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rheinische ART 03/2013

 

ARCHIV 2013
Yue Minjun: Künstler des zynischen Realismus

 

Irre Lacher

 

Plakat zur Ausstellung

 

Seine Werke gehören zu den teuersten zeitgenössischen chinesischen Malereien, die in den letzten Jahren unter die Auktionshämmer kamen. Fast sieben Millionen US-Dollar brachte 2008 bei Christie´s in Hongkong eines seiner besten Frühwerke. Bekannt ist er durch sein einzigartiges Stilmerkmal: fleischfarbene, vollverzahnte, grinsende, lächelnde oder „lachende Männer“. Der Maler und Bildhauer Yue Minjun (*1962) hat jetzt seine erste große europäische Einzelausstellung in Paris.

 

Der Künstler ist der führende Vertreter der zeitgenössischen Avantgarde seines Landes und international ihr erfolgreichster Marktlieferant. Seine Gemälde werden dem Spezialgebiet „zynischer Realismus“ zugeordnet.

     Ein Begriff, den sein Landsmann, der einflussreiche Kunstkritiker Li Xianting in den neunziger Jahren geprägt hat und der für eine kritisch-spöttische Sicht auf die moderne Gesellschaft steht. Im Riesenland China hat sich seit den Ereignissen auf dem Pekinger Tiananmen-Platz 1989 der „zynische Realismus“ als eine wichtige Strömung innerhalb der gesellschaftskritischen Künstlerbewegung etabliert.

 

Grinsemänner

 

Yue Minjun, Isolated Island, 2010, Öl auf Leinwand, Collection of the artist, Beijing © Yue Minjun

Yue Minjun ist ein Individualist und Avantgardist, dessen markantes Motiv stets irre lachende Gesichter sind, in denen gerne Yues Gesichtszüge selbst mal vermutet, mal gesehen werden. Es sind Gesichter, die - auch kichernd - grotesk verzerrt, gefroren, verzweifelt oder gelegentlich wahnsinnig wirken; die einzeln oder wie geklont in Kohorten auftreten. Dazu oft auf Körper gesetzt, die in Form und Farbe von vielen als hässlich empfunden werden.

   Die Pariser Fondation Cartier pour l´art contemporain präsentiert derzeit eine Yue- Retrospektive mit dem Titel „Der Schatten des irren Lachens“ (L´Ombre du fou rire). Die gefeierten Bilder, in der letzten Dekade überwiegend zu Rekordauktionspreisen von Sammlern erstanden, verfehlen ihre Aufsehen erregende, unheimlich-anregende wie faszinierende Wirkung nicht, sind aber inhaltlich nicht jedermanns Sache. Yue dürfte mit seinen lachenden Gesichtern eine Gratwanderung zwischen politisch Korrektem und Unkorrektem beschreiten, denn seine Gesichter offenbaren. Der Betrachter kann in ihnen lustige, amüsante und sympathische Züge entdecken oder sich auch ratlos, bedrückt oder gar bedroht die Frage stellen, was denn nun das irre Lachen der uniform entstellten Gesichter auf den Bildern des Meisters bedeuten mag. Gut, dass dem Besucher reichlich Interpretationsspielraum und Freiheit für die eigene Fantasie bleibt.

 

Yue Minjun, The Execution, 1995, Öl auf Leinwand, Private Collection © Yue Minjun
 

 

Lachend in den Tod?

 

Etwa fünfzig Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen bietet die Schau. Mehrere Exponate waren bislang noch nicht öffentlich zu sehen. Es sind Werke in einer grell gefärbten Unverblümtheit, teilweise in beeindruckenden Megaformaten von über zwei Metern. Kunstkritiker wie Li Xianting und internationale Kunsthändler wie etwa die Saatchi Gallery in London haben Yue Minjuns verrückte Lacher als eine selbstironische Antwort, als eine kritische und sarkastische Reaktion auf geistiges Vakuum und Torheiten des heutigen Chinas interpretiert. Im Gegensatz zu dem politisch positionierten chinesischen Konzeptkünstler und Bildhauers Ai Wei Wei versteht sich Yue Minjun nach eigener Aussage allerdings nicht als militanter Kreativer.
   Yue Minjun repräsentiert jene Künstlergeneration, die während der Kulturrevolution aufwuchs und den radikalen wirtschaftlichen und sozialen Wandel seiner Heimat vom Agrar- zum nach wie vor kommunistischen Schwellenland und Global Player erlebte und in der Kunst verarbeitet. Das von ihm verwendete Motiv „lachender Mann“ mit dem stets gleichen Gesicht spiegelt das Uniforme, das in vieler Augen die chinesische Gesellschaft charakterisiert. Und das „Lachen“, betont Yue, ist das beste Mittel, um sich aus schwierigen Situationen zu retten.

 

Yue Minjun, The Sun, 2000, Acryl auf Leinwand, Private Collection © Yue Minjun

 

 

Portrait Yue Minjun in seinem Atelier, Beijing, 2007.
© Yue Minjun ,Photo courtesy Yue Minjun Studio

 

Yue Minjun wurde 1962 in der nordostchinesischen Ölregion um Daqing (Provinz Heilongjiang) geboren. Seine Kindheit war von der kommunistischen Einheitspartei der Chinesischen Volksrepublik und der Kulturrevolution unter Mao Zedong geprägt. Der junge Yue arbeitete wie seine Eltern zunächst auf den Ölfeldern im Nordosten, ab 1983 studierte der gelernte Elektriker am „Fine Arts Department“ der Hebei Normal University. Der spätere Meister des „gefrorenen Lachens“ trat erstmals 1987 mit seiner Kunst in der Studentenstadt Harbin an die Öffentlichkeit. Die entscheidende Inspiration für seine Stilrichtung lieferte 1989 offenbar ein Werk des Malers Geng Jianyi, dass das Gesicht des Künstlers als lachende Grimasse zeigte. In den frühen 1990er Jahren zog Yue nach Peking und verarbeitete fortan dort das Thema Lachen in seinen Arbeiten.
Claus P. Woitschützke

 

Die Ausstellung “L´Ombre du fou rire” (Der Schatten des irren Lachens) präsentiert sich bis zum 17. März 2013.
Fondation Cartier pour l´art contemporain
261 Boulevard Raspail
75014 Paris
Tel. 0033 (0) 1 42 18 56 50
Metrostation Denfert-Rochereau
Öffnungszeiten:
DI - SO 11 - 20 Uhr
MI 11 - 22

 

 

 

 

 

 

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