rheinische ART
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rheinische ART 02/2020

DESIGN GRUPPE PENTAGON
Der postmoderne Kick

 

Ab 1960 kam radikal neues und wegweisendes Design aus Italien. Manchmal schrill, kunterbunt und polymorph. Prominente Hauptvertreter: Ex-Olivetti-Designer Ettore Sottsass und die Memphis-Designer, Alessandro Mendini und das Studio Alchimia.

 

Wolfgang Laubersheimer Schreibtisch „Amazonas“, 1988, Photo: © Detlef Schumacher.com

 

Was sie verklebt oder verschraubt in die Welt stellten, lag im Grenzbereich von Kunst, Architektur, Alltagskultur und Design. Die Postmodernen aus Norditaliens Gestaltungszentren zwischen Mailand und Venedig waren lange tonangebend und weltweite Impulsgeber.

 

Wolfgang Laubersheimer desk „Amazonas“, Detail, 1988, Photo: © Detlef Schumacher.com

 

Ihr Wirken strahlte auch kräftig nach Deutschland aus. Denn hier brachen Anfang der 1980er-Jahre junge Generationen von Gestaltern und Kreativen mit den bis dahin landesweit vorherrschenden Stilrichtungen der sogenannten „Guten Form“.

     In der Öffentlichkeit heute fast nicht mehr präsent: das Kölner Designer-Kollektiv „Gruppe Pentagon“. An sie erinnert derzeit eine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK), wobei im Expo-Titel das Wort Design bezeichnenderweise gestrichen ist.

 

Die rheinische Gruppe gründete sich 1985 und bestand bis 1991 aus den fünf Mitgliedern Gerd Arens, Wolfgang Laubersheimer, Reinhard Müller, Ralph Sommer und Detlef Meyer Voggenreiter. Ihre neuen, radikalen Entwürfe für ein „Neues Design“ bestanden aus den damals völlig ungewöhnlichen Materialien Stahl, vorzugsweise in unbehandelter Form, Plexiglas, kombiniert mit Stein, Gummi und Leder sowie allerhand Gegenständen aus dem Alltag. In Summe gab „Gruppe Pentagon“ dem „Ganzen einen postmodernen Kick“, wie das MAKK betont.

 

Meyer Voggenreiter, shelf „Mai 68“, Detail, 1987, Photo: © Detlef Schumacher.com

 

Gerd Arens chandelier „Pentagon“, Detail, 1987, photo: © Detlef Schumacher.com

 

Das deutsche Design jener Jahre stand den schrillen, skurrilen und teils grobschlächtigen, ja hemmungslos schrägen Formen aus Italien in keiner Weise nach. Was da aus Köln kam, galt in Fachkreisen darüber hinaus als rebellisch, ironisch und humorvoll, wie zum Beispiel Meyer Voggenreiters Obstkisten-Regal (shelf) mit dem Titel "Mai 68".

     Und dies sorgte letztlich dafür, dass die Neuerer vom Rhein von sich Reden machten. Denn 1987 war das Kollektiv mit dem viel beachteten, heute als legendär geltenden Projekt „Café Casino“ Teil der documenta 8 in Kassel, danach ferner auf der Biennale in Sāo Paulo vertreten. Weitere Präsentationen gab es unter anderem in Mailand, Rotterdam und Wien. 

     Pentagonist Reinhard Müller bezweifelte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Rückblick auf die Kölner Zeit, dass Pentagon je eine Designergruppe war und ihre Mitglieder Künstler: „Wir saßen einfach zwischen allen Stühlen.“ Was sie auch immer sein mochten, in Köln, einem der damals nach New York wichtigsten Kulturorte, konnten sie ihre Ideen über „Möbelwürdigkeit“ ausleben. Lange ist es her! Auch das mit Köln!


Bemerkenswert: Die Inszenierung im MAKK wurde von den Pentagonisten selbst gestaltet und ist die erste gemeinsame Arbeit seit der documenta vor über 30 Jahren. Die Werke, die fast lückenlos aus Privatsammlungen stammen, sind als raumgreifende Installation in der zentralen Ausstellungshalle zu sehen. Um einen kulturellen und zeitgeschichtlichen Kontext herzustellen, sind die Möbel sozusagen als „Performer“ vor einer Filmcollage positioniert, die die 1980er-Jahre reflektiert.

 

Gruppe Pentagon, chair „d8“, 1987, Photo: © Detlef Schumacher.com

 

Ein markanter Bestandteil dieser Installation ist das „Café Casino“: Jenes Café also, das einst in Kassel in den Räumen einer ehemaligen Diskothek für 100 Tage installiert war. Das Café beinhaltete eigens gestaltete Möbel – wie beispielsweise die ikonischen d8-Stühle im Zick-Zack-Look – aber auch Objekte, die mittels des Pentagon-Stempels „umfirmiert“ wurden. So verwandelten sich Geschirr einer deutschen Porzellanmanufaktur oder Gläser eines ebenfalls deutschen Glasherstellers in Pentagon-Geschirr beziehungsweise Pentagon-Gläser.

     Diese Änderung der Autorenschaft war zum einen augenzwinkernde Provokation, zum anderen aber auch Zeichen der Auseinandersetzung mit tradierten Werten, wie das Museum betont. Im MAKK ist ein Teil des Cafés inklusive der damals zerstörten Stehtische anhand von Originalentwürfen nachgebaut worden und wird somit im Rahmen von Aktionen „wiederbelebt“. Ein interessanter Blick zurück in die wilde Zeit der Anti-Design-Bewegungen.
rART


Die Ausstellung „Design Gruppe Pentagon“ ist bis zum 26. April 2020 geöffnet.
Museum für Angewandte Kunst Köln
MAKK

An der Rechtschule
50667 Köln
Tel. 0221 / 221 267 14
Öffnungszeiten
DI – SO 10 - 18 Uhr

 

Zitierhinweis: "Sie waren fünf" in FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) vom 13.1.2020

 

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