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rheinische ART 04/2018

SAMMLUNG LIPS
Kultureller Gegenverkehr

 

Wie sahen die Einheimischen in den von Europäern beherrschten Gebieten in Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika eigentlich die „Kolonialherren“? Diese außerordentlich seltene Sichtweise in der Kunst zeigt das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM).

 

„Squatter“ (dt.: „Landbesetzer“), Tuschezeichnung von Tommy McRae alias Yakaduna, einem Aborigine aus Südost-Australien, 1864. Die Darstellung dokumentiert die Besetzung Australiens durch weiße Siedler. © Mitchell Library, State Library of New South Wales, Sydney Bildquelle: RJM Köln 2018

 

Die Ausstellung mit dem provokanten Titel „Der Wilde schlägt zurück“ präsentiert Exponate aus der hauseigenen „Sammlung Lips“ und ist gleich in doppelter Hinsicht von größtem Interesse.

 

„Schreckfigur“ (hentakoi) in Gestalt eines englischen Kolonialsoldaten. Solche Figuren wurden auf der asiatischen Inselgruppe vor Häusern zum Schutz vor Unheil aufgestellt, Nikobaren (Asien), 19. Jh., © Rheinisches Bildarchiv Köln, Wolfgang F. Meier, rba_d029031

 

Die britische „Queen Victoria“ im Krönungsornat eines unbekannten Künstlers. Der Schnitzer verwendete als Vorlage eine Fotografie, die massenhaft in den Kolonien kursierte. Yoruba, Nigeria, um 1900, © Rheinisches Bildarchiv Köln, Wolfgang F. Meier, rba_d029085

 

Sie ermöglicht einen Blick auf ein Genre, in dem fast durchweg namenlose Künstler aus den Kolonien und „Schutzgebieten“ die Europäer in Malerei und Plastik darstellen – und zwar nicht stets als Vorbilder und bewundernd, sondern spöttisch, sarkastisch, kritisch, als Besatzer, Landräuber und „als die eigentlichen Barbaren“, so das ausstellende Haus.

     Ebenso interessant ist der zweite Aspekt. Er widmet sich dem Völkerkundler, Soziologen und Direktor des ehemaligen Kölner Museums für Völkerkunde, Julius Lips (1895-1950), der sich weigerte, die Ethnologie in den Dienst des Nationalsozialismus zu stellen.

 

Eine Exposition mit Darstellungen von Europäern aus der Perspektive der Kolonisierten ist eher selten und derartige Schaustücke sind, auf dem Kunstmarkt als „Kolonfiguren“ bekannt, mehr oder weniger eine Rarität.

     Die Umkehrung des kolonialen Blicks ermöglicht dabei überraschend neue Einsichten in diese unrühmliche Epoche europäischen Machtstrebens. 
     Der bemerkenswerte Ausstellungstitel in Köln geht zurück auf das programmatische Buch von Julius Lips „The Savage Hits Back or The White Man through Native Eyes“ (Der Weiße im Spiegel der Farbigen, 1983), das im Jahre 1937 erstmals in London erschien und hohe Wellen schlug. Der deutsche Ethnologe verfasste die radikal antifaschistische und antirassistische völkerpsychologische Publikation seinerzeit im amerikanischen Exil.

 

Bisher, so teilt das RJM mit, sei kaum bekannt, dass sich zahlreiche Kolonfiguren, Malereien und Fotografien, die Lips in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts gesammelt hatte, im Depot des Rautenstrauch-Joest-Museums befinden. Erstmals wird nun diese Kunst der Öffentlichkeit präsentiert.

     In den Objekten zeige sich der damalige Terror und die Gewalt der Europäer, betont Kuratorin Anna Brus. Insbesondere vor dem Hintergrund neu aufflammender Nationalismen und der wieder aufkommenden Rassismus-Debatte in der Gesellschaft gewinne Lips Versuch, die Perspektive auf „Fremde“ umzukehren, an Aktualität.

 

„Händler“ Unbekannter Künstler, Yoruba, Republik Benin, Westafrika, um 1900. Der Mann am Schreibtisch, ausgestattet mit Schreibfeder, Papier, Streusandbüchse, Tintenfass und Notizbuch erscheint wie ein Sinnbild kolonialer Bürokratie. © Rheinisches Bildarchiv Köln, Wolfgang F. Meier

 

Julius Lips, von 1928-1933 Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museums Köln, © Universitätsarchiv Köln

 

Buchcover Julius Lips wählte die Abzeichnung einer Schreckfigur als Motiv für sein Buchcover. Der zur Abwehr erhobene Arm erscheint hier als Anspielung auf den Hitlergruß. Foto © Rautenstrauch-Joest-Museum Köln 2018

 

Eindringlinge Im Zentrum der Ausstellung stehen 15 herausragende Europäer-Darstellungen. Sie zeigen Matrosen und Soldaten, Missionare, Händler, Siedler und Kolonialbeamte. Neuere Forschungen ermöglichten es, die vielfältigen Geschichten dieser Objekte zu rekonstruieren.

     Sie verdeutlichen die kreativen Strategien indigener Künstler in der Begegnung mit fremden Bildsprachen und neuen Techniken und Waren, die die Europäer mitbrachten. Zwischen Aneignung und Abgrenzung vom Fremden spiegeln die Objekte die gesellschaftlichen Umbrüche der Kolonialzeit.
     Während die indigenen Künstler bei Lips namenlos bleiben, lassen sich heute die Biografien zweier Künstler, so das RJM, rekonstruieren. In der Ausstellung werden sie als Zeitgenossen der europäischen Moderne präsentiert.

 

Der Provokateur Die Ausstellung thematisiert die bis heute kontrovers diskutierte Figur Julius Lips und zeigt sein Wirken während der Weimarer Republik.

     Lips, ein gebürtiger Saarländer, war Professor für Völkerkunde und Soziologie an der Universität Köln und bis Oktober 1933 Direktor des Kölner Museums für Völkerkunde, heute Rautenstrauch-Joest-Museum.

     Schon zu Lebzeiten polarisierte er: Einerseits galt er als innovativer und charismatischer Wissenschaftler und Kurator, andererseits ist seine rheinische Zeit geprägt von Plagiatsvorwürfen und Gerichtsprozessen. 1933 wurde er – unter anderem wegen seiner Mitgliedschaft in der SPD – aus allen Ämter entlassen. Er verlor nicht nur seine Bezüge, Pensionsansprüche und sein Vermögen, ihm wurde ferner auch die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen.

     Über Frankreich emigrierte er 1934 mit seiner Frau Eva in die USA. Dort verfasste der Exilant „The Savage Hits Back …“, ein in Deutschland nur wenig bekanntes Werk. Das Buch stellte nicht nur eine Attacke gegen das Überlegenheitsdenken der „Kolonialherren“ und das NS-Herrenmenschentum dar, es bezog sich zugleich auf Lips persönliche Entrechtung, die er damit öffentlich anprangerte. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehnte Julius Lips es 1949 ab, einen Lehrauftrag an der Kölner Universität zu übernehmen. Er folgte einem Ruf an die Universität Leipzig, deren Rektor er später wurde.

 

Schon in der Einleitung seiner durchaus bedeutsamen Publikation erinnert der Autor an den millionenfachen Sklavenhandel und die Zerstörungen durch den Kolonialismus. Das Buch löste beim Erscheinen einen Skandal aus: In Deutschland wurde es vom NS-Regime sofort verboten, im englischsprachigen Ausland dagegen als antifaschistisches Werk gefeiert. Bis heute ist die Person Julius Lips Gegenstand wissenschaftshistorischer Debatten. Darüber hinaus sind sein ethnologisches Werk und sein Wirken als Kurator am RJM in Vergessenheit geraten. Beides wird in der Ausstellung thematisiert.
Klaus M. Martinetz

 

Die Ausstellung „Der Wilde schlägt zurück“ wird bis zum 3. Juni 2018 gezeigt.

Rautenstrauch-Joest-Museum
– Kulturen der Welt –

Cäcilienstraße 29-33
50667 Köln
Tel. 0221 22 131 301
Öffnungszeiten
DI – SO 10 bis 18 Uhr
DO 10 bis 20 Uhr
DO im Monat 10 – 22 Uhr

 

 

                     

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