rheinische ART
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rheinische ART 02/2011

 

Archiv 2011: aus "Kunst erleben"

Wo Kunst noch von Können kommt:

 


ALEXANDRE CABANEL

 

 

Ein Ausstellungsthema jenseits des Mainstream ist für jedes Museum mit einem Risiko verbunden. Die Frage, ob man sich in Zeiten finanzieller Engpässe nicht eher erfolgversprechenden Blockbustern widmen sollte, ist durchaus gerechtfertigt. Umso größer fällt daher die Bewunderung in fachkundigen Kreisen aus, wenn es gekonnt doch geschieht. Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln wagt im Augenblick ein solches Vorhaben und widmet sich mit Alexandre Cabanel einem Akademisten und Salonmaler des 19. Jahrhunderts. Noch ungewöhnlicher: Für die Gestaltung der Ausstellungsarchitektur wurde der Modeschöpfer und erfolgreiche Bühnenbildner Christian Lacroix engagiert.


 

Alexandre Cabanel, Geburt der Venus, 1863, Öl auf Leinwand, Musée d'Orsay, Paris

 

DER AKADEMISMUS des 19. Jahrhunderts, gerne stiefmütterlich als naive Heile-Welt-Malerei bezeichnet, erlebt im Augenblick eine Renaissance: Gemälde von L. Alma-Tadema und Jean-Leon Gerôme erzielen auf internationalen Auktionen Höchstpreise. Gleichwohl beschränkt sich diese Begeisterung auf einen Kreis von Kennern, denn nichts könnte dem Zeitgeschmack unseres 21. Jahrhunderts mehr widersprechen als die Salonmaler des 19. Jahrhunderts. Bis heute spricht man ihnen künstlerische Erfindungsgabe und Kraft zur Weiterentwicklung ab. Durch ihre Ablehnung der Impressionisten sind sie in den Ruf gekommen, die sich anbahnende Moderne nur behindert zu haben.

 

In seiner Zeit ein Star

 


Der Franzose Alexandre Cabanel (1823–1889) passt vollkommen in dieses Schema. Seine künstlerische Entwicklung vollzog sich beinahe reibungslos: Studium an der Pariser Akademie, Italienaufenthalt, Einladungen des Kaisers Napoleon III., Professor der Akademie, gefragter Society-Maler. Seine Biographie ähnelt der von Zeitgenossen wie Lord Leighton oder John Singer Sargent. In seiner Zeit ist der Künstler der Vormoderne kein verfemtes Individuum, sondern gefeierter Star mit hohem sozialem Renommee. Zwei Bilder Cabanels sind Schlüsselwerke für seinen Erfolg und in Köln erstmals in einer deutschen Ausstellung zu bewundern. Es handelt sich um das offizielle Portrait Napoleons III. sowie das pikante Werk „Geburt der Venus“. Letzteres machte Cabanel zu Lebzeiten berühmt und erfolgreich, gleichzeitig ruinierte es in der Nachwelt seinen Ruf, wo er geringschätzig als unerträglicher Kitschkünstler eingestuft wurde.

Alexandre Cabanel, Kleopatras Experimente mit Gift an zum Tode Verurteilten, 1887,
Öl auf Leinwand, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen

 

Ungeahnt abgründig

 


Wer sich auf die "heile Welt" Cabanels einzulassen vermag, dem werden neue Perspektiven eröffnet. Die Kölner Schau etwa prunkt mit einigen Beispielen der großformatigen Historienmalerei Cabanels, die sich als ungeahnt abgründig erweist. Hinter der schönen Fassade aus drapierten Stoffen und Architekturphantasien lauert das Grauen in Form von Kleopatra, die für ihren bevorstehenden Selbstmord das beste Gift an Sklaven erproben lässt. Eine fast verhungerte Phädra liegt im Halbschatten auf der elfenbeinernen Chaiselongue in Erwartung ihres Todes.
    Die Verarbeitung antiker Themen war im Pariser Salon die angesehenste malerische Gattung. Bei Cabanel nimmt sie in ihrer Ausschmückung beinahe opernhafte Züge in einer dramatischen Inszenierung an. Der Reichtum an technisch perfekt ausgeführten Details lässt an Bühnenentwürfe denken und spiegelt den eklektischen Geschmack der Zeit zwischen Antikenbegeisterung und Orientalismus. Es wird deutlich, wie sehr Cabanel die Ausschweifungen der Jahrhundertwende, die Belle Epoque in der Wahl seiner Themen und Stimmungen vorbereitet.


Man reiste zu ihm, um sich portraitieren zu lassen. Auch aus Amerika
 

Alexandre Cabanel, Bildnis der Olivia Peyton Murray Cutting, 1887,
Öl auf Leinwand, Museum of the City of New York

Die sprichwörtliche Artifizialität dieser Kunst übt noch heute einen sehr eigenen Reiz aus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zur Zeit fortschreitender Industrialisierung, traf dieser exakt den Nerv eines schönheitssüchtigen und luxusverwöhnten Publikums. Insbesondere bei amerikanischen Damen der Upper-Class war Cabanel seit 1860 en vogue, schien dieser ihnen doch im Portrait ihre geheimsten Wünsche zu erfüllen. Als Beispiel sei das Bildnis der Olivia Peyton Murray Cutting genannt. Die Dame, in berückend aristokratkischer Haltung konterfeit, war neureich, stammte aus einfachen Verhältnissen und hatte ihr Geld in der Eisenbahnindustrie erworben.


Gelungen: Cabanel und Lacroix


Die Opulenz Cabanels wird in der Schau von der salonhaften Ausstellungsgestaltung des Cabanel-Verehrers Christian Lacroix unterstrichen. Der Modeschöpfer hat sich dabei in verhaltener Üppigkeit geübt, um die Kunst nicht zu erdrücken. Durch Lacroix's Engagement wirkt Cabanel intensiv wie ein schweres Parfum. Also doch ein Blockbuster?
Robert Woitschützke


Die Ausstellung erfolgt in Kooperation mit dem Musée Fabre in Montpellier und
ist bis zum 15. Mai 2011 zu sehen.
Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud
Obenmarspforten (am Kölner Rathaus)
50667 Köln
Telefon 0221-221/2 11 19

Öffnungszeiten
DI - FR 10-18 Uhr
DO bis 22 Uhr (außer an Feiertagen)
SA und SO 11-18 Uhr

© rheinische-art.de, Fotos (3) Wallraf-Richartz Museum

 

 

 

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