rheinische ART
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rheinische ART 05/2012

 

ARCHIV 2012
Turner und Claude in London

 

Liaison in Licht

 

 

Der Engländer war hingerissen von den Werken des gebürtigen Franzosen. „Rein wie italienische Luft“, so pries William Turner Claude Lorrain´s Darstellungen von Licht in dessen idealisierten, paradiesisch wirkenden Landschaftsgemälden. Der Mann aus Lothringen - heimlicher, aber eigentlicher Star dieser Präsentation - wurde zu Turners großem Inspirator. Wie stark sich der beliebte und berühmte englische Maler, ein führender Vertreter der Romantik, künstlerisch an sein Idol anlehnte, lässt die große Ausstellung in der Londoner National Gallery erkennen.

 

ES IST DIE erste große Bilderschau, die sich ausgiebig mit dem Einfluss von Claude Lorrain (1600-1682) auf die Malerei Turners beschäftigt. Die lyrisch-romantischen und zeitlos klassischen Landschaftsbilder Claude Lorrain´s mit ihren arkadischen, will sagen glückseligen, verträumten und friedvollen Szenerien, sorgten bereits zu Lebzeiten ihres Schöpfers für enorme Nachfrage und hohe Preise.

 

Claude (1604/5?˗1682), Seaport with the Embarkation of the Queen of Sheba,

(Seehafen mit Einschiffung der Königin von Saba), 1648,

Öl auf Leinwand, 149.1 x 196.7 cm © The National Gallery, London 

 

Zauber des Lichts

 

Claude Gellée, auch der Lothringer (Le Lorrain) oder einfach nur Claude genannt, stammte aus der Nähe von Nancy und kam als Jugendlicher nach Rom, wo er im Wesentlichen Zeit seines Lebens blieb. Ab seinem 30. Lebensjahr war er als grandioser Maler von groß angelegten, historischen Landschaften und idealisierten Architekturen bekannt. Seine Gemälde - zunächst vor allem in Italien und Frankreich geschätzt - hingen in kirchlichen und fürstlichen Häusern, einschließlich vatikanischer Immobilien. Der Barockkünstler, der als einer der wichtigsten Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts gilt, unterhielt erstaunlicherweise keine große Werkstatt und gab seine Kunst kaum an Schüler weiter.

   Claude galt vor allem als unübertroffener Meister in der Wiedergabe von Licht und Atmosphäre – eine Kunst, die den jungen Joseph Mallord William Turner (1775-1851), den bedeutendsten englischen Maler des 19. Jahrhunderts, bereits beim ersten Kontakt mit Werken Claudes offenbar über alle Maßen beeindruckte. Ein Zeitgenosse Turners, so die National Gallery, habe bemerkt, dass William Turner beim ersten Anblick des Bildes „Seehafen mit Einschiffung der Königin von Saba“ aus dem Jahre 1648 unbeholfen wirkte, emotional und aufgeregt reagierte und in Tränen ausbrach. Wenig erstaunlich daher, dass sich Turner zu Beginn seiner Karriere stark, um nicht zu sagen fast kopistenhaft, und später - im Zuge seiner Hinwendung zur Moderne mit impressionistischen und abstrakten Darstellungen – kaum noch erkennbar an seinem großen Vorbild orientierte.

 

Joseph Mallord William Turner (1775˗1851), Keelmen Heaving in Coals by Night,

1835, Öl auf Leinwand, 92.3 x 122.8 cm © Image courtesy of the Board of Trustees,

National Gallery of Art, Washington, DC Widener Collection 1942.9.86

 

Bewunderung in England

 

Große und bedeutende Teile von Claudes Œuvre, das etwa 250 Gemälde, über 40 Druckgrafiken und rund 1.200 Zeichnungen umfasste, gelangten nach der Französischen Revolution auf die Britische Insel. Dort war der französische Italien-Maler enorm gefragt. Vermögende englische Sammler zahlten seinerzeit bereits horrende Preise für die Landschaftsbilder und die Spätwerke mit den typischen biblischen und mythologischen Motiven. Impulse setzten Claudes Ästhetik und sein idealisierenden Stil dabei nicht nur für die Malerei, sondern auch für die Gartenbaukunst, vorzugsweise in England. Bis heute befinden sich die meisten seiner Arbeiten in englischen Sammlungen. In deutschen Häusern sind hochkarätige Meisterwerke des Franzosen eher rar.

 

John Thomas Smith (1766-1833)
Portrait of J M W Turner in the Print Room in the British Museum
Watercolour over pencil on paper
© The Trustees of The British Museum, London (1885,0509.1648)

 

   Die Werke Claudes waren bereits im 18. Jahrhundert für zahlreiche Kreative in der bildenden Kunst richtungsweisend und stilbestimmend. Seine „weiche Lichtkunst“ faszinierte nicht nur William Turner nachhaltig. In Italien arbeitende Landschaftsmaler wie etwa der Deutsche Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829) ließen sich ebenso von dem Meister anregen. Tischbeins wohl berühmtestes Ölgemälde „Goethe in der Campagna“, 1787 in Rom geschaffen, zeigt entsprechende Ansätze. Der portraitierte Dichter selbst sah in Claudes Bildern realistisch wie anerkennend „die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit“.

   Die Ausstellung ist in sechs Kapitel gegliedert und weitgehend chronologisch aufgebaut. Sie legt ein Schwergewicht auf jene Motive Claudes, die besonders inspirierend auf William Turner gewirkt haben mussten. Darunter berühmte Hafen- und Meeresszenerien, die nach Ansicht des Museums stets eine besondere Bedeutung für die britische Identität hatten und Turner offenbar in den 1840er Jahren zur Schaffung spektakulärer Aquarelle mit großartigen Lichtwirkungen anregten. Dies führte dazu, dass der Engländer alsbald „The British Claude“ genannt wurde. Ein Maler, der keine Schwierigkeiten hatte, den Claude´schen Landschaftsstil künstlerisch brillant auf eine „British Scene“ zu übertragen. Zu sehen sind in London etwa 50 Turner-Bilder in Öl oder als Aquarell und ein gutes Dutzend Gemälde des berühmten Vorbildes.

 

Um eine Landschaftsansicht unter ästhetischen Aspekten im Sinne Claude Lorrains zu erhalten, wurde es im 18. Jahrhundert bei Reisenden und Malern populär, kleine, speziell präparierte und getönte Hohlspiegel zu benutzen. Diese sog. Claude-Gläser spiegelten, vor das Gesicht gehalten, die Szenerie im Rücken des Betrachters und schufen die Illusion eines in Farbe und Proportion idealisierten Landschaftsausschnittes, der an Gemälde Claude Lorrains erinnerte.

Das derzeit große Interesse an Claude Lorrain schlägt sich nicht nur in der Londoner Exposition nieder. Erstmals seit fast 30 Jahren gab es in Deutschland wieder eine monografische Claude-Lorrain-Ausstellung, die jüngst zu Ende ging. Das Frankfurter Städel Museum zeigte in Kooperation mit dem Oxforder Ashmolean Museum 130 Werke in der Präsentation „Die verzauberte Landschaft“.

Klaus M. Martinetz

 

Die Ausstellung „Turner Inspired: In the Light of Claude“ (Turner Inspired: Im Licht von Claude) wird bis zum 5. Juni 2012 gezeigt.

The National Gallery
Trafalgar Square
London

 

Öffnungszeiten:
täglich 10.00-18.00 Uhr (letzter Einlass 17.15 Uhr)
FR 10.00-21.00 Uhr (letzter Einlass 18.15 Uhr)

 

 

 

 

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