rheinische ART
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rheinische ART 11/2021

PABLO PICASSO
Achtung! Anarchist!

 

Frankreichs berühmtester Maler war nie Franzose! Am 3. April 1940 stellte Pablo Ruiz Picasso einen Einbürgerungsantrag, der abgelehnt und nie erneuert wurde. Eine Schau in Paris zeigt erstmals, wie der Künstler polizeilich überwacht wurde.

 

Georges de Zayas (zugeschrieben) Porträt Picassos in seinem Atelier in der Rue Victor-Schœlcher im Pariser Viertel Montparnasse, um 1915. Foto © RMN Grand Palais (Musée National Picasso, Paris/ Adrien Didierjean). Bildquelle © CNHI Paris 2021

 

Dass die Pariser Polizei den gebürtigen Spanier seit seiner Ankunft in der Stadt im Jahr 1901 misstraute und im Auge behielt, ist bekannt. Nun sind jedoch die polizeilichen Akten in einer Ausstellung zu sehen, und das ist schon eine kleine Sensation. So kannte man den großen Maler, der über diesen Teil seiner Vita kaum sprechen mochte, bislang nicht.

 

Pablo Picasso und Carlos Casagemas, Lettres aux Reventos. 25. Oktober 1900, Sammlung Dr. Jacint Reventos i Conti / oder Fondacio Picasso-Reventos (Barcelona). Im Picasso Museum Barcelona hinterlegt © Succession Picasso 2021. Bildquelle © CNHI Paris 2021

 

Ricard Canals i Llambí Picasso in Paris 1904, Fotografie gewidmet „Meinen lieben Freunden Suzanne und Henri Bloch". Fotoquelle Wikipedia, gemeinfrei. Foto © RMN Grand Palais Paris

 

Picasso l´étranger (Picasso, der Fremde) titelt die Präsentation im Nationalmuseum für Einwanderungsgeschichte in Paris; sie wird nicht etwa im berühmten Picasso Museum gezeigt.

     Begleitet wird die Sonderschau von der Publikation „Un étranger nommé Picasso“ (Ein Ausländer namens Picasso). Als Kuratorin und Buch-Autorin zeichnet die renommierte Historikerin Annie Cohen-Solal.

     Anhand von drei Schlüsseldaten wird Picassos mehr als vier Jahrzehnte währende Ächtung und Überwachung dargestellt. Die Sicht ist eine interessante Ergänzung zur aktuellen Kölner Ausstellung "Der geteilte Picasso" (mehr).

 

Alles begann am 2. Mai 1901. Der 20-Jährige, der in Barcelona lebte, hatte sich in Frankreichs Metropole noch nicht endgültig niedergelassen, aber bereits zuvor einige Zeit in der dortigen katalanischen Kolonie bei seinem Freund Carlos Casagemas verbracht.
     Am 18. Juni stellt die Galerie Ambroise Vollard Arbeiten von Picasso aus, die der Kunstkritiker Gustave Coquiot als Werke eines „sehr jungen spanischen Malers“ in der Zeitung Le Journal feierte.

     Die Rezension lenkte den Blick eines Polizeikommissars namens Rouquier auf den Künstler. Der Beamte verfasste den ersten Polizeibericht über den Neuling im Arbeiterviertel Montmartre. Darin beschrieb er den Katalanen als politisch Linken, als einen Avantgarde-Maler und verdächtigen Ausländer, der Kontakt zu „subversiven“ Künstlern und Landsleuten unterhielt und auch noch schlecht Französisch sprach: „Folglich sollte er als Anarchist betrachtet werden“.

     Dieses Etikett haftete an ihm für Jahrzehnte. Denn die französischen Behörden blieben ihm gegenüber misstrauisch. Picasso wurde unter Polizeiaufsicht gestellt und seine Aktivitäten in einer Akte mit der Nummer 74664 registriert. 


Der Künstler verzichtete bis dahin nie auf seine spanische Staatsbürgerschaft. Als erfolgreicher Maler erwarb er im Sommer 1930 ein altes Herrenhaus in dem normannischen Weiler Boisgeloup westlich von Paris. An diesen Ort zog er sich zeitweise zurück und schuf großformatige Skulpturen, Gravuren und Schmiedearbeiten. Außerdem bot das Landleben ihm die Möglichkeit, sich dem fremdenfeindlichen Druck in der Hauptstadt, der im April 1934 aufflammte, zu entziehen.

 

 

Ausländerabteilung der Pariser Polizeipräfektur in der 1930er Jahre. Dort wurde auch Picassos Dossier aufbewahrt. Unbekannter Fotograf. Foto © Archiv der Pariser Polizeipräfektur © Succession Picasso 2021. Bildquelle © CNHI Paris 2021

  

Eingang des Antrags auf einen Personalausweis 1935 Foto© Archives de la préfecture de police de Paris © Succession Picasso 2021. Bildquelle © CNHI Paris 2021

Schreiben an den Siegelhalter für einen Einbürgerungsantrag mit Unterschrift, 1940. Foto © Archives de la préfecture de police de Paris © Succession Picasso 2021. Bildquelle © CNHI Paris 2021

Das zweite wichtige Datum war der 3. April 1940, am Vorabend der Nazi-Besetzung. An diesem Tag unterzeichnete Picasso mit seiner charakteristischen Kalligrafie einen Antrag auf Einbürgerung.

     Er war bereits eine international gefeierte Berühmtheit - eine lebende Legende, der im Jahr zuvor das New Yorker MoMa eine Retrospektive widmete. Picasso hatte auch die Unterstützung einflussreicher französischer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Aber alles half nichts: Der Antrag auf die französische Staatsbürgerschaft wurde abgelehnt.

     In einem Dossier griff Émile Chevalier, stellvertretender Generalinspekteur der Pariser Polizeipräfektur, auf die - falschen - Anschuldigungen von 1901 zurück, die Picasso in die Nähe anarchistischer Vereinigungen stellte und fügte weitere Gerüchte und Verleumdungen hinzu.

     Der Rapport endet mit dem Satz: „Dieser Ausländer erfüllt keine der Anforderungen" zur Einbürgerung und der Katalane und Frankogegner sei aus nationaler Sicht weiter „als verdächtig anzusehen.“

 

 

Pablo Picasso Coq tricolore à la croix de Lorraine, 1945. Paris, Musée national Picasso - Paris. Foto © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / RMN-GP-Bild © Succession Picasso 2021. Bildquelle © CNHI Paris 2021

 

Die Befreiung von Paris am 25. August 1944 markierte den Beginn des dritten wichtigen Zeitabschnitts.

     Der Maler war ein gefragter Mann. Kunstbegeisterte, Kulturbeflissene und Militärs gaben sich in seinem Atelier die Klinke in die Hand. Seine neue Heimat war von da an nicht Frankreich, sondern die Kommunistische Partei (mehr), der er beitrat.

     Um Einbürgerung suchte er nicht mehr nach. Warum auch? Er war längst zum Star avanciert und konnte es sich erlauben, 1947 großzügig zehn Werke an französische Museen zu verschenken. Alles Häuser, die ihn bis dahin weitgehend ignoriert hatten. „Heute endet die Scheidung zwischen Frankreich und dem Genie“, äußerste Georges Salles (1889–1966), Direktor der Museen von Frankreich, zufrieden. 1948 verlieh die französische Regierung dem Spanier „aufgrund der Persönlichkeit des Betroffenen“ eine privilegierte Aufenthaltskarte, die alle zehn Jahre verlängert werden konnte.

 

Revista Vea y Lea Pablo Picasso Januar 1962. Fotoquelle Wikipedia gemeinfrei.

Im Ausstellungskatalog stellt Kuratorin Cohen-Solal fest, dass der jahrelang überwachte Paria von 1901 „zu einem VIP geworden“ war. Frankreich bot ihm 1958 schließlich die Staatsbürgerschaft an, er lehnte jedoch ab. Zehn Jahre später wurde ihm der Verdienstorden der Ehrenlegion (Légion d'honneur) verliehen, die höchste Auszeichnung des Landes, die er ebenfalls ablehnte.

     Um seinen 85. Geburtstag zu feiern, wurde auf Initiative von Kulturministers André Malraux im November 1966 in drei Pariser Institutionen gleichzeitig eine große Ausstellung mit dem Titel „Hommage à Picasso“ organisiert: Grand Palais, Nationalbibliothek und Petit Palais.

     Picasso besuchte weder diese noch die ihm 1971 im Louvre gewidmete Schau, die eine einzigartige Ehre war. Denn dort wurde der nun Neunzigjährige neben Werken alter Meister in der Großen Galerie ausgestellt. Picasso war damit der erste lebende Künstler, dem der Louvre eine Retrospektive einräumte. Der damalige Präsident Georges Pompidou war begeistert: Während seines Besuchs erwähnte er erstmals öffentlich die Gründung eines Picasso-Museums. Kuratorin Annie Cohen-Solal in ihrem Essay: „Das Musée Picasso wurde 1985 im Herzen von Paris eingeweiht, ein Museum, das alles ausradierte, was zuvor passiert war.”
cpw


Der Schriftsteller André Malraux, von 1959 bis 1969 unter Charles de Gaulle Kulturminister, war es, der 1968 ein Gesetz förderte, das die Begleichung von Erbrechten durch die Schenkung wertvoller Kunstwerke an den Staat ermöglichte. „Er hat das für Picasso getan, und seine Spende war seine Arbeit“, so Cohen-Salal. „Und dank dessen wurde Frankreich Picassos Erbe geschenkt.“

 

Die Ausstellung Picasso l´étranger (Picasso, der Fremde) kann bis zum 13. Februar 2022 besucht werden.
Musée national de l´histoire de l´immigration
(Nationalmuseum für Einwanderungsgeschichte)

Palais de la Porte Dorée
293, Avenue Daumesnil
75012 Paris
Tel 01 53 59 58 60
Öffnungszeiten
DI – FR 10 – 17.30
SA, SO 10 – 19 Uhr

 

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