rheinische ART
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rheinische ART 02/2021

Archiv 2021

MICHEL COMTE
Land-Art und Antike

 

Das anatolische Harran mit seinen Ruinen ist eine abgelegene Siedlung in einer unwirtlichen Gegend: im türkischen Südosten, nahe der Grenze zu Syrien. Das war nicht immer so!

 

Ruinen der Großen Moschee (Ulu Cami) von Harran, errichtet auf den Resten des alten Tempels Sin, in der mesopotamischen Mythologie der Gott des Mondes. Foto © Skylife Businees Mustafa Yilmaz

 

Der Ort war einst eine prachtvolle, reiche Stadt im Norden Mesopotamiens, in der Geschichte geschrieben wurde. Ein „Leuchtfeuer der Weisheit“ mit der ersten Universität der Welt und einer hohen Zivilisation.
     Der berühmte Schweizer Ex-Modefotograf, Gletscher-Chronist und Künstler Michel Comte (*1954) ist dabei, aus diesem Stück Wüste mit einem Land-Art-Projekt riesigen Ausmaßes eine Attraktion für Touristen zu formen. „Harran Earthworks“ hat er das extrem aufwendige Vorhaben betitelt, das technisch von dem japanischen Architekten Mitsunori Sano betreut und von zahlreichen lokalen Investoren gesponsert wird.

 

Michel Comte bei der Arbeit für die Serie „Light“. Seit Jahren arbeitet er nicht mehr im glamourösen Fotometier, sondern widmet sich Fragen des Klimawandels, der Gletscher und des Umweltschutzes. Foto © Michel Comte. Fotoquelle © Association Bon pour la tête 2017

 

Die Gegend für Comtes Wirken ist in der Tat ein höchst antiker Boden und eine der reichsten Kulturregionen der Türkei. Um 600 v.Chr. war Harran die Residenz des letzten Assyrerkönigs, in babylonischer Zeit eine Reise- und Handelsstation mit Hochkultur.

     Es war der Ort, der mehrfach im Alten Testament als Haran erwähnt wird. Und es war der Flecken, an dem 53 v.Chr. 25.000 römische Kämpfer in einer Schlacht gegen das Großreich Parthien untergingen. Eine der größten Niederlagen Roms überhaupt, wie es der Grieche Plutarch bemerkte.

     Über tausend Jahre später, im Frühsommer 1104, ging es christlichen Kreuzrittern nicht besser. Sie wurden damals in einem der größten Feldgefechte von den Seldschuken bei Harran geschlagen. Die Stadt hatte da bereits seit 300 Jahren ihre Universität!

 

 

Kulturgut Architektur: Alte konische Harran-Häuser. Foto © Sezai Sahmay Turkey Cultural and Tourism Istanbul

 

Bazda-Höhlen bei Harran, Teil des "Harran-Earthworks-Projekt“. Foto © Ministry of Cultural and Tourism Istanbul

 

Alles Historie. In dieser Wüstenei mit den Bazda-Höhlen (Harran Caves) erinnern heute noch archäologische Überreste an den einstigen Kultur-Hotspot und Baufachleuten mögen die spektakulären konischen Häuser aus Schlammziegeln und den kegelförmigen Dächern etwas sagen. Zumal dann, wenn sie sozusagen das europäische Pendant und Weltkulturerbe, die apulischen Trulli von Alberobello, kennen.

 

Ist der Mann größenwahnsinnig? So fragte die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) mit Blick auf das Vorhaben. Michel Comte, eine Art Umweltaktivist, Chronist der Klimakatastrophe und Landkünstler mit einer ungeheuren Leidenschaft für die Natur, hat eine Vision für Harran: Zwanzig bis fünfundzwanzig Meter breite helle Stein-Kreise, einige davon als Kanäle angelegt und mit Wasser gefüllt, andere wiederum mit Solarpaneelen ausgebaut und Licht abgebend, sollen über Kilometer mit einer Sound-Installation ein Gesamtkunstwerk bilden und selbst noch auf Satellitenbildern identifizierbar sein. Die Kreisskulpturen werden, so wird Comte zitiert, das Sternzeichen des Orion formen und damit an den steten Wunsch der Menschen erinnern, sich mit den Kräften des Universums zu verbinden. Soviel zur mystischen Seite der Sache.

 

Michel Comte Aialik Glacier in Alaska. Die Gletscherzunge ist mit Folie bedeckt, nachdem sie bei der Katastrophe des Öltankers Exxon Valdez kontaminiert worden war Foto © Michel Comte 2017 Fotoquelle © Association Bon pour la tête 2017

 

Künstlerisch betrachtet ist klar, dass das „Harran-Earthworks“-Projekt in der Tradition der US-amerikanischen Land-Art steht. Denn auch hier handelt es sich um die Umwandlung von geographischem Raum in ein Kunstwerk. Große Namen dieser Kunstrichtung werden als Vorbilder bemüht: Robert Smithson, Andy Goldsworthy oder Michael Heizer.

     Der US-Bildhauer Heizer (*1944), dem in der Kölner Böhm Chapel (mehr) bereits eine Schau gewidmet war, steht exemplarisch für Vergänglichkeit wie Bestand derartiger Bodenkunstwerke. Eines seiner frühesten Earthworks war 1969 „Munich Depression“. Eine mit Bulldozern in Neuperlach gegrabene Bodeninstallation, vulgo: ein Loch, das noch im selben Jahr wieder zerstört wurde.

     Heizers wirkmächtigste Land-Art entstand ein Jahr später in der Wüste von Nevada. Sie heißt „Double Negative“ und ist auch heute noch zu sehen. Könnte „Harran Earthworks“ von Comte vielleicht nicht auch zum „Landmark of Land-Art“ werden?

K2M