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rheinische ART 03/2018

Archiv 2018

KLAUS STAECK
Kunstrebell und Schienbeintreter

 

Darf der das? Darf das die Kunst? Muss das sein? Polemischer Phrasendrescher! So oder ähnlich lauteten schon vor 40 Jahren die offenen oder hinter vorgehaltener Hand abgegebenen – eher noch harmlosen – Kommentare, wenn der gelernte Rechtsanwalt Klaus Staeck seine Plakate in der Öffentlichkeit platzierte.

 

Klaus Staeck Coca Cola I, 1970 Siebdruck, 62,7 x 90 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Fotoquelle Museum Folkwang

 

In der guten alten Bonner Republik war der Umgang mit Zeitgenossen wie Staeck im Ton oft rau, gelegentlich handgreiflich.

     Klaus Staeck (*1938), der Buhmann, Spötter, Berufsprovokateur und Meister der Ungezogenheiten wurde bewundert, gefeiert, gehasst und verteufelt, je nach dem, von welcher Seite die Reaktionen kamen. Auf jeden Fall brachte er so manchen Politiker und Wirtschaftsmanager zur Weißglut. Seine Darstellungen waren eben für den einen treffend, für den anderen eine Beleidigung – diesen Balanceakt vollführte Staeck mit großem Erfolg immer wieder.

 

Klaus Staeck Die Gedanken sind frei, 1979 Offsetdruck, 84,2 x 59 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Fotoquelle Museum Folkwang

 

Das Museum Folkwang würdigt den politischen Aktivisten und Kunstautodidakten zum 80. Geburtstag nun mit einer der größten bislang aufgelegten Einzelausstellungen. Mit seinen Plakaten, so das Haus, habe Staeck eine Wirkung erzielt wie kaum ein anderer vor ihm.

     Die Ausstellung „Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe“ bietet rund 200 der bekanntesten Plakate, Postkarten und Multiples und gibt erstmals einen umfangreichen Überblick über die frühe Druckgrafik des Plakatgestalters. Die waren bislang nur selten zu sehen.


Seit den 1960er Jahren arbeitet sich der Heidelberger Grafiker, Jurist, Verleger und Plakatprovokateur pointiert und scharfsinnig an gesellschaftlichen Themen und politischen Krisen ab. Bis heute unverändert kritisch, wenngleich auch mit zunehmender Altersmilde.

     Er erzielt mit seinen Plakaten immer wieder Wirkungen im öffentlichen Raum, weil er das Medium – auch wenn dieses an Bedeutung in der Medienlandschaft eingebüßt hat – gezielt als Projektionsfläche für politische Einmischungen in der Gesellschaft nutzt.

     Staecks vielschichtige Affronts treffen oftmals den Nerv der Zeit. Sein Name steht in Deutschland längst als Synonym für provokative Plakatkunst, das „StaeckPlakat“ gilt als Marke. Mit fast jedem Entwurf enthüllt er einen Missstand. Seine optischen und textlichen Sticheleien, Seitenhiebe und Schienbeintritte regen zum Nachdenken über Gesellschaft, Kunst und Politik an.

 

 Klaus Staeck Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen, 1971 Offsetdruck, 83,4 x 58,5 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Fotoquelle Museum Folkwang

 

Klaus Staeck Würden sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?, 1971 Offsetdruck, 86 x 61,3 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Fotoquelle Museum Folkwang

 

Einige der Arbeiten haben sich ins kollektive Bildgedächtnis der Bundesrepublik Deutschland eingeprägt, heißt es im Museum Folkwang. Mit den zwei 1972 erschienenen Postern Die Reichen müssen noch reicher werden. Deshalb CDU (Auflage 44.000 Exemplare) oder Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen! (Auflage 75.000 Exemplare) avancierte er zu einem wichtigen Protagonisten in den politischen Debatten der Bundesrepublik.

     Und viele Arbeiten haben an Aktualität nicht eingebüßt. Staecks Umwelt-Plakat Alle reden vom Klima – wir ruinieren es ist ein solcher Fall. 1988 für Greenpeace entwickelt bezog sich die Fotocollage auf die FCKW-Problematik und den Treibhauseffekt und zeigte zwei Manager der Hoechst AG und der Kali Chemie. Dreißig Jahre später bräuchte der Künstler mit Blick auf die Autoindustrie nur noch die Fotografien auszutauschen.

 

Staecks spätere, teils sehr auflagenstarke Plakatproduktion ist ohne die Auseinandersetzung mit der Druckgrafik nicht denkbar. Ein besonderer Akzent der Essener Retrospektive liegt daher auf den frühen abstrakten Holzschnitten und den sich für Massenauflage eignenden Siebdrucken, die den Weg zum ersten Plakat des Künstlers in dieser Technik, das unter dem Titel Sozialfall 1971 herauskam, ebneten.

     Das bekannte Motiv, eines von mehreren Düreradaptionen Staecks, zeigt Dürers 63-jährige Mutter, begleitet von dem Text Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?. Das Werk  traf im Kontext des in jenem Jahr gefeierten Nürnberger Dürer-Jubiläums und des damaligen Wohnungsmangels ein Zentralproblem der urbanen Gesellschaft in Deutschland.

 

Die Brisanz seiner wirkmächtigen Darstellungen und satirischen Slogans führte zu 41 Prozessen, von denen er bis heute keinen verlor. Unvergessen: Der sogenannte „Bonner Bildersturm“! Wem dies spontan nichts sagt, dem sei folgender Vorgang in Erinnerung gerufen.

     Am 30. März 1976 eröffnete der SPD-Abgeordnete und spätere Bundesminister für Forschung und Technologie, Volker Hauff, eine von ihm arrangierte Ausstellung von Staeck-Plakaten in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (DPG) in Bonn, die sofort und heftig auf Kritik stieß. Der CDU-Politiker und spätere Bundestagspräsident Phillip Jenninger und andere Unionsvertreter rissen drei Plakate von der Wand. Eines zeigte Gefangene hinter Gittern und textete: Seit Chile wissen wir genauer, was die CDU von Demokratie hält. Und wie stets, wenn Kunst verdeckt, beschädigt, zerstört oder zwangsweise entfernt wird, ging es auch hier nicht um die Qualität der Druckwerke sondern um die Botschaft, die Idee, die sich hinter ihnen verbarg.  Noch am selben Abend wurde die kleine Poster-Schau geschlossen, da die Politikerseelen kochten und Handgreifliches zu befürchten war.

 

Klaus Staeck Die Kunst ist frei, 1987 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Fotoquelle Museum Folkwang

 

Staeck verklagte Jenninger daraufhin, der in einem Gerichtsprozess zum Schadenersatz für die Plakatzerstörung verurteilt wurde: 10 DM (Deutsche Mark) für den Plakatschaden, 35 DM für die Anwaltskosten Staecks und 18 DM für die Gerichtskosten.

     Ob das alles mehr Gaudi als Genugtuung in Sachen Meinungs- und Kunstfreiheit für den Plakatgestalter bedeutete – man weiß es nicht. Klaus Staeck, der politisch-satirische Künstler, ist heute Teil der deutschen Kunstgeschichte. In einem Interview bekannte er einmal, er sehe sich selbst als Vernunftsmensch, der immer darauf vertraute, „etwas Vernünftiges und Notwendiges zu tun“.

Claus P. Woitschüzke

 

Den Kern der Folkwang-Ausstellung bilden Plakate aus dem Zeitraum von 1971 bis 2017. Darüber hinaus gewährt die Ausstellung Einblicke in den technischen Entwicklungsprozess der Plakatproduktion im vordigitalen Zeitalter.


Die Ausstellung „Klaus Staeck - Sand fürs Getriebe“ kann bis zum 8. April 2018 besucht werden.
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
T +49 201 88 45 444
Öffnungszeiten
DI, MI 10 – 18 Uhr
DO, FR 10 – 20 Uhr
SA, SO 10 – 18 Uhr

 

 

 

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