Vorsitz der „Gruppe 53“ für zwei Jahre. Dieser Verein widmete sich bevorzugt dem Tachismus, einer Richtung des Informel, und zu seinen Mitgliedern zählten aus heutiger Sicht das „Who is Who“ der rheinischen Informel-Szene mit unter anderen Peter Brüning, Winfred Gaul oder Peter Royen. Auch die später als ZERO-Gründer berühmt gewordenen Künstler Heinz Mack und Otto Piene engagierten sich zeitweise in diesem Verein.

 

Gerhard Hoehme Blaustrom, 1982, Acryl auf Papier und Leinwand, PE-Schnur, Pexiglas, 300 x 137 cm, Akademie-Galerie – Die neue Sammlung, Foto © Kunstakademie Düsseldorf

 

Der gegenseitige Input dieser Künstler wie auch der Austausch mit weiteren Kreativen wie Jean Faultrier und Jean Dubuffet, die Hoehme durch seinen späteren Galeristen Jean-Pierre Wilhelm (Galerie 22 in Düsseldorf) kennenlernte, ist unschwer nachzuvollziehen. 1960 erhielt er ein Stipendium an der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom, wo er Kontakte zu Alberto Burri, Cy Twombly oder Marc Rothko unterhielt. Im gleichen Jahr übernahm er eine Professur für Freie Malerei in Düsseldorf, die er bis 1964 innehatte. Zu seinen berühmtesten Schülern zählen Sigmar Polke und Chris Reinecke.

 

Das Jahr in Rom war ein prägendes. Hoehme, so darf vermutet werden, unterlag dem Faszinosum der italienischen Lebensart, denn er erstand ein Haus in Nemi bei Rom und unterhielt dort ab 1963 einen Zweitwohnsitz.
     Was Gerhard Hoehme wohl außerordentlich – und was sich in der Ausstellung manifestiert - prägte, waren seine Einsätze als Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg. Denn in der Präsentation erfährt der Aspekt des „Schauens“ eine besondere Aufmerksamkeit. Das „Sehen“ spielt im Oeuvre Hoehmes eine besondere Rolle. Hintergrund ist, dass der Künstler nach eigenen Aussagen gefühlt „mehr in der Luft als am Boden“ gewesen sei. Auch wurde er zweimal verwundet. Der Blick auf die Erde aus der Pilotenkanzel hat Hoehme die Welt von Oben betrachten und gleichwohl intensiv wie radikal anders erfahren lassen.

 

Gerhard Hoehme Spuren, 1957, Öl auf Leinwand, 100 x 110 cm, Kunsthaus NRW Kornelimünster, Foto © Kunstakademie Düseldorf


Vor diesem Hintergrund wirken viele seiner Gemälde wie eindringliche Bildessays. Die erlebten gewaltigen Kräfte der Zerstörung durch Krieg münden in seinen Werken in eine Abstraktion hin zur Unkenntlichkeit. Das Gegenständliche – es ist nicht mehr.
     Und doch gibt es visualisierte Andeutungen des Gewesenen. Das Informel, das von seinem Wesen her zumeist als „action painting“ mit Spontanität und Zufällen begriffen wird, wurde von dem Künstler anders umgesetzt. Zeitzeugen betonen, dass Hoehme ein kontrolliert arbeitender Künstler war. Er machte nichts ohne Nachdenken.
Aus dem Faltblatt der Ausstellung Gerhard Hoehme in der Galerie Parnass, Wuppertal, 1956 von Jean-Pierre Wilhelm: „Unter Hoehmes Hand wird das Viereck der Leinwand zum magischen Feld, auf dem eine Manipulation aus der anderen hervorgeht, sowie der erste Farbfleck gesetzt ist. Bei diesem Ablauf spielen Automatismus und »gelenkter Zufall« keine entscheidende Rolle; vielmehr ist hier ein Auflodern von zahllosen Möglichkeiten, die unablässig gewählt oder verworfen werden müssen … Wenn Hoehme arbeitet, versetzt er sich in einen Zustand, in dem die Bereitschaft zum »Finden« aufs äußerste gesteigert ist.“

 

Gerhard Hoehme Fili scrivibili, Fensterbild 1965, Acryl, Bindfaden auf Leinwand und Holz, 157 x 198 cm, Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg im Breisgau, Foto © Kunstakademie Düsseldorf


Und an anderer Stelle: „Bis zum Verlassen Mitteldeutschlands (1951) bemühte er sich noch suchend und tastend um ein schon weitgehend gegenstandloses Idiom.“ Gut denkbar, dass er dieses in seinen berühmten „Schnüren“, Plastikschnüre, die er aus seinen Leinwänden heraus in den Raum hinausschickte, um diesen mit einzubeziehen, mit ihm zu kommunizieren und die Zweidimensionalität der Leinwand aufzubrechen, gefunden hatte.


Übrigens Es lohnt sich, mehr als einen Blick in den von Vanessa Sondermann erstellten Katalog „Gerhard Hoehme Retrospektive“ zur Ausstellung zu werfen. Leben und Arbeiten von Hoehme sind dort vielseitig wie kunsthistorisch systematisch vorgestellt. Interviews von Zeitzeugen erlauben einen Einblick in das Denken und den Charakter des Menschen Gerhard Hoehme, der 1989 in Neuss verstarb.
Irmgard Ruhs-Woitschützke


Die Ausstellung „Gerhard Hoehme Retrospektive“ ist bis zum 26. April 2020 geöffnet.
Akademie-Galerie – Die neue Sammlung
Burgplatz 1
40213 Düsseldorf
Öffnungszeiten
MI – SO 12 – 18 Uhr

 

 

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