rheinische ART
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rheinische ART 04/2012

 

ARCHIV 2012

Vor dem Gesetz: Komplex, politisch und ein Plädoyer für das Museum

 

Du kommst hier nicht rein

 

 

Pawel Althamer, Bródno People, 2010, Verschiedene Materialien, 252 x 600 x 165 cm, Foto: Achim Kukulies, © Pawel Althamer, Courtesy Sammlung Goetz

 

Es bedarf wohl eines Kurators wie Kasper König, einer Sammlung wie der des Museums Ludwig und einer Stadt wie Köln, um eine solche Ausstellung machen zu können. In der Schau Vor dem Gesetz geht es um nichts geringeres als um die Fragen nach der menschlichen Existenz und Würde. Objekte sind Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst, die gemeinsam präsentiert das Thema aufgreifen: „Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“ Schon der Titel - zurückgehend auf Franz Kafkas Erzählung Vor dem Gesetz - vermittelt, dass die Ausstellung nicht mit Normalmaß zu messen ist.

 

Figurative Skulpturen der Nachkriegszeit

 

Germaine Richier, Le Griffu, 1952, Bronze
89 x 98 x 85 cm, Museum Ludwig, Köln
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011

 

Ausstellungsansicht: Der fast 10 m hohe Tree von Zoe Leonard, 1997/2011, im Hintergrund Alberto Giacomettis La jambe, 1958 und Marino Marinis Miracolo, 1953, Foto rArt

Die grundlegenden Fragen nach der Würde stellen Menschen sich erst angesichts grausamst Erlebtem. In der jüngeren Geschichte war es der Zweite Weltkrieg, der in seiner unermesslichen Gnadenlosigkeit und dem Willen zur Zerstörung an seinem Ende die Menschen vor diesen Fragen unerbittlich stehen ließ. Künstler als Seismografen ihrer Gesellschaft verarbeiteten in der Nachkriegszeit das existentielle Trauma in ihren Werken und schufen so eine aus heutiger Sicht einmalige Dokumentation.
    Zwar voller Ästhetik bleibt dem Betrachter doch ein schöner Anblick verwehrt. Denn die Figuren schauen nach unten, nach oben, zur Seite, oder sind so groß, dass ihnen auf Augenhöhe nicht begegnet werden kann. Ihre Qual, ihre körperlichen oder seelischen Verletzungen sind ihnen anzusehen, den brüchigen, gebeugten, gefesselten, melancholischen Gestalten, die nie Kontakt zum Betrachter aufnehmen.
   Pathos ist ihnen nicht eigen, vielmehr sind es ihre Direktheit und Dramaturgie, die eine eigene unmittelbare Botschaft haben. Sie bieten keine Interpretationsfläche, bieten keinen Raum für individuelle Spekulationen sondern zeigen auf, was sie sind: der künstlerische Ausdruck von Sprachlosigkeit und Elend einer vernichtenden Geschichte.

 

Zeitgenössische Positionen

 

Die Würde des Menschen, seine Existenz, seine Verletzlichkeit, sind künstlerischer Gegenstand auch der zeitgenössischen Positionen. Sicherlich ist es dem guten halben Jahrhundert geschuldet, das zwischen der Entstehung der Arbeiten liegt, dass neue kreative Räume und Sichtweisen entstanden. Künstler wie Henry Moore, Ossip Zadkine, Gerhard Marcks oder Wilhelm Lehmbruck schufen beseelt vom eigenen Kriegserleben ihre Werke. Zeitgenössische Kreative unseres Kulturraums treffen unter ganz anderen persönlichen wie gesellschaftlichen Voraussetzungen auf Menschenrechtsverletzungen. Die Frage nach der Gesetzmäßigkeit und den Bedingungen menschlicher Existenz ist anders zu stellen. Zudem sind sie weniger bis gar nicht direkt Betroffene und können oft nur inspiriert vom Thema arbeiten. Was nicht heißt, dass die Intensität der Aussage nachlässt. Aber das Deutungspotential wächst mit der künstlerischen Freiheit.

 

Paul Chan, Sade for Sade's sake, 2009, Digitale Projektion, Foto: Achim Kukulies
© Courtesy of the artist and Greene Naftali, New York


Ist Thomas Schüttes monumentale Figur „Vater Staat“ noch beeindruckend und übermächtig und bewirkt Bruce Naumans „Carousel“ durch die bildhafte Darstellung roher Gewalt aufgehängter Tiere noch Abscheu und Entsetzen, löst Karla Blacks abstrakt-geordnete Arbeit „Nature Does The Easiest Thing“ mit dem Gebrauch von Pastellfarben und weißem Gipsboden keine Beklemmung, aber Fragen nach der Beliebigkeit aus. Will man Phyllida Barlows (Preisträgerin Kunstpreis Stadt Aachen 2012 mehr) „staircase“ und „balconies“ im Kontext der Ausstellung verstehen, lohnt ein Blick in den Katalog.

 

Phyllida Barlow, hängend untitled: balconies (Baumwollstoff, Zement) und stehend untitled: staircase, 2010,(Holz, Hartfaserplatte, Gips, Farbe) Museum Ludwig, Köln, Foto: Achim Kukulies, © Phyllida Barlow and Hauser & Wirth

 

Zwei Kuratoren

 

Die Lesarten sind vielfältig und manchmal, so scheint es, ist es nicht das, was man sieht. Kaspar König hatte als weiteren Kurator Thomas Trummer (*1967) gebeten, an der Ausstellung mitzuwirken. Trummer, deutlich jünger als König, brachte nicht nur seine wissenschaftliche Arbeitsweise und sein kunsthistorisches Wissen ein sondern nahm sich auch die kuratorische Freiheit, bekannte Kunstwerke aus ihrem Umfeld herauszulösen und völlig neu im Sinne der Ausstellungsthematik zu betrachten. Dies betrifft zwei Skulpturen, beide Bestandteil der Sammlung des Hauses, von Ulrich Rückriem und Carl Andre. Es überrascht, diese Künstler in diesem Kontext anzutreffen, dies muss man auch nicht gut finden, zeugt aber von dem Respekt und der Toleranz, mit der diese Ausstellung kuratiert wurde.

 

Ein anderes Erleben von Kunst

 

Thomas Schütte, Vater Staat, 2011, Stahl,

Höhe: 383 cm, Im Besitz des Künstlers
Foto: Achim Kukulies, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Die Qualität dieser Ausstellung wird nicht an den Besucherzahlen eines Blockbusters gemessen werden. Zu speziell ist ihr Thema mit Humanität und Menschenwürde und vielleicht ist es heute sogar unpopulär. Dass Vor dem Gesetz im internationalen Kunstbereich große Aufmerksamkeit findet, ist unstrittig.
    Doch der Direktor Kasper König verbindet mit seiner letzten programmatischen Ausstellung für das Haus noch ein weiteres Ziel. Fernab von betörenden Bildern und einem Wohlfühl-Angebot von Kunstgenuss zeigt die Schau noch eine ganz andere Realität auf. Sie will aufmerksam machen auf ein neues, anderes Erleben von Kunst an einem Ort, der wie geschaffen ist für die produktive Auseinandersetzung mit dem, was Kunst ist, kann oder nicht kann: dem Museum.

   Versteht man Kunst als Ausdruck eines Gedächtnisses von Zeitepochen und Geschichte, gibt es keinen besseren Ort als ebendiesen, denn hier wird Kunst gesammelt, bewahrt und wissenschaftlich aufbereitet. Kunst als kulturelles Gedächtnis und das Museum als Ort, wo Auseinandersetzung stattfinden kann, ist auch eine Botschaft.
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „Vor dem Gesetz“ ist eine Kooperation des Museum Ludwig und der Siemens Stiftung (mehr). Sie ist bis zum 22. April 2012 zu sehen.
Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz
50667 Köln
Tel. 0221 / 221 26165

Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 18 Uhr
Jeder 1. DO im Monat 10 – 22 Uhr

 

 Titelgebende Parabel und Metapher für das Thema der Ausstellung ist Kafkas gleichnamige Kurzgeschichte. Sie erzählt, wie ein Mann vom Lande um Einlass in das Gesetz bittet. Ein Türhüter verwehrt ihm den Zugang und vertröstet ihn immer wieder auf einen möglichen späteren Zeitpunkt. Der Mann vom Lande bleibt sein ganzes Leben lang in wartender Position vom Gesetz ausgeschlossen.

 

 

Fotos Museum Ludwig, Köln (5), rArt (1)

© rheinische-art.de

 

 

 

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