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rheinische ART 10/2020

ARCHITEKTUR
Und so etwas steht in Gelsenkirchen…


Kurz vor Weihnachten 1959 eröffnete das seinerzeit ohne Zweifel schönste, eleganteste und großzügigste westdeutsche Bühnenhaus seine Pforten: das Theater Gelsenkirchen.

 

Das Musiktheater im Revier (MIR) in Gelsenkirchen, Kennedyplatz. Im Vordergrund das Betonrelief des britischen Avantgarde-Bildhauers Robert Adams (1917–1984). Foto © Pedro Malinowski; Fotoquelle © Ruhr Tourismus 2020

 

Das visionäre Gebäude-Ensemble, bestehend aus dem sogenannten Großen und Kleinen Haus, wurde für die von Kohle und Stahl geprägte Revierstadt das wichtigste Zeugnis für den Wiederaufbau und den gesellschaftlichen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

 

Gottfried Planck Eingang des Musiktheaters im Revier, Gelsenkirchen, ca. 1960, Architektenkollektiv: Werner Ruhnau (federführend), Harald Deilmann, Ortwin Rave, Max von Hausen. Silbergelatineabzug, Foto © Baukunstarchiv NRW

 

Mit seiner noch heute spektakulären gläsernen, lichtdurchfluteten Hauptfassade und mehreren Kunstwerken, darunter die blauen Schwamm-Reliefs des damals noch so gut wie unbekannten französischen Bildhauers und Malers Yves Klein (1928–1962, mehr) oder kinetischen Reliefs des Schweizer Nouveau Réalisme-Mitbegründers Jean Tinguely (1925-1991, mehr), stellt es ein architektonisches Gesamtkunstwerk dar, das auch international für beträchtliches Aufsehen sorgte.

     Die US-Schauspielerin Joan Crawford war es, die rund ein Jahr nach der Eröffnung in New York im Rahmen einer Vernissage ordentlich Werbung für Gelsenkirchens neues Festspielhaus machte. Und so mancher, nicht nur in New York, mochte sich die Augen reiben und fragen: Wo steht das Ding?

     Diese bemerkenswerte Marketing-Aktion mit dem Filmsuperstar, die als „Königin der Melodramen“ galt und zu dem Zeitpunkt 56 Jahre alt war, stellt eine Anekdote dar, die wohl nur Architektur-Insidern bekannt sein dürfte.

 

Anonym Joan Crawford bei der Eröffnung der Ausstellung The New Theatre in Germany, New York, 5. Februar 1961. Modell des Musiktheaters im Revier, Gelsenkirchen. Silbergelatineabzug, Foto © Baukunstarchiv NRW

 

Das entsprechende Zeitdokument in Form eines Fotos befindet sich im Baukunstarchiv NRW und ist derzeit im Essener Folkwang-Museum ausgestellt. Denn dort, in diesem von David Chipperfield entworfenen berühmten Museumsbau, wird nun - zehn Jahre nach dessen Eröffnung - eine Übersicht der wichtigsten Kulturbauten des Ruhrreviers aus den Nachkriegsjahren geboten.

     Die Ausstellung trägt den provokanten Titel „Und so etwas steht in Gelsenkirchen…“. Zum Image des Reviers sei angemerkt: Das Kohle-Aus, der Strukturwandel, Verarmung von Stadtteilen oder Clan-Kriminalität sind nicht die allein bestimmenden Schlagzeilen in Deutschlands größtem Ballungsraum. Alle Ruhrmetropolen sind bis heute auch immer Zentren einer vielfältigen, lebendigen und teils einzigartigen urbanen Kultur geblieben.

 

Werner Ruhnau Grillotheater, Essen. Bestehende, nicht vergrößerbare Bühnenöffnung, Entwurf zur Neugestaltung des Grillotheaters, 15. September 1986, Architekt: Werner Ruhnau, Handzeichnung, Transparentpapier, Foto © Baukunstarchiv NRW

 

Gezeigt werden im Folkwang Museum Präsentationstafeln von Architekten, Wettbewerbspläne, originale Skizzen, Modelle, handschriftliche Notizen oder Beispiele für das bauzeitliche Presseecho.

     Die Ausstellung vermittelt damit ein breites Spektrum architektonischer Entwurfs- und Präsentationspraxis und verdeutlicht die seinerzeitige überaus mutige Zukunftsorientierung, Innovationskraft und Vielfalt architektonischer Konzepte für Kulturbauten zwischen Duisburg und Dortmund.

     In den prosperierenden Jahren ab 1950 kam den Kulturbauten eine wichtige Rolle als dynamische Räume der Neuverhandlung gesellschaftlicher Ideale und Strukturen zu, wie es in der Ausstellung heißt. „Und so etwas steht in Gelsenkirchen …“ erzählt Geschichten anhand ausgewählter Kulturbau-Projekte, die heute vielfach als stadtbildprägend gewertet werden.

 

Bernhard Küppers Disposition, Museumsbau. Quadrat Bottrop, ca. 1974 Architekt: Bernhard Küppers, Einzelblatt aus Broschüre, Foto © Baukunstarchiv NRW

 

László von Endrefy Eingang des Museum Folkwang, ca. 1965, Architekten: Werner Kreutzberger, Erich Hösterey, Horst Loy, Silbergelatineabzug, Foto © Archiv Museum Folkwang

 

Herausragende Standorte der Baukunst sind in Dortmund das Baukunstarchiv NRW im ehemaligen Museum am Ostwall und das Naturkundemuseum, in Essen das Museum Folkwang, das Aalto-Theater, das Bürgerhaus Oststadt und der Wiederaufbau des Grillo-Theaters. Gelsenkirchens Leuchttürme sind das Musiktheater im Revier (MIR) und das Kunstmuseum. In Duisburg war es jahrzehntelang die inzwischen abgerissene Mercatorhalle von 1962, in Bottrop ist es das Josef Albers Museum Quadrat (mehr).
     Das Baukunstarchiv NRW verwahrt umfangreiche Bestände zu diesen wegweisenden Bauprojekten des 20. Jahrhunderts, die nun anhand der exemplarischen Auswahl für ein allgemeines Publikum zugänglich gemacht werden.

     Die Schau thematisiert nicht nur die Architektur und baukünstlerischen Besonderheiten der Kulturbauten. Sie verdeutlicht ferner die mit ihrer Realisation verbundenen (gesellschafts-)politischen Ambitionen und programmatischen Konzepte von Baumeistern und Kommunalpolitik.
K2M


 Das MIR steht seit 1997 unter Denkmalschutz. Für den Bau wurde ein nicht ausgeführter Entwurf von Mies van der Rohe (mehr) für das Mannheimer Nationaltheater variiert.


► Die Ausgestaltung des MIR mit Werken einer neuen experimentell-orientierten Künstlergeneration, die Ende der Fünfziger mit Klamauk und Chuzpe auffiel, war durchaus umstritten. Einer, der früh die Entstehung neuer Kunstformen erkannte und merkte, dass Kunst sich im wörtlichen Sinne in Bewegung zu setzen vermochte, war Paul Wember (1913-1987, mehr), der Direktor des Krefelder Kaiser Wilhelm Museums. Er organisierte eine der ersten rheinischen Plattformen für Kinetik-Kunst. Wember zeigte 1960 in Krefeld die Edition MAT Paris von Daniel Spoerri, in der Marcel Duchamp, Jean Tinguely, Dieter Roth (mehr) und Jesus Raphael Soto vertreten waren.


Die Ausstellung „Und so etwas steht in Gelsenkirchen …“ Kulturbauten im Ruhrgebiet nach 1950 wird bis zum 10. Januar 2021 gezeigt.
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel . 0201 8845 160
Öffnungszeiten
DI, MI, SA, SO 10 - 18 Uhr
DO, FR 10 bis 20 Uhr

 

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