rheinische ART
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rheinische ART 12/2011

 

Archiv 2011: aus "Besuchenswert"

Von Albertopolis nach Bonn: Victoria and Albert Museum (V&A), London, zu Gast in der Bundeskunsthalle

Die Arts and Crafts-Bewegung:

Toastständer
Entwurf: Christopher Dresser, Ausführung: Hukin & Heath, Birmingham, um 1880, Galvanisiertes Neusilber

 

 

 

Eine

 

englische

 

Wunderkammer

 

 

Kunsthandwerk und Design, Bildkünste und Architektur aus aller Herren Länder, von englischen Aquarellen des 18. Jahrhunderts bis hin zu orientalischen Teppichen, von japanischen Tsuba bis zu frühislamischen Kacheln, Objekte aus Stein, Metall oder Papier – das V&A in London ist ein aussergewöhnliches Kunstgewerbemuseum.

 

SEINE SAMMLUNGEN sprengen schon platztechnisch die Gegebenheiten jedes „normalen“ Museums und erlauben in ihrer ungeheuerlichen Vielfalt einen Überblick über das kreative Schaffen des Menschen in den letzten 4000 Jahren. Genau dies war der Ansatz seines Gründers Prinz Albert von Sachen-Coburg und Gotha, der vor 150 Jahren verstarb. Die Bonner Bundeskunst- und Ausstellungshalle bietet nun mit ihrer Schau „Art and Design for all“ einen Einblick in die interkulturelle Wunderkammer Englands.

   Der Gedanke Prinz Alberts, Ehemann von Königin Viktoria, war revolutionär: Ein Museum, dessen ganzheitlicher Ansatz zur geschmacklichen und somit moralischen Bildung des ganzen Volkes dienen sollte. Sein Plan umfasste auch, in London ein gewaltiges Kulturzentrum zu errichten. Es gelang – nicht umsonst nennt man die Londoner Museumsszene aus Natural History Museum, Science Museum und dem V&A auch „Albertopolis“.

 

Nikolaus Christian Hohe (1798–1868) - Bonn,das Haus, in dem Prinz Albert wohnte, um 1845
Signiert: "C. Hohe fec."; Inschrift  Rückseite: "Prince Albert's house while studying at Bonn University/C. Hohe",Bleistiftzeichnung, laviert,

h 24,6 cm, b 36,7 cm, Royal Collection 2011,

© Her Majesty Queen Elizabeth II

 

Prinz Albert studierte in Bonn

 

Albert hatte in Bonn Staatsrecht und Nationalökonomie studiert, doch sein Studienplan umfasste auch geisteswissenschaftliche Vorlesungen im humboldtschen Sinne eines Studium Universale. Die deutsche Hochschullandschaft hatte Alberts Verständnis kultureller Mechanismen und sein Empfinden für die Wichtigkeit kultureller Kenntnisse entschieden gefördert, weshalb die Bonner Bundeskunsthalle nun eine Reihe exquisiter Exponate des V&A zeigt und zugleich die komplexe Entstehungsgeschichte des Museums illustriert.

   Eine Stärke der Ausstellung ist die Kontextualisierung des Gezeigten in historische Zusammenhänge. Besonders ausführlich widmet sich die Schau der ersten Weltausstellung von 1851, die von Albert initiiert wurde. Albert beauftragte den Architekten Joseph Paxton zur Errichtung einer gewaltigen Ausstellungshalle im Hyde Park, des später berühmt gewordenen Crystal Palace. An diesem Ort versammelte das British Empire die Welt unter einem einzigen Dach.

 

Weltausstellung von 1851 , John Absolon, Blick in die Osthalle, 1851, Aquarell und Gouache über Bleistift mit Papier

 

Der enorme Erfolg der Ausstellung animierte den kunstsinnigen Albert, ein Museum zu eröffnen, welches die Schätze fremder Kulturen der britischen Bevölkerung dauerhaft zugänglich machen sollte. Die Schaustücke der Weltausstellung bildeten unter anderem die Sammlungsgrundlage des ein Jahr später zunächst als South Kensington Museum eröffneten V&A.

 

Inspiration aus Indien, Buchdeckel, Mogulreich, 18. Jahrhundert (Nephtit-Jade, mit goldgefassten Rubinen und Smaragden besetzt)

 

Anregungen aus dem Islam, Aba (Männergewand), Kaschan, Iran, 1874, Seide

 

Das South Kensington Museum: Tapetenmuster, Entwurf: Owen Jones, Ausführung: Townsend, Parker & Co., 1860er Jahre, Kolorierter Holzdruck auf Papier

 

Anregungen aus dem fernen Osten:
Teekanne, China, um 1680, Silber, vergoldetes Silber, Schilfrohr (Henkel)

 

Inspiration für das 21. Jahrhundert
Manolo Blahnik, 2007

   Dank zahlreicher Schenkungen und Ankäufe erweiterte sich die Sammlung rasch. Zusammen mit dem ersten Direktor des Museums, Henry Cole, begründete Albert die noch heute bestehende Philosophie des Hauses: Design und Kunsthandwerk werden nicht als zweckfreie, abstrakte Kunstgegenstände ausgestellt, sondern in einen kommerziellen und soziologischen Zusammenhang gestellt. Dieser pragmatische Ansatz, der seiner Entstehung im Zeitalter der Industrialisierung geschuldet ist, zeichnet das V&A bis heute aus.

 

Arts and Crafts

 

Auch die englischen Kunsthandwerksreformer Ruskin und Morris, welche mit ihren Ansichten zur Ethik handwerklichen Schaffens das ausgehende 19. Jahrhundert in Großbritannien maßgeblich prägten und dabei das Arts and Crafts, den Vorläufer des Jugendstils, begründeten, werden in der Bonner Ausstellung gewürdigt. Dabei ist es besonders spannend, anhand der Originalobjekte die Inspirationen dieser Künstler nachvollziehen zu können: Etwa anhand eines Musterstoffes von Morris, der unzweifelhaft auf mittelalterliche Heraldiken zurückgeht. Oder Edward Dresser, dessen minimalistisches Design nicht nur maßgeblich durch die damals in England populäre Japanmode geprägt ist, sondern der die Sammlung des V&A persönlich mit zahlreichen japanischen Kunstgegenständen bereicherte, die er von seinem Aufenthalt im Land der aufgehenden Sonne in sein Heimatland brachte. Nun lassen sich seine schmucklosen Toastscheibenhalter aus Sterlingsilber neben einem Lacksekretär mit Muschelintarsien aus Kyoto bewundern.

 

Epochen und Kulturräume


Zwar kann die Bonner Schau angesichts der Reichhaltigkeit des Londoner Hauses nur einen Überblick vermitteln, doch wird in ihr deutlich, warum ein Besuch des V&A so lohnenswert ist. Es ist das Beieinander verschiedenster Medien aus unterschiedlichen Epochen und Kulturräumen, die nicht nur als Kunstgegenstände für sich stehen, sondern in der Zusammenwirkung ihre gegenseitige Bedeutung für die Entwicklung des europäischen Designs offenbaren.

 

Die Ausstellung gliedert sich in die Reihe der „Großen Sammlungen“ der Bundeskunst- und Ausstellungshalle ein und wird ergänzt durch weitere Leihgaben der Royal Collection sowie des Berliner Kunstgewerbemuseums und des Budapester Museums für angewandte Kunst.

Robert Woitschützke

 

Die Ausstellung „Art and Design for all. The Victoria and Albert Museum“ ist bis zum 15. April 2012 zu besichtigen.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Tel.: 0228 9171–200

 

Öffnungszeiten:

DI - MI 10 – 21 Uhr
DO - SO 10 – 19 Uhr

 

 

 

©Bilder (7) Victoria and Albert Museum, London,

(1) Her Majesty Queen Elizabeth II

 

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