rheinische ART
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rheinische ART 11/2015

Archiv 2015

PERSPEKTIVWECHSEL
Nippons unbekannte Schätze


Europa liebte und liebt japanische Kunst, den Japanern geht es umgekehrt genauso. Es ist allgemein fast unbekannt, aber vor gut 25 Jahren kauften japanische Museen und global agierende Unternehmen geradezu rauschhaft und offenbar ohne Budget-Limit wertvolle Kunst, darunter viel Impressionistisches, aus Europa.

 

Édouard Manet Junge mit Blumen (Jacques Hoschedé), 1876, Öl auf Leinwand © The National Museum of Western Art, Tokyo

 

Geblieben ist bis heute - trotz zwischenzeitlich reichlichen Abverkäufen - ein gewaltiger Kunstbestand, dessen teilweise zu damals horrenden Preisen erworbene Schätze nur selten ans Licht kommen.

 

Claude Monet Im Boot, 1887, Öl auf Leinwand © The National Museum of Western Art, Tokyo. Matsukata Collection

 

Edmond-François Aman-Jean Porträt einer Japanerin (Frau Kuroki), 1922, Öl auf Leinwand © The National Museum of Western Art, Tokyo. Matsukata Collection

 

Mehr als 100 dieser Spitzenwerke der frühen Moderne aus über 30 japanischen Sammlungen, die in dieser Konstellation überhaupt das erste Mal in Europe zu sehen sind, zelebriert derzeit die Bundeskunsthalle in Bonn. Titel der so ungewöhnlichen wie erstaunlichen Präsentation: „Japans Liebe zum Impressionismus. Von Monet bis Renoir.“

     Kulturstaatsministerin Monika Grütters betonte in ihrer Grußadresse, dass „Kunst eine Sprache spricht, die in völlig unterschiedlichen Kulturen verstanden wird“. Die Kulturfachfrau war sich sicher, das „selbst profunde Kenner und Liebhaber des französischen Impressionismus“ in der Bonner Schau Neues entdecken könnten.

     Wohl wahr: Die Bundeskunsthalle bietet einen perspektivisch neuen Blick auf hierzulande kaum bekannte Kunstwerke des Impressionismus – auf Kostbarkeiten, die in der Regel nur in Japans öffentlichen Museen und privaten Firmenkollektionen bewundert werden können.


Faszination Was ist es, was das fernöstliche Land mit dem europäischen Impressionismus verbindet? Was ihn für Japan so attraktiv macht? Mit Sicherheit die in dieser Stilrichtung so großartig gespiegelte Naturverbundenheit, das Spiel mit Licht und Farbe, die künstlerische Erfassung der Jahreszeiten, die im Impressionismus so neu und überwältigend dargestellt auf alle - eben besonders auf die Japaner - wirkte, deren Welt- und Lebensanschauung im Einklang mit der Natur eine Maxime findet.

 

Japanische Sammler waren bereits früh von Europas Impressionisten fasziniert und begannen bereits im 19. Jahrhundert, hochkarätige Kunst dieser Stilrichtung aufzukaufen. Eine der zentralen Figuren war der Industrielle Kōjirō Matsukata, ein Freund von Claude Monet. Der Unternehmer (Reederei K-Line) investierte in den 1920er-Jahren einen Großteil seines Vermögens in europäische Kunst, mit Schwerpunkt Impressionismus (mehr). Seine Sammlung wurde Basis des späteren „Nationalmuseums für Westliche Kunst“ in Tokio.

 

Pierre-Auguste Renoir
 Kopf eines jungen Mädchens, 1877, Öl auf Leinwand © Toyota Motor Corporation

 

Seifenblasen-Ära Doch der wahre Sammlerboom setzte viel später ein, in den 1970er-Jahren. Es waren jene Jahre, in denen Nippon sich anschickte, die führende Weltwirtschaftsmacht zu werden. Die Wirtschaftswunderzeit „à la japonaise“ spülte ungeheure Geldmengen auf die neureiche Inselgruppe. Gekauft wurde alles und überall auf der Welt: Luxusgüter, Immobilien, Firmenbeteiligungen, Hochtechnologie -sofern sie nicht bereits vorhanden war -, und eben auch wertvolle Kunst. Nicht immer mit Sachverstand und auch nicht nur aus Liebe zur Sache, sondern schlichtweg als Anlage- und Renommierobjekt.

     Bis schließlich 1990 in einem für Japan bis dato beispiellosen Crash die Wirtschaftsblase platzte. Zur Kreditsicherung dienende Grundstücke und Häuser schossen preislich in die Tiefe. Mit der Finanzkrise wurde die Rezession eingeläutet, Japan wurde zum Sanierungsfall. Ein Niedergang, von dem sich das Land bis heute nicht wirklich erholt hat. Und so manches Importbild von Monet bis Renoir wurde abgehängt und verschwand in Tresoren von Gläubigerbanken. Diese milliardenteuren „kinyu kaiga“ oder „Finanzgemälde“ strömten zwecks Geldbeschaffung diskret aber kontinuierlich wieder auf den internationalen Kunstmarkt. Ein demütigender Ausverkauf, wie der SPIEGEL 1999 mit einem Blick auf die Bilderflut aus dem stolzen Sammlerland und die gesunkenen Marktpreise befand.

 

Vincent van Gogh Holzsammler im Schnee, 1884, Öl auf Leinwand © Courtesy of Yoshino Gypsum Co. Ltd. (deposited at Yamagata Museum of Art, Yamagata)

 

Kaufrausch Rund 70 Prozent aller in Bonn zu sehenden Arbeiten wurden, wie aus der Kunsthalle verlautete, in den extremen Boomjahren bis 1990 erworben, als das Geld im Überfluss vorhanden war. So gingen 1987 für damals gigantische 40 Millionen Dollar van Goghs „Sonnenblumen“ (1888) bei Christie´s per Auktion an die Yasuda-Versicherung. Nach einer Firmenfusion ist dieses Meisterwerk derzeit im Konzernmuseum des Sompo Japan Nipponkoa Museum of Art in Tokio ausgestellt und in Bonn (leider) nicht zu sehen. Das "Porträt des Doktor Gachet" (erste Version) vom selben Künstler erwarb drei Jahre später für sagenhafte 82,5 Millionen Dollar der Unternehmer Ryōei Saitō, Chef des Papierkonzerns Dai Showa. Das erstaunliche an diesem Vorgang: Weder Zustand noch Standort von van Goghs Arztbild sind heute bekannt. Da fiel - ebenfalls 1990 - der Erwerb von Édouard Manets „Beim Spaziergang“ (1880) durch das Tokyo Fuji Art Museum mit etwa 14 Millionen Dollar vergleichsweise preiswert aus.

     Hochstehende Kollektionen mit impressionistischer Malerei legten sich ferner Unternehmen wie die großen japanischen Kosmetikkonzerne Pola (Pola Art Museum in Hakone) und Menard Cosmetics Japan (Menard Art Museum in Komaki), die Toyota Motor Corporation oder der Reifenhersteller Bridgestone zu. Die großen Kauf- und Bieterschlachten mit Japans Geldkönigen sind jedoch Geschichte. Heute sind vergleichbare Tendenzen bei Käufern aus den Golfstaaten (mehr) oder China zu beobachten.

 

Ausstellungsansicht. Linke Seite: Paul Cézanne Rechte Seite: Auguste Renoir Foto: David Ertl, 2015 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Japans Öffnung für den internationalen Handel ab 1855 liberalisierte auch den Kunstaustausch mit Europa. Zunächst entwickelten die europäischen Künstler des Impressionismus ab 1860 eine große Vorliebe für die japanischen Ukiyoe-Holzschnitte, etwa von Utamaro, Hiroshige und Hokusai (mehr), was zur Stilrichtung des sogenannten „Japonismus“ führte (mehr).

 

Takeko Kuroki (im Kimono), Claude Monet und seine Familie mit Monets Häuser im Schnee und der Berg Kolsaas, Foto © Uehara Museum of Modern Art, Shimoda City/ Shizuoka

 

Claude Monet Häuser im Schnee und der Berg Kolsaas, 1895, Öl auf Leinwand © Uehara Museum of Modern Art, Shimoda City/ Shizuoka

 

Andererseits begeisterte auch die westliche Malerei in Japan. Zahlreiche japanische Künstler hielten sich um die Wende zum 20. Jahrhundert in Frankreich auf; sie brachten bei ihrer Rückkehr in ihre fernöstliche Heimat die akademische „plein air“- Malerei und den Impressionismus mit.

     Etwa gleichzeitig begannen um 1900 auch japanische Kunstfreunde wie der bereits erwähnte Industrielle Kōjirō Matsukata (1865-1950) oder Magosaburō Ōhara (1880-1943), exklusive impressionistische Sammlungen aufzubauen. Das Ōhara Art Museum in Kurashiki bei Okayama, gegründet 1930, war das erste japanische Kunsthaus, das ständig französische, überwiegend impressionistische, Gemälde ausstellte. Bis 1990 entstanden im Zuge der volkswirtschaftlichen Boomjahre vor allem durch Erwerbe seitens namhafter japanischer Museen, wie etwa dem Pola Museum of Art und dem Tokyo Fuji Art Museum, weitere kostbare Bildersammlungen, deren einzigartige Bestände fast nur Kunstkennern vertraut waren.

     Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle, sagt über die Ausstellung: „Eine einzigartige Präsentation französischer Kunst von herausragender Qualität, die wir erstmals zusammenhängend in Europa zeigen können.“

 

Seiki Kuroda Ausruhen unter einem Baum, 1898, Öl auf Leinwand © Wood One Museum, Hiroshima

 

Die Schau komplettieren Werke japanischer Maler aus der Zeit vor 1920, welche die moderne, westlich inspirierte japanische Kunst begründeten. Ein Beispiel ist der Politiker, Kunsterzieher, Kunstschulen-Begründer und Yōga-Stil-Maler Seiki Kuroda, der neun Jahre in Frankreich verbrachte und dort vom Jura-Studium zur Kunst wechselte. In Japan lehrte er ab 1893 impressionistische und Freilicht-Malerei. Darüber hinaus liefert die Schau in der Bundeskunsthalle viel kunsthistorisches Wissen darüber, wie sich die japanischen Impressionisten-Sammlungen zusammensetzen und welche historischen Hintergründe bei ihrer Entstehung eine Rolle spielten.  

     In Kombination mit jenen Arbeiten japanischer Maler aus den beiden ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts veranschaulicht die Exposition sehr eindrucksvoll den wechselseitigen künstlerischen Einfluss - Faszination und Inspiration - zwischen Japan und Europa. Eine interessante wie auch überraschend neue Sicht vermeintlich bekannter europäisch-japanischer Kunstverbindungen.

Klaus M. Martinetz

 

Takeko Kuroki ist die Nichte des japanischen Industriellen Kojiro Matsukata. Mit ihrem Ehemann Sanji lebte sie drei Jahre in Frankreich und sammelte Kunstwerke für ihren Onkel. Die junge Frau hat mehrfach französischen Impressionisten Modell gestanden.

 

Die Ausstellung „Japans Liebe zum Impressionismus – von Monet bis Renoir“ wird bis zum 21. Februar 2016 gezeigt.
Kunst- und Ausstellungshalle
der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Tel. 0228 / 9171–0
Öffnungszeiten
DI + MI 10 – 21 Uhr
DO - SO 10 – 19 Uhr

 

 

 

 

 

 


  

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