rheinische ART

rheinische ART 06/2011

 

Archiv 2011: aus "Über die Grenze geschaut"


In Zürich: „Olivensteine“ und andere Spätwerke

Schaufel, 1983, Von Hand geschmiedetes Eisen       und Buchenholz, Brandstempel «7000 EICHEN», Edition L.D.D., © 2011 ProLitteris, Zürich

 

 

Beuys´ Verteidigung der Natur

 

 

 

Unter dem Titel „Joseph Beuys. Difesa della Natura“ (Verteidigung der Natur) wird im Kunsthaus Zürich ein umfassender und bis dato unveröffentlichter Werkkomplex des rheinischen Bildhauers und Aktionskünstlers gezeigt. Die über 100 Objekte und Dokumente umfassende Kollektion aus dem Besitz der Sammlerin Baronessa Lucrezia De Domizio Durini ging jetzt als Schenkung an das Kunsthaus. Der in Krefeld geborene Humanist und Kunstprofessor wäre am 12. Mai 90 Jahre alt geworden.

 

KERN DER Zürcher Ausstellung ist das zentrale Spätwerk Beuys´, die monumentale Installation „Olivestone“, die dem Kunsthaus bereits 1992 vom Ehepaar Durini geschenkt worden war. Es handelt sich dabei um fünf Sandsteinwannen, die im 18. Jahrhundert zum Dekantieren von Olivenöl dienten. Beuys (1921-1986) entdeckte sie im Palazzo Durini, füllte sie mit Steinmonolithen und Olivenöl, das nach Jahren den Stein zersetzen sollte – Sinnbild für eine sich stets erneuernde Natur. „Olivensteine“ ist heute eines der Schlüsselwerke der Beuys-Sammlung im Kunsthaus Zürich.

Olivestone, 1984, Sandstein, Olivenöl, diverse Masse
Kunsthaus Zürich, © 2011 ProLitteris, Zürich

 

Der Künstler und die Landwirtschaft

 

Zwischen 1972 und 1985 verbrachte Joseph Beuys jährlich mehrere Wochen in dem Abruzzendorf Bolognano nahe Pescara, um dort sein langfristiges künstlerisch-ökologisches Projekt „Difesa della Natura“ zu betreiben. Es waren jene Jahre, in denen Beuys agrare Erneuerung, ökologisches Denken und Umweltschutz, quasi frühes „grünes Gedankengut“ in Veranstaltungen und Aktionen propagierte.
Gastgeber in Italien waren die kunstsinnigen Landgutbesitzer Baron Buby Durini und dessen Gattin Baronessa Lucrezia.

   Als Soziale Skulptur im Beuys´schen Sinne sollte das Projekt „Difesa della Natura“ nicht nur die ästhetische, sondern auch die wirtschaftliche und ökologische Praxis in dem süditalienischen Bergdorf grundlegend reformieren. In Bolognano entstanden über die Jahre zahlreiche Plastiken, Zeichnungen, Fotografien und Broschüren, die Beuys` Aktivitäten vor Ort begleiteten und die heute einen faszinierenden Einblick in die tieferen Zusammenhänge der Entstehung von „Olivestone“ ermöglichen. Diese Zeugnisse sind Dank des Engagements der Sammlerin komplett erhalten und im Kunsthaus zu sehen.

Vino F.I.U., 1983, 100 Weinkartons mit je 12 Flaschen «Difesa della Natura», Montepulciano d’Abruzzo des Weinguts Barone Durini © 2011 ProLitteris, Zürich

 

Stadtverwaldung anstatt Stadtverwaltung

 

Die besondere Bedeutung der aktuellen Ausstellung besteht darin, dass sie auf eindrückliche Weise demonstriert, dass das wahre Ziel der menschlichen und künstlerischen Aktivitäten des Rheinländers letztlich nicht in der Herstellung von Skulpturen bestand, sondern darin, eine Verbesserung der Gesellschaft zu erreichen.
 

Difesa della Natura, (Clavicembalo), 1981, Foto: Buby Durini
Offsetdruck, 99,5 x 67,5 cm
Edition L.D.D., Pescara, und Yvon Lambert, Paris

   Der Blick auf die Beuys´schen Aktionen im Rahmen der „Difesa della Natura“ in Bolognano verdeutlicht dies geradezu exemplarisch. Denn 1978 begann Beuys dort, ein 15 Hektar großes Gelände mit 7000 vom Aussterben bedrohten Sträuchern und Bäumen zu bepflanzen; er nannte den Hain „Piantagione Paradise“. Beuys, bekanntlich ein früher Anhänger der Grünen, führte auf dem Höhepunkt seines Natur-Engagements 1984 auf der documenta 7 in Kassel die aufsehenerregende Pflanzaktion „Stadtverwaldung“ anstatt Stadtverwaltung durch, bei der er 7000 Eichen in die Erde setzte.

   Noch im selben Jahr wurde er Ehrenbürger von Bolognano, pflanzt die „Erste italienische Eiche“ der „Piantagione Paradise“ als Symbol des gesamten abruzzesischen Projekts und veranstaltete eine Diskussion mit dem Titel „Difesa della Natura“. Die konkrete Utopie der „Verteidigung der Natur“ transformierte er danach in eine weitergehende „Difesa della Terra“ (Verteidigung der Erde). Beuys Gedankenansatz zielte - so das Zürcher Kunsthaus - nicht allein nur auf die ökologischen Aspekte, vielmehr sollte er unter einem anthropologischen Gesichtspunkt gelesen werden: Schutz des Menschen, des Individuums, der Kreativität und der menschlichen Werte – Themen, die immer (noch) hochaktuell sind.
Claus P. Woitschützke

 

Übrigens: Unter dem gleichen Titel ist eine private Sammlung mit Beuys-Werken im Lehmbruck Museum in Duisburg zu sehen.


Die Ausstellung „Joseph Beuys. Difesa della Natura“ ist bis zum 14.08.2011 zu sehen
Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH-8001 Zürich
Tel. +41 (0) 44 25384-84

 

Öffnungszeiten:
SA/SO/DI : 10.00 - 18.00 Uhr
MI bis FR: 10.00 - 20.00 Uhr

 

 

Fotos: Kunsthaus Zürich


© rheinische-art.de

 

 

 


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