rheinische ART
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rheinische ART 03/2012

 

ARCHIV 2012

Der rheinische Expressionist Helmuth Macke

 

 

Das "Blaue Zimmer"

 

 

 

 

Helmuth Macke (1891-1936), Selbstbildnis,

1911, Öl auf Leinwand, Kunstmuseen Krefeld
Foto: Kunstmuseen Krefeld, Volker Döhne

 

Für einen jeden Kunstfreund ist es ein wahr gewordener Traum in Ultramarinblau – Helmuth Mackes „Blaues Zimmer“. Das Zimmer meint ein Möbel-Ensemble für die Einrichtung eines Schlafraums. Es wurde vom Krefelder Künstler für seinen Freund, den Kunstsammler und Mäzen Karl Gröppel, bemalt. Mit träumerischen - auch erotischen - Motiven farbig gestaltet, zierte es ab Mitte der 1920er Jahre das bayerische Ferienhaus des Bochumer Maschinenfabrikanten.

 

 

Das exklusive Interieur überstand schadlos die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit und galt lange als verschollen. Jetzt ist das legendäre „Blaue Zimmer“ des rheinischen Expressionisten Helmuth Macke (1891-1936) restauriert in der Krefelder Villa Goecke wieder zu sehen.
   Den Besucher erwartet ein eher funktionales, mehrteiliges Schlafzimmer­-Ensemble mit Schrank und Kommode, Stuhl, Tisch und Bett. Die farblich ungewöhnliche Raumausstattung, die zusätzlich durch die intensiv gelbe Wandfarbe besticht, gestaltete der Maler Helmuth Macke für Gröppels Landhaus in Gollenshausen am Chiemsee. In der Ausstellung wird das bemalte Holzwerk durch eine an Delfter Keramik erinnernde Waschschüssel und zwei Wandbilder des Künstlers ergänzt. Einzelne Motive wie die nackt Badenden auf der Stuhllehne gehen auf Entwürfe des Jugendstilarchitekten Richard Riemerschmid zurück.

 

 

Das "Blaue Zimmer", wie es sich im restaurierten Zustand präsentiert


Es ist eine einzigartige Komposition für ein Schlafzimmer, geschaffen im Sinne eines universalen Kunstbegriffes – und wird als einziges heute noch vollständig erhaltenes Möbel-Ensemble eines rheinischen Expressionisten angesehen. Das „Blaue Zimmer“, so die Bezeichnung der Fachwelt, wird so realistisch wie möglich präsentiert: Vor einem, der ursprünglichen räumlichen Optik und dem atmosphärischen Arrangement nachempfundenen, Hintergrund. Geschaffen wurden die kunstvollen Dekor-Malereien - und dies ist neu - nach Erkenntnis der Restauratoren im Rheinland. Ursprünglich war davon ausgegangen worden, dass die Holzmöbel in Bayern bemalt worden seien. Ein aufgefundener Transportaufkleber verriet aber den Versand ab Bochum zum süddeutschen Landhaus des Mäzen.

 

Alte Ansicht des "Blauen Zimmers"

 

Blickfang ist sicherlich der intensivst mit träumerisch-erotischen Motiven bemalte Schrank

„Blaue Reiter“ und „Brücke“

 

Der Künstler Helmuth Macke, ein Cousin des wesentlich bekannteren Malers August Macke (mehr), war neben Heinrich Campendonk (mehr) und dem Hauptvertreter des Rheinischen Expressionismus, Heinrich Nauen, der jüngste Maler dieser Richtung mit Wurzeln in der niederrheinischen Samt- und Seidenstadt Krefeld. Macke ging 1906 mit 15 Jahren auf die örtliche Kunstgewerbeschule und wurde dort, gemeinsam mit Campendonk, drei Jahre lang unter anderem von dem progressiven niederländischen Jugendstil- und Glasbildkünstler Jan Thorn Prikker (mehr) unterrichtet. Zu seinen engeren Bekanntschaften zählten neben dem fast gleichaltrigen Campendonk der elf Jahre ältere Maler Heinrich Nauen sowie sein in Bonn wohnender Cousin August Macke. Durch sie kam Helmuth Macke bereits 1910 und damit recht früh in den Kreis der expressionistischen „Blaue Reiter“-Künstler im oberbayerischen Sindelsdorf, deren Einfluss seine Werke jedoch nicht grundsätzlich stilistisch bestimmte. Um 1912 baute Macke in seiner Berliner Zeit in der Künstlergruppe „Brücke“ enge Beziehungen zu Franz Marc und Erich Heckel auf.

 

Fast vergessen und wenige Einzelausstellungen

 

Nach dem Ersten Weltkrieg konzentrierte Helmuth Macke sein malerisches Schaffen örtlich zunächst auf Krefeld und Bonn. 1929 erhielt er den Rom-Preis der Villa Massimo und verkehrte dort mit den Künstlern Karl Schmidt-Rottluff, Georg Schrimpf und Heinrich Ehmsen. Ab 1933 wohnte und arbeitete Macke in Hemmenhofen auf der Bodensee-Halbinsel Höri, seinerzeit ein bevorzugter Raum der als „entartet“ diskreditierten deutschen Maler und Künstler, zu denen auch Macke gehörte. Bei einem tragischen Bootsunfall im September 1936 ertrank der rheinische Expressionist im Bodensee. Seine Werke wurden während der NS-Zeit nicht mehr gezeigt und teilweise vernichtet. Aus dem Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum wurden nachweislich 98 seiner Werke während der NS-Zeit entwendet. Ein Großteil seines privaten Kunstnachlasses in Form von Ölbildern und Aquarellen verbrannte 1943 bei einem Bombenangriff auf Krefeld.
   Die verbliebenen Werke Helmuth Mackes befinden sich heute vorwiegend in Museen in Krefeld, Bonn und Mönchengladbach. In Einzelausstellungen wurde sein Schaffen nur zwei Mal, nämlich 1956 und 1970, gewürdigt.

 

Die jetzt erstmals öffentlich ausgestellten Möbel wurden von dem Krefelder Galeristen Ralph Kleinsimlinghaus im Jahre 2011 eher zufällig in einem süddeutschen Auktionshaus aufgefunden, wo sie von den Erben des Bochumer Mäzens Karl Gröppel (1883-1962) veräussert wurden. Das Mobiliar war für Jahrzehnte unerkannt in einem Privathaus gelagert worden. Kleinsimlinghaus erwarb das Ensemble und ließ die Stücke aufwendig restaurieren. Bis Mai stellt er sie in seiner Galerie aus.
Claus P. Woitschützke


Die Ausstellung Helmuth Macke „Das Blaue Zimmer“ mit weiteren Werken des Künstlers und seiner Freunde Heinrich Campendonk, August Macke und Heinrich Nauen wird bis zum 6. Mai 2012 gezeigt.
Galerie Ralph Kleinsimlinghaus
Villa Goecke

Tiergartenstraße 57
47800 Krefeld
Tel. 02151 / 57 93 94 und 0172 / 240 28 32
Besichtigung:
MI, DO + SO 15 – 18 Uhr
und nach Vereinbarung

 

 

©Fotos Kunstmuseum Krefeld (1), Galerie Villa Goecke (3)

©rheinische-art.de

 

 

 

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