rheinische ART
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rheinische ART 08/2020

SANITÄR-KULTUR
Eine Sache mit Durchblick


Wer die Verriegelung gewissenhaft bedient ist im Vorteil. Denn dann verschwindet er als Nutzer hinter eine Art Milchglas. Und das ist gut so!

 

Die Glasfassade zeigt dem nach Erleichterung Suchenden, dass die Anlage nicht besetzt ist. Das Glas wird erst beim Verriegeln undurchsichtig. Hightech-Toilette im Yoyogi Fukamachi Mini Park, Tokyo, 1-54-1- Tomigaya. Foto © Nippon Foundation, Satoshi Nagare 2020

 

Der Nutzer, das ist nämlich der Toilettengänger, der eine der neuen öffentlichen „stillen Örtchen“ in Tokyo aufsucht. Der Clou: Es handelt sich dabei um durchsichtige Designer-Toiletten, deren intelligentes Glas bei Belegung der Kabine undurchsichtig wird.
     Transparente öffentliche Klosetts sind derzeit die neueste Attraktion in der 10 Millionen Menschen umfassenden Megametropole. Wo, wenn nicht hier im Land der unbegrenzten Hygieneregeln, wo Toiletten als „Orte des Glück“ gepriesen werden, die Klobrillen beheizt sind, Musik die ortsübliche Geräuschkulisse übertönt und die Gesäßdusche längst das konventionelle Klopapier ersetzt (mehr), kann eine solche technische Neuerung Raum greifen!

 

Shigeru Ban (*1957) gründete in Tokio 1985 sein eigenes Architekturbüro. Neben Häusern ist Ban in zahlreichen Projekten der Katastrophenhilfe engagiert. Er erhielt 2014 den Pritzker-Preis, 2017 wurde ihm der Mother Teresa Memorial Award für soziale Gerechtigkeit verliehen. Foto © Nippon Foundation 2020

 

Zwei derartige Hightech-WCs stehen in Tokyos beliebtestem Bezirk, dem geschäftigen Stadtzentrum Shibuya in zwei dort besucherstarken Stadtparks. Entworfen hat sie der mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete japanische Stararchitekt Shigeru Ban.
     Ban, in Europa für extravagante Architektur wie das Centre Pompidou Metz (2010), das La Seine Musicale in Paris (2017) und weitere Bauten etwa in Zürich bekannt, gilt als innovativer Baumeister. Seine Überlegungen zur Toilettenthematik: „Es gibt zwei Dinge, über die wir uns beim Betreten einer öffentlichen Toilette Sorgen machen, insbesondere die in einem Park“, wird er zitiert. „Das erste ist die Sauberkeit und das zweite ist, ob jemand drinnen ist.“

 

Beiden Problemen begegnet er, indem er seine Toiletten mit Glaswänden installieren ließ, die es jedem potenziellen Benutzer zunächst erlauben, von außen einzusehen. Erst wenn er das hochmoderne und hypersaubere „Glas-Häuschen“ betritt und die Tür verschließt, werden die Wände undurchsichtig. Damit ist die gewünschte Privatsphäre gesichert, sofern man den Verschluss nicht übersieht oder gar vergisst.
     Beide von Shigeru Ban entworfene, transparente Sanitäranlagen sind Teil eines umfangreichen Projektes namens „Tokyo Toilet“, das die Einrichtung neuer öffentlicher „Bedürfniskabinen“ im gesamten Stadtteil Shibuya zum Ziel hat.

 

Nachtansicht der Toilettenanlage im Gemeinschaftspark Haru-No-Ogawa. Die umgebenden Bäume werden vom sanften Licht der Toilettenkabinen beleuchtet. Die Ansicht zeigt die nicht geschlossene (unbelegte) Toilette. Foto © Nippon Foundation, Satoshi Nagare 2020

 

 

In Kooperation mit insgesamt 16 namhaften Architekten und Designern wie unter anderen Tadao Ando (mehr), Toyo Ito sowie dem Pritzker-Preisträger Fumihiko Maki, sind bislang fünf der neuartigen WC-Einrichtungen aufgestellt worden, ein Dutzend folgt in den kommenden Wochen. Ursprünglich sollte das „Tokyo Toilet Project“ mit der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele zusammenfallen, wie der Projektgründer „Nippon Foundation“ erklärt. Die Stiftung ist eine private, gemeinnützige Wohltätigkeitsorganisation, die sich auf soziale Innovationen konzentriert.

     Die Anlagen vom Reißbrett Bans in den Grünanlagen Yoyogi Fukamachi Mini Park und im Haru-No-Ogawa Gemeinschaftspark umfassen jeweils eine Damen-, Herren- und eine Mehrzwecktoilette. Die drei farbenfrohen öffentlichen Kabinen sind kostenfrei und nachts beleuchtet, was sie nicht nur anheimelnd laternenhaft erscheinen lässt, sondern auch sicher macht.
rART/cpw


Projektinformation:
Standort: Yoyogi Fukamachi Minipark und Haru-No-Ogawa Community Park, Tokyo / Japan
Design: Shigeru Ban
Kunde: Nippon Foundation
Status: vollständige, offene Anlage
Fotografie: Satoshi Nagare