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rheinische ART 06/2015

Archiv 2015

NS-SPORT IN KÖLN
„Lernt Boxen, ihr Jungen!“


So tönte 1935 die auflagenstarke und subtil rassistisch ausgerichtete NS-Schülerzeitschrift „Hilf mit!“ und blickte dabei auf die Olympischen Spiele ein Jahr später in Berlin. Sport war in der NS-Zeit von besonderer Bedeutung. Denn Leibesübungen und körperliche Ertüchtigung galten als Grundpfeiler des NS-Erziehungsprogramms.

 

Sportler in Reih und Glied. Aufmarsch einer ASV-Mannschaft auf dem Sportplatz der Ordensburg Vogelsang (mehr), Juni 1938. Der 1929 gegründete "Akademische Sportverein" der Universität Köln wurde 1936 umbenannt in Athletik-Sportverein Köln e.V., Foto © Kölner Sportgeschichte e.V.

 

Dies vor allem im Hinblick auf die „Wehrhaftigkeit“ und das spätere Soldatentum der jungen Menschen. Der gesunde und sportlich trainierte Körper wirkte zudem im Rahmen der damals propagierten Rassenlehre als Auslesekriterium.

 

Für 10 Pfennig Indoktrination: Hilf mit! Illustrierte Deutsche Schülerzeitung, Heft Nr. 5 1935. Foto © NS-Dok Köln

 

Sonderausstellung  „Siegen für den Führer. Der Kölner Sport in der NS-Zeit“ heißt die aktuelle Ausstellung im Kölner NS-Dokumentationszentrum. Sie thematisiert die Sportentwicklung einer deutschen Großstadt in der Zeit des Nationalsozialismus.

     In Köln wie in anderen deutschen Städten übernahmen die NS-Vertreter nach ihrer Machtübernahme den Sport und andere gesellschaftliche Felder fast geräuschlos und instrumentalisierten ihn für ihre Ideologie.

     Es sei, so der Leiter der Doku-Stelle Werner Jung bei der Eröffnung, überhaupt das erste Mal, dass sich eine deutsche Stadt diesem Kapitel widme.


Mit Rhönrad und Medizinball Der Sport habe, so Jung weiter, sowohl massenpsychologische Aspekte umfasst als auch eine propagandistische Wirkung entfaltet. Bei großen Erfolgen deutscher Athleten sei es beispielsweise üblich gewesen – wie 1936 in Berlin deutlich wurde – „nicht dem Sport und dem Sportler zu danken, sondern dem Führer“, erläuterte die Sportexpertin und Kuratorin Gabi Langen.
      Anfang der Dreißigerjahre trieben über 45.000 Kölner Sport und waren 481 Sportvereine registriert. Auf der Basis dieser ausgereiften und vielfältigen Sportinfrastruktur und den Programmen der etablierten Turn- und Sportbewegung, die sich in Köln seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hatte und in den Zwanzigerjahren eine regelrechte „Blütezeit“ erlebte, wurden Sport und Leibesübungen nach 1933 systematisch in den NS-Machtapparat integriert.

 

Aufruf der Deutschen Arbeitsfront und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ des Gaus Köln-Aachen,  Betriebsport-Gemeinschaften zu gründen. Foto © NS-Dok Köln

Gleichschaltung   Die Ausstellung reflektiert die daraus resultierenden Veränderungen im Kölner Vereins- und Verbandswesen, die Auswirkungen auf die jüdische, konfessionelle und Arbeiter-Sportbewegung sowie die Entwicklung in Betrieben, Schulen und Parteiorganisationen.

     Mit der Gleichschaltung ab 1933 wurden die Arbeitersportvereine aufgelöst, jüdische Bürger durften in „bürgerlichen“ Vereinen nicht mehr Mitglied sein, die Nutzung städtischer Sportanlagen wurde ihnen untersagt. Die geduldeten jüdischen Vereine verzeichneten zwar steigende Mitgliederzahlen, 1938 wurden sie jedoch endgültig verboten.


Sportstadt der Nation Im Rahmen der propagandistischen Bestrebungen der Nationalsozialisten spielten vor allem die Olympischen Spiele 1936 eine Rolle. Diesem Aspekt widmet die Ausstellung ebenfalls Raum und erinnert daran, dass sich 1930 auf Betreiben des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer die Stadt Köln beim Internationalen Olympischen Komitee um die Ausrichtung der Spiele beworben hatte.

     Kölns Sportstätten-Szene war zu dem Zeitpunkt mit dem neuen Müngersdorfer Sportpark beispielhaft. Die Rheinmetropole war zudem Austragungsort von Fußball-Länderspielen (1927, 1928) und des Deutschen Turnfestes 1929 gewesen. Das Image „Sportstadt der Nation“ wurde von der Stadt gezielt gepflegt.

 

 

Der Kölner Radprofi Albert Richter (1912-1940) wurde denunziert und kam im Januar 1940 im Gerichtsgefängnis Lörrach ums Leben. Foto © www.rheinische-geschichte.lvr.de

 

Der Kölner Hermann Wingens wurde bei den Deutschen Boxmeisterschaften des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten im Februar 1936 in Berlin Reichsmeister im Fliegengewicht. 1940 floh er in die Niederlande und überlebte dort das Sammellager Westerbork. Foto © NS-Dok Köln

Täter, Mitläufer, Opfer Wie aber entfaltete sich konkret ab 1933 die Wirkung der NS-Sportanschauung auf der lokalen Ebene? Wie wurde Sport unter Gleichschaltung und NS-Kontrolle betrieben oder wie verhielten sich Kölner Spitzensportler, Funktionäre oder Sportjournalisten in jenen Jahren? Die Ausstellung gibt auch hier mit Hilfe zahlreicher Biografien Antworten. Dargelegt werden etwa die Schicksale und Sportwege der Randrennfahrer Albert Richter und Toni Merkens, der Kunstfliegerin Liesel Bach oder der Tennisspielerin und ersten deutschen Wimbledon-Siegerin Cilly Aussem.

     Die erfolgreiche Sportkarriere des regimekritischen Kölner Radprofis Albert Richter endete tragisch. Nach versuchtem Devisenschmuggel im Dezember 1939 wurde er an der Grenze zur Schweiz verhaftet. Der einst beste rheinische Amateur-Sprinter, siebenfache Deutsche Meister und zweimalige Vizeweltmeister kam am 2. Januar 1940 unter ungeklärten Umständen in der Haft um. Erst 1995 erhielt die Kölner Radrennbahn in Erinnerung an diesen großen Radsportler seinen Namen.

     Auch die widersprüchliche Rolle von Carl Diem (1882-1962), langjähriger Sportfunktionär und Pionier der deutschen Sportbewegung, während der NS-Zeit wird längst unterschiedlich gewertet. Diem half jüdischen Bekannten, vertrat gleichzeitig aber die Nazi-Ideologie und war Reichssportführer. 1947 wurde er Direktor der neu gegründeten Kölner Sporthochschule, 1949 war er in Bonn Gründungsmitglied des NOK. Im Jahre 2011 wurde in Köln eine nach ihm benannte Straße nach heftigen Diskussionen umbenannt.


Die lllustrierte „Hilf mit!“ wurde 1933 bis 1944 vom NS-Lehrerbund in einer monatlichen Auflage von fünf Millionen Exemplaren an fast alle deutschen Schüler ab zehn Jahren verteilt. Sie galt seinerzeit als die auflagenstärkste Jugendzeitschrift weltweit und indoktrinierte eine ganze Generation deutscher Jugendlicher. Der verstorbene Literaturnobelpreisträger Günter Grass vermerkt in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“, dass ihn ein Wettbewerb in „Hilf mit!“ zu ersten Schreibversuchen animiert habe.
Bra/K2M

 

Die Sonderausstellung „Siegen für den Führer. Kölner Sport in der NS-Zeit“ läuft bis zum 4. Oktober 2015.


NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Appellhofplatz 23-2

50667 Köln
Tel. 0221-2212-6332

Öffnungszeiten

DI - FR 10 – 18 Uhr

SA, SO 11 - 18 Uhr

1. DO im Monat (außer an Feiertagen) 10 - 22 Uhr

 

 

 

 

 

 


 

 

  

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